Pharma-Tests für Frauen-Lustpille: Testosteron mit Pfefferminzgeschmack

Von Julia Merlot

Sechs von zehn Frauen berichten über Probleme in ihrem Sexualleben. Forscher wollen das ändern und arbeiten an einer Lustpille für die Frau. Doch die Entwicklung läuft schleppend - und geht an den wahren Ursachen einer Sexflaute vorbei.

Pille für mehr Lust auf Sex? Wirkstoffe wie Viagra machen bei Frauen kaum Sinn Zur Großansicht
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Pille für mehr Lust auf Sex? Wirkstoffe wie Viagra machen bei Frauen kaum Sinn

Er hat Lust, kann aber nicht. Sie kann theoretisch, hat aber keine Lust. Zwischen den Problemen, die Männer und Frauen im Bett haben, liegen manchmal Welten. Das soll sich bald ändern. Pharmaforscher sind auf der Suche nach einer Lustpille für die Frau, die ähnlich wie Viagra der Flaute im Bett ein Ende setzt - und die Kassen der Industrie zum Klingeln bringen soll.

"Der Bedarf nach einem libidofördernden Medikament für Frauen ist da", sagt Uwe Hartmann, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin. In einer Studie mit knapp 4500 Teilnehmerinnen berichteten sechs von zehn Frauen von Problemen im Hinblick auf ihre Sexualität. Doch die Entwicklung einer guten Lustpille ohne gravierende Nebenwirkungen gestaltet sich schwierig.

Bereits 2007 zeigte Meredith Chivers, heute Sexualforscherin an der Queen's University im kanadischen Kingston, dass die Reaktion der Vagina auf sexuelle Reize nicht automatisch mit Lustempfinden verbunden ist. Für ihre Studie spielte die Wissenschaftlerin 47 Frauen und 44 Männern Filme mit sich paarenden Bonobo-Affen vor. Das Ergebnis: Während die Männer nicht auf die Videos reagierten, erhöhte sich die Durchblutung der Geschlechtsteile bei den Teilnehmerinnen. Lust empfanden diese aber nicht.

Der Schlüssel zur Lust liegt im Gehirn

Da wundert es nicht, dass durchblutungsfördernde Mittel wie Viagra bei Frauen ihre Wirkung verfehlen. Längst versuchen Wissenschaftler deshalb, an der Steuerung im Gehirn zu schrauben. Derzeit werden etwa die Medikamente Lybridos und Lybrido in zwei klinischen Studien in den USA an jeweils gut 200 von Unlust geplagten Frauen getestet. Lybrido soll jenen Frauen zu mehr Lust verhelfen, die kaum auf sexuelle Reize reagieren. Lybridos ist für solche, die zwar Erregung verspüren, sich aber leicht durch Alltagsstress ablenken lassen.

Die Medikamente bestehen aus je zwei Wirkstoffen: Ihre Hülle ist mit Testosteron und Pfefferminzgeschmack überzogen und wird abgelutscht, bevor die Frau den Rest der Pille schluckt. Das Hormon Testosteron soll empfänglicher für sexuelle Reize machen. Im Inneren unterscheiden sich die Tabletten: Lybrido, die Pille für generell lustlose Frauen, enthält den Viagra-Wirkstoff Sildenafil. Er soll Blut in die Genitalien treiben. Lybridos beinhaltet Buspiron, das eigentlich gegen Angststörungen eingesetzt wird, weil es langfristig die Serotoninproduktion im Hirn und damit die Selbstkontrolle fördert. Kurz nach der Einnahme geschieht aber genau das Gegenteil: Serotonin wird unterdrückt, das kann den Sexualtrieb befeuern.

In zwei kleineren, von der Herstellerfirma finanzierten Studien mit je etwa 50 Teilnehmerinnen bezeichnen die Entwickler ihre Arzneien im "Journal of Sexual Medicine" als "potentiell vielversprechende Behandlung". Die Hoffnung ist, dass die Kombination von zwei Wirkstoffen den Unterschied zu bisherigen Versuchen macht, eine Lustpille für die Frau zu entwickeln.

Eine Lustpille allein löst das Problem nicht

Bevor die Medikamente auf den Markt kommen können, müssen sie aber noch an mehreren tausend Frauen getestet werden. Bisher scheiterten alle vermeintlich lustfördernden Präparate für die Frau spätestens an dieser Hürde. 2010 stoppte der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim die Entwicklung einer Lustpille für die Frau wegen Bedenken der US-Gesundheitsbehörde FDA über deren Nutzen und mögliche Nebenwirkungen. "Auch was die Wirksamkeit von Lybridos und Lybrido betrifft, bin ich skeptisch", sagt Sexualtherapeut Hartmann.

