Mythos oder Medizin Bekommen Freundinnen gleichzeitig ihre Tage?

Frauen, die viel Zeit miteinander verbringen, kriegen zur selben Zeit ihre Monatsblutung. Für viele ist das Gesetz und aus Erfahrung bestätigt - aber stimmt es wirklich?

Frauen-Klischee: Gurkenmaske und synchrone Monatsblutung
Corbis

Frauen-Klischee: Gurkenmaske und synchrone Monatsblutung

Von und (Grafiken)


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Beste Freundinnen verstehen sich ohne Worte, lachen über dieselben Witze und kaufen schon mal unabhängig voneinander das gleiche Oberteil. Aber da geht noch mehr: 1971 rechnete Martha McClintock erstmals vor, dass Frauen, die zusammen wohnen oder eng befreundet sind, mit der Zeit auch in immer kürzeren Abständen von einander ihre Regel bekommen. Damals studierte die Forscherin noch Psychologie in Harvard.

Das Wissen hat sich zum Klassiker in der Stammtischkategorie "kuriose Natur der Frau" gemausert: Beste Freundinnen müssen nicht nur gleichzeitig Pipi, sie menstruieren auch im gleichen Takt! Das passt ins Bild. Jenseits der Klischees vermuten Psychologen, dass sich Frauen durch das gemeinsame Erlebnis weniger allein mit dem immer noch tabuisierten Thema fühlen.

Auch das trägt wohl dazu bei, dass sich die Theorie als Wahrheit in den Köpfen so vieler Menschen festgesetzt hat - obwohl sie wissenschaftlich hoch umstritten ist.

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Verflixter Zufall

"Inzwischen haben in etwa gleich viele Studien die These bestätigt wie widerlegt", sagt Melanie Henes, Leiterin des Kinderwunsch-Zentrums an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Neuere Studien bestärken dabei eher die Zweifel. Der Zufall bereitet den Forschern eines der größten Probleme. Denn dass zwei Frauen gleichzeitig ihre Regel haben, ist gar nicht so unwahrscheinlich - selbst dann, wenn sich ihr Zyklus überhaupt nicht verändert.

Bestes Beispiel dafür sind Frauen, die die Pille nehmen. Sie haben einen fest getakteten Zyklus von 28 Tagen. Bei zwei Frauen kann der Beginn der Regel also maximal zwei Wochen auseinander liegen (siehe Grafik), im Durchschnitt ist es eine Woche. Bedenkt man nun, dass jede Frau auch noch mehrere Tage blutet, bekommt man eine Vorstellung davon, wie leicht sich die Regel zweier Frauen zufällig überschneidet.

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Wer es genau wissen will, kann nachrechnen: Damit ganze Zahlen herauskommen, verteilen wir 112 die Pille schluckende Frauen gleichmäßig auf 28 Zyklustage. Dann bekommen im Durchschnitt jeden Tag vier Frauen ihre Regel. Das heißt, eine Frau, die heute ihre Tage bekommt, fängt gleichzeitig mit drei anderen Frauen an zu bluten. Am zweiten, dritten und vierten Tag ihrer Regel bekommen jeweils wieder vier neue Frauen ihre Tage, also insgesamt zwölf (drei mal vier).

Geht man davon aus, dass die Regel jeder Frau vier Tage lang anhält, überschneidet sie sich außerdem am ersten, zweiten und dritten Tag ihrer Periode mit den Frauen, die an den drei Tagen vor ihr ihre Regel bekommen haben, das sind noch mal zwölf. Insgesamt überlagert sie sich also mit 27 (=3+12+12) von insgesamt 112 Frauen, das entspricht etwa 24 Prozent. Eine die Pille einnehmende Frau muss also im Schnitt gut vier andere treffen, bis sie eine in der ungefähr gleichen Zyklusphase findet.

Falsch getaktet geht gar nichts

Und das ist die harmloseste Rechenvariante, denn Menstruationszyklen, die nicht von der Pille gesteuert werden, laufen nicht wie ein Uhrwerk. "Bedenkt man, dass der Zyklus bei vielen Frauen unregelmäßig einsetzt, ist es kaum überraschend, dass er sich dann und wann überschneidet", schreiben Amy Harris und Virginia J. Vitzthum in einem Übersichtsartikel von 2013. Zwei Frauen mit unterschiedlich langen Zyklen bekommen zwangsläufig irgendwann gleichzeitig ihre Tage.

