Intimrasur Vom Aussterben bedroht: Schamhaare

Der menschlichen Körperbehaarung wurde der Krieg erklärt: Es wird rasiert, epiliert und gewaxt bis in die wörtlich letzte Ritze. Aber warum macht sich der Mensch freiwillig zum Nacktmull?

Eva Haeberle / SPIEGEL ONLINE


Als eine Freundin mir neulich erzählte, dass sie sich die Haare zwischen den Po-Ritzen hat entfernen lassen, war ich einigermaßen sprachlos. Sie schilderte mir diese erniedrigende Prozedur plastisch: Vierfüßlerstand, Heißwachs und Vliesstreifen - sie sei dabei vor Schmerzen fast ohnmächtig geworden. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Fragen schossen mir durch den Kopf. Wo soll dieser Enthaarungswahn enden? Werden wir eines Tages Wimpern widerlich finden? Und sollten wir die Flimmerhärchen im Ohr sicherheitshalber unter Naturschutz stellen? Und vor allem: Für wen macht Frau so was?

Für den Partner? Das fände ich einigermaßen absurd. Haben doch Männer, wenn es um die eigene Behaarung geht, einen sehr großen Toleranzbereich. Sobald Frauen sich darüber beklagen, wie viel Geld und wertvolle Lebenszeit sie in das Entfernen von Körperhaaren investieren, entgegnen Männer: "Aber wir müssen uns doch auch jeden Tag rasieren!"

Ja, liebe Männer, das stimmt - aber wenn ihr es nicht tut, droht euch nichts! Ihr werdet je nach Bartwuchs entweder zum trendigen Hipster erklärt oder mit Jörg Kachelmann verwechselt. Waxen Frauen sich die Po-Ritze also für sich selbst? Das fände ich fast noch bedenklicher. Bei welcher Gelegenheit sollte ich als Frau diese Haare als störend empfinden?

Igitt, ein schwarzes Haar!

Bei all diesen Überlegungen dürfen wir nicht vergessen, dass der gesellschaftliche Druck beim Thema Behaarung nicht nur groß ist, sondern immer weiter steigt: Verzichtet eine Frau spontan auf sämtliche Haarentfernungsutensilien (und das sind wahrlich mehr als ein Nassrasierer), darf sie sich auf einen Shitstorm der Windstärke 10 bis 11 einstellen. Ein schwarzes Haar auf dem großen Zeh von Heidi Klum sorgte 2016 für hitzige Diskussionen im Netz. Das schwedische Model Arvida Byström, das sich vergangenes Jahr in einer Adidas-Kampagne mit unrasierten Beinen zeigte, wurde mit einem Affen verglichen und erhielt Vergewaltigungsdrohungen.

Kein Wunder also, dass Frauen hierzulande täglich zum Rasierer, Epilierer und zur Pinzette greifen oder ihre Freizeit in Waxing-Studios verbringen. Mindestens vier Zonen gilt es zu beackern: Beine, Achseln, Genitalbereich und Augenbrauen. Preislisten von Waxing-Studios listen ca. 40 weibliche Körperregionen auf, die es zu enthaaren gilt, vom halben Arm bis hin zur einzelnen Zehe.

Das Schönheitsideal vom glatten Körper ist nicht neu, bereits in der Steinzeit schliff der Mensch sich Steine zur Haarentfernung, in der Antike braute er sich entsprechende Essenzen zusammen, und der Koran schreibt das regelmäßige Entfernen von Achsel- und Schamhaaren vor.

Jeder Mensch hat rund fünf Millionen Haare am ganzen Körper (ja, auch Frauen), und nur unsere Handflächen, Fußsohlen sowie die Schleimhäute sind frei davon. Nur ca. 100.000 bis 150.000 dieser Haare werden uneingeschränkt geschätzt - das Haupthaar. Aber auch hierbei handelt es sich um nichts anderes als abgestorbene Zellen, und wie die gesamte Körperbehaarung dient es zum Schutz vor Licht, Kälte und Feuchtigkeit.

Sind Schamhaare vom Aussterben bedroht?

Der größte Teil der Körperbehaarung ist nur feiner Flaum, über den halbwegs großzügig hinweggesehen wird, für Aufsehen sorgt jedoch die in der Pubertät entstehende Achsel-und Schambehaarung. Während Nena in den Achtzigerjahren der Welt bedenkenlos ihre Achselhaare präsentierte, haben die meisten ab 1980 geborenen Männer noch nie weibliche Schambehaarung zu Gesicht bekommen.

Aktenzeichen XX - zur Autorin
  • Der weibliche Unterleib ist so aufregend wie unerforscht: Medizinern gibt er Rätsel auf, bei Männern sorgt er für Faszination, doch bei Frauen erzeugt er oft Scham und Zweifel. Heike Kleen will mit verbreiteten Vorurteilen aufräumen und weiblichen Stolz wecken. Von erstaunlichen Vorgängen und neuesten Forschungsergebnissen aus diesem Bereich und anderen Aspekten von Weiblichkeit erzählt sie künftig in dieser Serie. Kleen ist freie Journalistin und TV-Autorin für Talkshows in ARD, ZDF und NDR. Ihr Sachbuch "Das Tage-Buch" erschien 2017 im Heyne Verlag.