Der Psychologe hat selbst schon verschiedene luststimulierende Substanzen in klinischen Untersuchungen erprobt, die es später nicht auf den Markt geschafft haben. "Die Reaktionen der Frauen waren ganz unterschiedlich", sagt er. "Manche spürten nichts, andere haben berichtet, sie seien erotischer gestimmt oder merkten Berührungen intensiver." Häufig jedoch sei die Wirkung schnell wieder abgeklungen. "Die eigentliche Ursache der Unlust holt die Betroffenen wieder ein."

Unlust als Frühindikator für andere Probleme

Es gibt viele Faktoren, die Frauen (und auch Männern) die Erregung rauben. Einige haben schlechte Erfahrungen gemacht oder traumatische Erlebnisse hinter sich oder sind insgesamt weniger leicht erregbar. Anderen machen Hormonschwankungen zu schaffen oder psychische Leiden. "Die häufigste Ursache für den Verlust der Libido sind, neben Partnerschaftsproblemen, Stress und depressive Verstimmungen", sagt Hartmann. Diese Ursachen lassen sich bereits gut behandeln, zum Teil zusätzlich zur Sexual- oder Psychotherapie auch mit Hilfe von Tabletten wie Antidepressiva oder angstlösenden Mitteln.

"Probleme im Bett schleichen sich meist langsam ein", so Hartmann. Paare sollten das ernst nehmen, aber auch nicht überdramatisieren. "Es nutzt weder, wenn Männer ihre Frauen zum Sex drängen, noch wenn sie ihnen ewig Zeit geben." Entscheidend sei, eine über mehrere Monate andauernde Flaute im Bett anzusprechen, ohne Vorwürfe zu machen. Frauen könnten im ersten Schritt ihren Frauenarzt zu Rate ziehen, um herauszufinden, warum ihre Lust verschwunden ist.

Derzeit wagen jedoch nur wenige diesen Schritt. Das könnte neben Scham noch einen anderen Grund haben: "Aus meiner Erfahrung leiden die meisten Frauen gar nicht unter ihrer Unlust", sagt Hartmann. "Sie kommen zu mir, weil sie Sorge haben, dass ihre Beziehung an der Flaute im Bett zerbricht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 177 Beiträge
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1. Probleme hin oder her..
rumsi 29.08.2013
ob jedoch Testosteron die Lösung ist, wage ich zu bezweifeln. Es kommen dann Zeiten wo sich die Frauen dann täglich rasieren müssen und bald die C. größer wird als der P. des Mannes.Die "Abkürzungen" aus Jugendschutzgründen.Aber dafür geht´s im Bett ab wie die Hölle. Hoffentlich werden die Rollen nicht versehentlich getauscht.
2. Ursachen und Leid
rennflosse 29.08.2013
Der Artikel bringt es auf den Punkt. Warum sollte eine Frau unter ihrer Lustlosigkeit leiden?? Der Mann leidet, weil (und solange) er kann aber nicht darf. Der Frau ist das piepegal.
3. oben
ctovine 29.08.2013
Das Ideal der dummen, aber willigen Frau ist in dem Film "Fahrenheit 451" ganz treffend gezeigt. Komme nicht umhin gewisse Ähnlichkeiten zu sehen. Man sollte sich nicht in jeden Lebensbreich reinquatschen lassen.
4. Die Biologie des Mannes
jonath2010 29.08.2013
Im Spiegel-Artikel heißt es: "Eine Lustpille allein löst das Problem nicht…..die eigentliche Ursache der Unlust holt die Betroffenen wieder ein….es gibt viele Faktoren, die Frauen (und auch Männern) die Erregung rauben." Dann werden die Faktoren aufgelistet wie "Partnerschaftsprobleme, Stress, depressive Verstimmungen". Das mag alles zum Teil zutreffen, trifft aber meiner Meinung nach nicht den Kern des Problems. Hauptursache für die nachlassende Lust im Bett ist schlicht und einfach, dass der Mann von seiner biologischen Programmierung her nicht monogam, sondern polygam veranlagt ist. Er ist also darauf angelegt, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen, um seine Gene in alle Welt zu verbreiten. Das hört sich lieblos an, aber so ist nun mal die Gehirnstammrinde eines Mannes konstruiert. Dem diametral entgegen stehen nun die gesellschaftlichen Normen, die von den Männern verlangen, immer mit der gleichen Frau zu schlafen (und mit keiner anderen!), Woche für Woche, Jahr für Jahr, und wenn es sein muss: Jahrzehnte. Er soll dabei alle nachteiligen Eigenschaften seiner Partnerin, die ihm inzwischen bewusst geworden sind (und die er übrigens auch hat!) einfach ignorieren und lustvoll über all die Jahre hinweg mit ihr verkehren. Dies kann einfach nicht funktionieren. Die Biologie des Mannes macht da nicht mit.
5. Die Ursache der Unlust heißt:
nimue11 29.08.2013
"Mann". Bei der Auswahl zwischen dem langweiligen Nümmerken oder den ach so aufregenden aber völlig beziehungsfreien Aktivitäten eröffnete sich irgendwann die durchaus machbare Alternative: Es geht auch ohne.
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  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

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