Ein Beispiel: Eine Frau mit 28-Tage-Rhythmus holt eine Frau mit 27-Tage-Rhythmus auf jeden Fall irgendwann ein, denn pro Zyklus gewinnt sie einen Tag. Startet die 27-Tage-Frau im Januar etwa zehn Tage vor der 28-Tage-Frau, bekommen beide im Oktober am exakt selben Tag ihre Regel (siehe Grafik, Frau 27 und 28). Danach überschneidet sich die Blutung bei einer durchschnittlichen Dauer von vier Tagen noch drei Monate, dann vergrößert sich der Abstand wieder - ohne dass sich die Zyklen der Frauen irgendwie verändert hätten.

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Aber auch diese Rechnung ist noch zu einfach: "Der Zyklus einer Frau hat nicht immer genau die gleiche Länge", sagt Henes. Als normal gelten 23 bis 35 Tage. "Das Alter spielt dabei eine Rolle, aber auch Stress sowie Über- und Untergewicht können den Hormonhaushalt kurzfristig beeinflussen und damit die Länge des Menstruationszyklus." Schwankungen sind demnach normal und nicht zwingend ein Beleg für unterschwellige Menstruationssignale der besten Freundin.

Mehr als 40 Jahre nach Martha McClintocks erster Studie zum Thema nahm sich Jeffrey Schank von der University of California ihre Rechnung noch einmal vor. Schrank, einer ihrer ehemaligen Kollegen, ist darauf spezialisiert, Zusammenhänge in mathematischen Modellen zu simulieren. In seiner Auswertung waren die Abstände zwischen zwei Blutungen am Anfang und am Ende der Untersuchung sogar länger als zufällig zu erwarten gewesen wäre. Das spreche eher dafür, dass sich die Zyklen auseinander entwickelt hatten, berichtet er.

Auch der inzwischen verstorbene Anthropologe Clyde Wilson rechnete McClintock 1992 eine ganze Reihe methodischer Fehler vor. Ein anderes Wissenschaftlerteam scheiterte 1992 daran, die Theorie bei 29 lesbischen Paaren zu bestätigen. "Obwohl die Bedingungen in dieser Gruppe theoretisch optimal für eine Synchronisation gewesen sein müssten", so die Forscher.

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Wattebäusche unter den Achseln

Und es gibt noch ein Problem: Eine Erklärung, wie eine Frau den Zyklus der anderen steuern könnte, fehlt. McClintock vermutet, dass Pheromone, spezielle Botenstoffe, die Zyklen gleichschalten. Für einen Versuch, das zu belegen, klemmten sich 1998 neun Frauen in unterschiedlichen Phasen ihres Zyklus jeweils einen Tag einen Wattebausch unter die Achseln. Mit diesem wischte McClintock später 29 Freiwilligen über den Bereich zwischen Nase und Oberlippe.

Die Duftsignale aus den Wattebauschen, die die Spenderinnen vor dem Eisprung getragen hatten, verkürzten den Zyklus der Empfängerinnen. Duftsignale, die aus der Zeit des Eisprungs stammten, verlängerten ihn. "Bislang gibt es aber nur diesen indirekten Hinweis", sagt Henes. Und durch die geringe Zahl der Studienteilnehmerinnen könnte auch dieses Ergebnis zufällig entstanden sein. Einzelne Botenstoffe, die den Zyklus zweier Frauen angleichen, hat jedenfalls noch niemand entdeckt.

"Eigentlich müsste es auch eine schlüssige Theorie geben, warum es für den Menschen aus evolutionärer Sicht sinnvoll wäre, dass alle Frauen einer Gruppe gleichzeitig ihre Regel bekommen", sagt Henes. "Denkt man an Krämpfe im Unterleib, wäre das für Jäger und Sammler allerdings eher ungünstig."

FAZIT: Grundvoraussetzung dafür, dass zwei Frauen dauerhaft gleichzeitig ihre Tage bekommen, wäre, dass sie sich auf die gleiche Zykluslänge einpendeln. Äußere Einflüsse wie Stress sorgen allerdings leicht für Schwankungen und erschweren den Nachweis. Derzeit spricht daher mehr gegen die Synchronisationstheorie als für sie, eindeutig geklärt ist das aber noch nicht.



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