Hormone Die Macht des Eisprungs

Rund um den Eisprung sind Frauen besonders wählerisch. Doch nach welchen Kriterien suchen sie ihre Sexualpartner aus? Und was ist mit dem Mythos, dass der Zyklus das politische Wahlverhalten beeinflusst?

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Es gibt Tage, an denen Männer sich eine Bedienungsanleitung für Frauen wünschen und darüber rätseln, was im Kopf ihrer Partnerin vor sich geht. Ein Blick auf den Hormonspiegel könnte in solchen Momenten helfen, denn Frauen unterliegen viel größeren hormonellen Schwankungen als Männer. Ihr körpereigener Hormoncocktail verändert sich ununterbrochen im Laufe eines Zyklus, also in dem Zeitraum von etwa einem Monat, der am Tag der Menstruation beginnt und einen Tag vor der nächsten Periode endet.

Aktenzeichen XX - zur Autorin
  • Der weibliche Unterleib ist so aufregend wie unerforscht: Medizinern gibt er Rätsel auf, bei Männern sorgt er für Faszination, doch bei Frauen erzeugt er oft Scham und Zweifel. Heike Kleen will mit verbreiteten Vorurteilen aufräumen und weiblichen Stolz wecken. Von erstaunlichen Vorgängen und neuesten Forschungsergebnissen aus diesem Bereich und anderen Aspekten von Weiblichkeit erzählt sie künftig in dieser Serie. Kleen ist freie Journalistin und TV-Autorin für Talkshows in ARD, ZDF und NDR. Ihr Sachbuch "Das Tage-Buch" erschien 2017 im Heyne Verlag.

Mal haben die "weiblichen" Östrogene die Oberhand, dann mischt das weniger beachtete Progesteron plötzlich alles wieder auf - und das beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche.

Rund um den Eisprung, wenn der Östrogenspiegel am höchsten und die Frau fruchtbar ist, ist sie sehr durchsetzungsfähig, hat feinste Laune und wirkt besonders attraktiv. Diese besondere Ausstrahlung kann man sogar bildlich festhalten, wie Wissenschaftler der Universität Bern herausfanden. Anhand von Fotos fruchtbarer Frauen konstruierten sie eine Art Eisprung-Archetyp, passten weitere Frauenbilder an diese Vorlage an - und siehe da: Die Männer nahmen die feinen Nuancen wahr und bewerteten genau diese Frauen als besonders attraktiv und fürsorglich. Da sage noch mal jemand, Männer würden nichts mitkriegen.

Hormoneller Shopping-Rausch

Der veränderte Hormonspiegel rund um den Eisprung macht nicht nur sexy, er kann sich auch auf das Kaufverhalten auswirken. Manche Frauen shoppen jetzt anders, sie geben mehr Geld für aufreizende Kleider und Kosmetik aus. Schließlich hat das Gehirn Wind von den Vorgängen im Unterstübchen bekommen und will nicht nur die männliche Gattung auf sich aufmerksam machen, sondern auch die weibliche Konkurrenz ausschalten.

Eine Studie der University of Minnesota's Carlson School of Management zeigt, dass Frauen sich bei ihrer Kleidungsauswahl an dem Stil der Frauen in ihrer Umgebung orientieren. Mit anderen Worten: Sie scannen den Look ihrer Rivalinnen - jede Frau kennt diesen Blick - und legen noch eine Schippe drauf, um aus der Masse herauszustechen.

Trinkgeld für den Eisprung

Auch ohne zusätzliche Staffage nehmen Männer wahr, wann eine Frau fruchtbar ist: Nicht nur ihre Gesichtszüge wirken weicher, auch ihr Schweiß riecht in dieser Phase besonders anziehend. Für eine Studie der finnischen Universität Jyväskylä trugen zweiundachtzig Frauen zwei Nächte lang ein T-Shirt direkt auf der Haut, danach bewerteten 31 Männer und 12 Frauen die sexuelle Attraktivität und Intensität der Gerüche. Nur die Männer waren in der Lage, die T-Shirts der fruchtbaren Frauen zu erschnüffeln, sie dufteten für sie besonders verführerisch.

