Intimchirurgie: Riskante Operation unter der Gürtellinie
Eine Intimrasur zählt für viele zur normalen Körperpflege. Doch nicht jedem gefällt, was sich unter den Haaren verbirgt. Als Ausweg sehen manche nur eine Schönheitsoperation. Dabei nehmen sie erhebliche Risiken in Kauf, häufig werden die Eingriffe verharmlost.
Es gibt wohl nur wenige Menschen, die mit ihrem Körper rundum zufrieden sind. Die meisten arrangieren sich dennoch mit ihrem Spiegelbild. Manchen aber ist fast jeder Preis recht, um ein Idealbild zu erreichen, das ihnen durch den Kopf spukt. Immer mehr Menschen legen sich sogar wegen ihres Intimbereichs unters Messer, berichten Fachleute. Die damit verbundenen Risiken schieben sie beiseite.
"Wie abstehende Ohren oder Höckernasen gibt es auch im Intimbereich eine ganze Variation von Erscheinungsbildern", sagt der in Leipzig niedergelassene Gynäkologe Marwan Nuwayhid. Er hat vor Kurzem die Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie Deutschland (Gaerid) gegründet. Den Wunsch nach Veränderung auch an den Geschlechtsteilen hält er für ganz natürlich. So gebe es zum Beispiel Frauen, die extrem unter großen Schamlippen leiden, weil sich diese etwa beim Reiten oder Radfahren wund scheuerten oder beim Tragen enger Jeans im Weg seien. Manche störten sie auch beim Sex. Befördert werde der Wunsch nach Korrektur zudem durch den anhaltenden Trend zur Intimrasur.
"Es kommen auch Patientinnen aus rein ästhetischen Gründen zu uns, die sagen 'Ich fühle mich nicht wohl damit, ich möchte das korrigieren lassen'", sagt der Mediziner. Wieder andere wünschten sich einen "juvenilen Look" ihrer altersbedingt erschlafften Schamlippen, und bei manchen sei die Scheide nach drei Geburten stark erweitert. Schamlippenverkleinerungen und Scheidenstraffungen sind die häufigsten Eingriffe im Genitalbereich.
Schönheitschirurg keine geschützte Berufsbezeichnung
Aber auch Männer gehören zunehmend zu den Kunden von Intimchirurgen. "Immer noch ein Tabuthema ist zum Beispiel eine Hodensackerschlaffung", sagt Nuwayhid. Dabei hängen die Hoden tief zwischen den Oberschenkel und können zum Beispiel beim Sport stören - oder auch allein beim Anblick. Ebenso müsse kein Mann mit einem zu kurzen oder zu dünnen Glied leben, sagt der Mediziner. Penisverlängerungen oder -verdickungen seien ebenfalls möglich.
Doch die Operationen bergen viele Risiken. "Schönheitschirurg" etwa ist keine geschützte Berufsbezeichnung und garantiert weder eine spezielle Ausbildung noch ausreichend Erfahrung. Der Berufsverband der Frauenärzte empfiehlt auf seiner Homepage, auf die Bezeichnung "Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie" als staatlich geprüftes und vertrauenswürdiges Qualitätsmerkmal zu achten und sich gründlich über Risiken des medizinisch unnötigen Eingriffs aufklären zu lassen. Denn wie bei jeder anderen Operation kann viel schiefgehen.
Die meisten Menschen seien dem Versprechen ästhetischer Chirurgen schutzlos ausgeliefert, befürchtet die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg. "Viele Leute werden erst durch solche Eingriffe krank." Zur Intimchirurgie - wie für viele andere ästhetische Eingriffe auch - gebe es keine unabhängigen Informationen. Patienten sollten sich immer vor Augen führen: "Medizin ist bei uns ein Geschäft."
Risiken: Infektionen, Narben, Verwachsungen
Schon 2009 warnten auch die Diplom-Psychologin Ada Borkenhagen und andere Autoren im "Deutschen Ärzteblatt" davor, dass Risiken bei Intim-OPs in der Regel bagatellisiert würden. Vor allem die Verkleinerung der Schamlippen werde oft als "kleiner Eingriff" verharmlost. "Komplikationen können aber auch hier schwerwiegende Funktions- und Empfindungseinschränkungen zur Folge haben." Risiken seien unter anderem Infektionen, Narben, Verwachsungen oder Schmerzen beim Sex.
Laut der Empfehlung führender Gynäkologen sollte für jeglichen genitalchirurgischen Eingriff ein medizinischer Grund vorliegen, schreiben die Autoren. Denn oft spielten auch seelische Faktoren eine bedeutende Rolle: Dem OP-Wunsch liege möglicherweise ein psychischer Konflikt zugrunde, der durch einen Schnitt gelöst werden solle. So könnten sich dahinter Depressionen, narzisstische Störungen, Sexualstörungen oder Reifungskonflikte verbergen.
Das Gefühl des vermeintlichen Anderssein beruhe auf einer medial vermittelten Norm, wie ein perfekter Körper auszusehen hat, denkt Mühlhauser. "Es ist ungeheuerlich, dass Normalität pathologisiert wird", kritisiert sie. Befindlichkeitsstörungen, die mit Krankheiten nichts zu tun haben, würden zu Problemen definiert, an deren Lösung ein Arzt dann Geld verdienen dürfe. Es müsse viel stärker ins öffentliche Bewusstsein gelangen, dass es ein Spektrum der Normalität und des Variantenreichtums des menschlichen Körpers gebe, das nicht einer bestimmten Norm entsprechen sollte, fordert sie.
- Welche Risiken birgt die Intimrasur?
Corbis - Welche Methoden sind am schonendsten?
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Nina Zimmermann, dpa
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