Eine Studie der Universität Leipzig belegte diesen Trend bereits im Jahr 2008: 314 Studentinnen und Studenten mit einem Durchschnittsalter von 23 wurden zur Entfernung von Körperhaaren befragt, das Ergebnis: 88 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer rasieren sich im Intimbereich. Als Gründe für die schmerzhafte und kostspielige Prozedur, die Jucken und Kratzen nach sich zieht und einen schon bald zwangsläufig zum Wiederholungstäter macht, werden gern die Hygiene und das Aussehen genannt.

Sex als haarige Angelegenheit

Wer nackte Genitalien vorzuweisen hat, fühlt sich heute sexuell attraktiver, wobei die biologische Funktion von Schamhaaren außer Acht gelassen wird: An ihnen setzten sich die Sexuallockstoffe fest und werden wie mit einem Fächer verbreitet, um Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Das unbehaarte Geschlecht mag sich also attraktiver anfühlen - doch anziehender im wahrsten Sinne des Wortes ist es nicht.

Hygienisch ist die Haarlosigkeit auch nicht, im Gegenteil: Schamhaare schützen vor dem Eindringen von Schmutz, außerdem saugen sie Schweiß auf und verhindern so, dass Bakterien und Pilze sich vermehren. Bei der Haarentfernung entstehen im Schambereich zudem Hautreizungen, also viele kleine Wunden, die sich entzünden und über die beim Sex Viren übertragen werden können.

Designer-Vulva im Barbie-Look

Es muss die ästhetische Norm sein, die uns zur Komplettrasur zwingt: Doch warum soll das weibliche Geschlecht wie das eines Kindes aussehen? Unterwirft sich die Frau dem Mann, indem sie unreif und schutzlos aussieht? Oder ist es ganz anders, ist das Zeigen des unbedeckten weiblichen Genitals womöglich eine Form von Emanzipation und Selbstbestimmung? Seht euch dieses wunderbare und einzigartige Körperteil genau an, es ist der Ursprung der Welt!

Schön wär's. Dagegen spricht die Tatsache, dass mit der Schamhaarentfernung die Zahl der Intim-Operationen zugenommen hat: Das weibliche Geschlecht hat nach wie vor ein Imageproblem und wird optimiert, auch ohne Haare darf nicht zu viel von ihm sichtbar sein. Das Ziel ist die Designer-Vulva im Barbie-Look.

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Heike Kleen:
Das Tage-Buch

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Heyne Verlag; 240 Seiten; 14,99 Euro

Waxen oder wachsen lassen?

Über diesen Wahnsinn könnte hinwegtrösten, dass der Trend zur Totalrasur auch vor Männern nicht haltmacht - doch der Playboy stärkt in einem Onlineartikel mit dem Titel "Trimm dich!" die männliche Intimzone: "Glatt muss es nicht sein - Sie sind schließlich erwachsen. Aber eine gestutzte Hecke hat Vorteile: Sie erfreut nach sexualkundlichen Studien die meisten Frauen. Und sie lässt das Haus größer aussehen." Liebe Metaphern-Könige beim Playboy - warum sollen Frauen untenrum nicht auch erwachsen aussehen?

insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
Olaf 28.08.2018
1. Macht doch
Warum tun Frauen gerne so, als bräuchten sie die Erlaubnis der Männer für irgend etwas? Als ob sie das sonst interessieren würde, wenn es um Fragen der Mode oder Kosmetik geht. Mädels, macht das unter euch aus und hört auf so zu tun, als wäre unsere Meinung euch dazu wichtig.
frietz 28.08.2018
2.
auf einer gemähten Wiese ist selbst der Gartenzwerg ein Riese! Mann macht ihn eben größer. Warum 30-jährige wie 10 jährige untenrum aussehen wollen, erklärt sich mit nicht wirklich. Und gegen das Argument Hygiene gibt es ein einfaches Mittel: WASCHEN!
cruiserxl 28.08.2018
3. oh man bin ich froh...
..das ich die Phase der äußerlichen / oberflächlichen Selbstoptimierung hinter mir habe - es ist so befreiend.
falsemove 28.08.2018
4. Bitte mit Wolle !
Ich halte es da von der Neigung her wie meine Vorfahren : Ein Bär , der richtig brummen will , sollte auch Pelz haben... Und , quasi als Alternative zur Qual der Geschlechter : Lästige Schamhaare einfach ausspucken ! Viel Spass !
groth2 28.08.2018
5. Einfach gesundes Körperverhältnis zu sich selbst haben
Netter Artikel, grundsätzlich ist ja bei vielen das Problem, dass sie sich für ihren Körper schämen, weil er nicht wie ein photogeshoptes Werbeplakat rüberkommt. Das macht dann einfach im Einvernehmen zum Körper das Problem, dass man sich nicht überlegt "was gefällt mir, fühlt sich gut an", sondern, "was erwarten andere udn wofür muss ich mich schämen, was ist angesagt". Ich persönlich finde es natürlich beim Oralsex sehr viel angenehmer, wenn man sich nicht durch einen meterhohen Busch kämpfen muss, aber wenn es eine gepflegte Wiese ist, dann ist doch alles ok. Haare im Mund sind eben unangenehm (für die meisten wahrscheinlich). Alles andere ist eben gesundes Körperverhältnis... und das ist dann viel entspannter, wie Angst zu haben, dass noch hier ein Haar rausschaut oder irgendwelche Härchen die vom Germanys Next Top Model TÜV zugelassenenen 0,078 mm überschreitet. Daher einfach mal das tun, was einem gefällt und was man mag. Und vor allem dran denken, was man vom Partner erwartet, sollte man selber auch bringen...
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