Rund um den Eisprung sind auch die Bewegungen fließender: Striptease-Tänzerinnen bekommen an diesen Tagen bis zu 150 Dollar mehr Trinkgeld als in anderen Phasen des Zyklus, stellte der Psychologe und Evolutionsbiologe Geoffrey Miller von der University of New Mexico bereits 2007 in einer Versuchsreihe fest. Dagegen waren die Einkünfte der hormonell verhütenden Tänzerinnen gleichbleibend, denn Pillen-Schluckerinnen haben keinen Eisprung.

Das bedeutet auch, dass sie nicht erschnüffeln können, wer genetisch zu ihnen passt - ein echter Selektionsnachteil, wenn es um die Fortpflanzung geht. Denn mit der Einnahme von hormonellen Verhütungsmitteln, die dem Körper eine Art Schwangerschaft vorgaukeln, interessiert die Frau sich vorrangig für Männer, die ihr genetisch ähnlich sind - und das wiederum ist schlecht für den Genpool des Nachwuchses. Es ist sogar möglich, dass eine Frau ihren Partner nach dem Absetzen der Pille im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr riechen kann, denn plötzlich weiß ihre Nase wieder, mit wem sie die gesündesten Babys zeugen kann.

Lust auf Testosteron

Wittern Frauen in der fruchtbaren Zeit das Androstenon im Schweiß eines Mannes, ist es schnell um sie geschehen. Dieses Abbauprodukt des männlichen Sexualhormons Testosteron fungiert als eine Art Lockstoff und ist das, was Frauen an allen anderen Tagen des Zyklus bei manchen Männern als Gestank wahrnehmen - aber in der Mitte des Zyklus wirkt es auf Frauen sexuell erregend.

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Genug gestylt und geschnüffelt - kommen wir endlich zur Sache: Erwiesen ist, dass Frauen während des Eisprungs dank des hohen Östrogenspiegels mehr Lust auf Sex haben. Zur Fortpflanzung wählen sie lieber den testosterongeladenen Draufgänger als den netten Kerl. Offensichtlich halten sie das Sperma des maskulinen Casanovas für wertvoller als eine dauerhaft verlässliche Hilfe zu Hause. Oder wissen sie insgeheim, dass die meiste Arbeit sowieso an ihnen hängenbleibt und nutzen lieber die Gelegenheit, sich mit dem attraktiveren Modell zu paaren?

Rund um den Eisprung erhöht sich bei Frauen in Beziehungen außerdem die Bereitschaft zum Seitensprung. Gleichzeitig erwacht beim langjährigen Partner plötzlich die Eifersucht, wie Rob Burriss und Anthony Little von der Universität Liverpool herausfanden.

Im Video: Wie beeinflussen uns Sexualhormone?

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Mit all diesem Wissen um die Macht der Hormone lag für die US-amerikanische Psychologin Kristina Durante und ihre Kollegen die Annahme nahe, dass der Zyklus der Frau auch ihr politisches Wahlverhalten beeinflussen könnte. Dieser Frage ging die Forscherin gemeinsam mit einem Team im Jahr 2012 im Rahmen von zwei Studien rund um die Präsidentschaftswahlen zwischen Barack Obama und Mitt Romney nach.

Frauenpower statt Fremdbestimmung

Nach Abschluss ihrer Untersuchung erklärte Durante: In der fruchtbaren Phase würden Single-Frauen eher liberal wählen, während Frauen in festen Beziehungen während des Eisprungs konservativer abstimmten als sonst. Die waghalsige Begründung: Rund um den Eisprung hätten Frauen generell Lust auf Sex und seien offen für Neues - aber nur Single-Frauen könnten dieses Bedürfnis einfach ausleben. Die verheirateten Frauen hingegen würden sich, um die Ehe nicht aufs Spiel zu setzen, verzweifelt an konservatives und religiöses Gedankengut klammern.

