Kommentar zur Pille danach Endlich rezeptfrei!

Tatsachen? Haben deutsche Politiker beim Thema Pille danach mehr als zehn Jahre lang ignoriert. Jetzt hat die EU nachgeholfen, von Sonntag an gibt es das Medikament ohne Rezept. Endlich.

Frau vor Apotheke: Künftig braucht es nach einem Verhütungsnotall kein Rezept mehr
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Frau vor Apotheke: Künftig braucht es nach einem Verhütungsnotall kein Rezept mehr

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Ein gerissenes Kondom ist ein Schock, aber noch lange kein Grund, in Gedanken schon mal das Arbeitszimmer fürs Babybett freizuräumen. Schon 1985 kam ein Medikament auf den Markt, das eine Rettung in letzter Sekunde sein kann: die Pille danach.

Blöd nur, dass die deutsche Politik es Frauen bisher verwehrte, schnell an das Medikament zu kommen. Und das, obwohl bei der Einnahme jede Stunde zählt.

Bei einer Verhütungspanne können Frauen in Frankreich seit 16 Jahren direkt in die Apotheke gehen und die Pille danach kaufen. Dasselbe gilt seit Jahren für die Schweiz, Belgien, Dänemark, Großbritannien und mehr als 20 weitere europäische Länder. Und Deutschland? Schickte die Frauen weiter zum Arzt.

Obwohl das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bereits 2004 dafür plädierte, das Medikament freizugeben, verweigerte sich das Gesundheitsministerium bis zuletzt. Erst jetzt, auf Druck der EU-Kommission, hat CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe seine Abwehrhaltung aufgegeben. Es ist ein längst überfälliger Schritt.

Nicht, weil sich von Sonntag an niemand mehr um die Verhütung kümmern muss, da die ja auch einfach am nächsten Tag erledigt werden kann. Mit diesem Argument protestieren Kritiker seit Jahren gegen eine Freigabe.

Das unangenehme Gespräch über Sex, Panne, Zyklus

Zu Unrecht. Wer glaubt, die Pille danach sei künftig ein gedankenlos zu konsumierendes Lifestyle-Produkt, muss sich nur kurz in die Frauen hineinversetzen, die meistens am Wochenende mit der Situation konfrontiert sind, sie zu brauchen: In das Hetzen zur nächstbesten Notdienst-Apotheke, das unangenehme Gespräch mit dem Apotheker über Sex, Panne, Zyklus.

"Gerne wieder" - das wird sich nach so einem Erlebnis wohl kaum eine Frau denken. Abschreckend bleibt auch der hohe Preis und das Risiko unangenehmer Nebenwirkungen. Obwohl die langjährige Erfahrung gezeigt hat, dass die Pille danach gut verträglich ist, schmerzen nach der Einnahme häufig Kopf und Unterleib, die Brust spannt, im schlimmsten Fall begleitet von Übelkeit und Schwindel. Das größte Risiko bleibt jedoch die ungewollte Schwangerschaft.

Auch weiterhin braucht es vor der Einnahme der Pille danach eine Beratung. Sie ist unzuverlässiger als Kondom oder Antibabypille. Ab einem bestimmten Gewicht schützt sie möglicherweise nicht mehr so gut vor einer Schwangerschaft. Und es gibt zwei Wirkstoffe, zwischen denen die Frauen entscheiden müssen. Den einen dürfen sie bis zu 120 Stunden nach der Verhütungspanne einnehmen, den anderen nur bis zu 72 Stunden danach. Dafür ist der erste mit rund 35 Euro fast doppelt so teuer wie der zweite.

Besser wäre es deshalb, wenn die Betroffenen ausführlich mit dem Frauenarzt ihres Vertrauens über Vor- und Nachteile der verschiedenen Mittel reden könnten. Doch weil die meisten Verhütungspannen nun mal an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht passieren, verbringen sie stattdessen oft Stunden in den Wartezimmern von Ambulanzen, um innerhalb kürzester Zeit zwischen zwei Notfällen abgefertigt zu werden. Im schlechtesten Fall mit einem demütigenden Spruch.

Hinzu kommt, dass die Pille danach umso sicherer schützt, je schneller sie eingenommen wird. Das ist unumstritten. Jede Stunde, die Frauen auf dem Land zu einer Notfallpraxis zuckeln oder im Wartezimmer verbringen, kann entscheidend sein. Sonst hat das Spermium womöglich schon den Weg zur Eizelle gefunden und sich eingenistet.