Wie zu erwarten, war der Aufschrei groß, die Forscherin erntete für ihre Studie viel Kritik von Wissenschaftlern und Feministinnen. Die Ergebnisse würden allen gängigen evolutionspsychologischen Theorien widersprechen, zudem seien diese Tendenzen weder bei Umfragen noch in politischen Studien je aufgefallen. Eine Gruppe versuchte sogar, die Ergebnisse zu reproduzieren - und scheiterte.

Doch auch wenn der weibliche Unterleib nicht mächtiger ist als der weibliche Verstand - ebenso wenig wie Männer nur triebgesteuert sind -, wird unser aller Verhalten täglich auch von unseren Hormonen beeinflusst. Umso wichtiger ist es, als Frau den eigenen Zyklus zu kennen und dieses Wissen zu nutzen. Profitieren wir also bewusst von den positiven Effekten rund um den Eisprung, setzen wir uns kritisch mit hormonellen Verhütungsmitteln auseinander und genießen wir unsere Lust!

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
dasfred 20.07.2018
1. Die Frau als willenloses Opfer ihrer Hormone
Gewagte Theorie. Natürlich habe ich als Schwuler auch schon Frauen erlebt, denen ihr Zyklus durchaus anzumerken ist. Was aber hier unterstellt wird, bedeutet, dass Frauen, die ihren Zyklus nicht durch Hormone unterdrücken, nur bedingt zurechnungsfähig sind. Triebgesteuert suchen sie dann plötzlich nach neuen Männern, weil sie der Mann, den sie unter Einfluss der Pille gewählt hat, plötzlich nicht mehr interessant ist. Wenn hier ein Kaufrausch ausgelöst wird, dann frage ich mich, wann die Boutiquen Pheromone vernebeln. Wenn ich bedenke, dass uns Männern seit jeher Triebhaftigkeit unterstellt wird, verbunden mit der Erwartung an absolute Selbstbeherrschung und der Frau im Artikel indirekt unterstellt wird, sie würde konservativ wählen, wenn sie ihre hormonellen Begierden nicht ausleben kann, dann ist das Forschungsergebniss der größte Rückschritt in der Geschichte der Emanzipation. Oder sollte man Frau Stokowskis wöchentliche Kolumne mal auf Schwankungen im Zyklus prüfen. Schließlich löst sie ja auch oft unterschiedlich starke Reaktionen im Forum aus.
aleron 20.07.2018
2. Ich kann das Verhalten
Nur allzugut bestätigen. Ich bin ein Mann und merke ziemlich schnell bei meiner Freundin wenn sie ihren Eisprung hat. Wie in dem Artikel schon richtig festgestellt wurde beginnt dann die 'Phase'. Meine Angebete putzt sich heraus, blickt abfällig auf die ' Konkurrenz ' herab und die Wohnung wird auf Vordermann gebracht. Und ja, auch ihr Gruch verändert sich, aber ich finde es ok und muss immer wieder lächeln, wenn die Tage wieder dann sind. Ich würde mir eher Sorgen machen wenn dieses Verhalten bei ihr ausbleiben würde.
santoku03 20.07.2018
3.
Zitat von dasfredGewagte Theorie. Natürlich habe ich als Schwuler auch schon Frauen erlebt, denen ihr Zyklus durchaus anzumerken ist. Was aber hier unterstellt wird, bedeutet, dass Frauen, die ihren Zyklus nicht durch Hormone unterdrücken, nur bedingt zurechnungsfähig sind. Triebgesteuert suchen sie dann plötzlich nach neuen Männern, weil sie der Mann, den sie unter Einfluss der Pille gewählt hat, plötzlich nicht mehr interessant ist. Wenn hier ein Kaufrausch ausgelöst wird, dann frage ich mich, wann die Boutiquen Pheromone vernebeln. Wenn ich bedenke, dass uns Männern seit jeher Triebhaftigkeit unterstellt wird, verbunden mit der Erwartung an absolute Selbstbeherrschung und der Frau im Artikel indirekt unterstellt wird, sie würde konservativ wählen, wenn sie ihre hormonellen Begierden nicht ausleben kann, dann ist das Forschungsergebniss der größte Rückschritt in der Geschichte der Emanzipation. Oder sollte man Frau Stokowskis wöchentliche Kolumne mal auf Schwankungen im Zyklus prüfen. Schließlich löst sie ja auch oft unterschiedlich starke Reaktionen im Forum aus.
Haben Sie keinen besseren Einwand gegen ein überprüfbares Forschungsergebnis, als dass es Ihnen nicht gefällt? Drollig. Zitieren Sie doch bitte lieber die Studie, die dieses Ergebnis falsifiziert. Oder kennen Sie keine? Glauben Sie wirklich, wir hätten uns bereits so weit über die Natur erhoben, dass diese keinen Einfluss mehr auf uns ausübt? Wir sind (noch) keine Roboter oder Cyborgs.
taglöhner 20.07.2018
4.
Zitat von dasfredGewagte Theorie. Natürlich habe ich als Schwuler auch schon Frauen erlebt, denen ihr Zyklus durchaus anzumerken ist. Was aber hier unterstellt wird, bedeutet, dass Frauen, die ihren Zyklus nicht durch Hormone unterdrücken, nur bedingt zurechnungsfähig sind. Triebgesteuert suchen sie dann plötzlich nach neuen Männern, weil sie der Mann, den sie unter Einfluss der Pille gewählt hat, plötzlich nicht mehr interessant ist. Wenn hier ein Kaufrausch ausgelöst wird, dann frage ich mich, wann die Boutiquen Pheromone vernebeln. Wenn ich bedenke, dass uns Männern seit jeher Triebhaftigkeit unterstellt wird, verbunden mit der Erwartung an absolute Selbstbeherrschung und der Frau im Artikel indirekt unterstellt wird, sie würde konservativ wählen, wenn sie ihre hormonellen Begierden nicht ausleben kann, dann ist das Forschungsergebniss der größte Rückschritt in der Geschichte der Emanzipation. Oder sollte man Frau Stokowskis wöchentliche Kolumne mal auf Schwankungen im Zyklus prüfen. Schließlich löst sie ja auch oft unterschiedlich starke Reaktionen im Forum aus.
Das ist statistisch abgesichert, gar nicht gewagt. Und natürlich ließen sich stilistisch und inhaltlich signifikante Unterschiede damit auch in weiblichen Kolumnen entdecken. Gewagt wäre, diese Erkenntnisse von einem männlichen Experten berichten zu lassen :). Ich vermisse den Teil zum homonellen Beitrag zur MINT-Affinität.
dasfred 20.07.2018
5. Zu Nr.3 santoku03
Ich bezweifle gar nicht den Einfluss von Hormonen, ich bezweifle aber, dass dieser so groß ist, dass die Frau ansich plötzlich die Kontrolle über sich verliert. Jede Frau kennt ihre eigenen Stimmungsschwankungen, aber gleichzeitig entwickelt sie eben auch Strategien, diese zu kontrollieren, soweit es notwendig ist. Ansonsten wäre diese Welt überschwemmt von weiblichen Weinsteins, die an ihren fruchtbaren Tagen jede Zurückhaltung verlieren. Oder, wie der Artikel vermittelt, versagt sie sich die leiblichen Genüsse, muss sie zwanghaft konservative Parteien wählen. Ich traue Frauen nun mal zu, dass sie in der Lage sind, ihre Hormone unter Kontrolle zu halten.
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