So gesehen ist der Apotheker oft der bessere Berater. Eine rezeptfreie Pille bedeutet ja nicht, dass Frauen in einer solchen Situation nie wieder zum Arzt gehen sollen. Jetzt aber steht es ihnen frei.

Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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victoreidelstedt 13.03.2015
1. Hat die Ärztelobby...
Nach Pressemitteilungen der Bundes-Apotheker-Kammer und von Landes Apothekerkammern sollen Apotheker ein sehr umfangreiches Beratungsgespräch und eine Checkliste mit den Kundinnen abarbeiten, die bei genauer Betrachtung bis zu zwei Stunden dauern. Die dort genannten Inhalte reichen tief ins Wissen eines Arztes hinein und sollen zu einer Diagnose führen, die ein Apotheker so eigentlich nicht kann. Da stellt sich die Frage, ob hier eine gezielte Abschreckung gegenüber dem Gang direkt und einfacht in die Apotheke geschehen soll? Hat die Ärztelobby hier so viel Beratungsbedarf hineinargumentiert um das Ziel der Abschaffung der normalen Pillen-Verordnung "wissenschaftlich" zu unterlaufen? Immerhin könnte das Gesundheitssystem Milliarden Euro jährlich sparen, wenn schon die normale Anti-Baby-Pille nicht mehr verordnungspflichtig wäre. Bei dem statistischen Durchschnittshonorar für Pillenrezepte, die beim Arzt auch nur so als Honorar und "Scheineverdünner" mit um die 56 Euro pro Stück die Kasse füllen, kann man sich gut denken, was eigentlich dahinter steckt. Das Ziel sollte nicht die freie Käuflichkeit der "Pille-Danach" sein, sondern die allgemeine Freigabe der Pille. Denn: Wenn schon die Pille danach freigegeben wurde, kann man die Pille auch freigeben. Krankenkassen und Beitragszahler werden es danken!
cdel810 13.03.2015
2. Entscheidendes fehlt immer, wenn über die Pille danach berichtet wird.
Trotz Pille danach bin ich nun in der 16. Woche schwanger. Warum? Die Pille danach, auch wenn innerhalb kürzester Zeit nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen, wirkt nur, wenn der Eisprung noch nicht stattgefunden hat. Sie verhindert ihn lediglich um fünf Tage, dass im Eileiter wartende Spermien absterben und somit nicht das Ei befruchten können. Diese entscheidende Information fehlt überall in den Beiträgen momentan, wie auch in diesem. Wenn zufällig mein Ei gesprungen ist, kurz vor dem Geschlechtsverkehr oder auch vor der Einnahme der Pille danach, kann ich machen was ich will, dann verhindert die Pille danach keine Schwangerschaft. Dann bin ich für bis zu 24 h fruchtbar und kann nur durch eine Abtreibung oder durch eine medikamentöse Behandlung das Entstandene vernichten. Bislang kenne ich keine Frau, die weiß, dass dies der Fall ist. Jede Frau denkt, die Pille danach lässt das Entstandene nicht entstehen. Die Pille danach hat auch keine Nebenwirkung. Man merkt gar nichts. Das sind Geschichten, die viele Frauen erzählen, um das Drama zu erhöhen. Ob sie hilft oder nicht, ist ein Glücksfall. Vor dem Eisprung ja, dann bis zu 24 h nein, danach wirkt sie in der Wahrnehmung, weil Frauen denken, sie wurden ja nicht schwanger, kann ja nur die Pille danach sein. Dem ist aber nicht so. Ist das Ei abgegangen, meist zwei Wochen vor Einsatz der Regel, kann eine Frau gar nicht schwanger werden. Also, jede Frau kann schwanger werden mit Pille danach, wenn der Geschlechtverkehr nach dem Eisprung stattfand bzw. die Pille danach nach dem Eisprung eingenommen wurde. Zumindest in einem Zeifenster von bis zu 24 h. Glücksspiel
olli08 13.03.2015
3. Menno !
Die armen Konservativen! Bald haben sie gar nichts mehr, um sich in das Leben ihrer Untertanen einzumischen. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Frauen überhaupt ohne Kinderwunsch und Trauschein Sex haben dürfen. {Ironie aus}
licorne 13.03.2015
4. In Frankreich
kostet die Pille danach zwischen 4 und 10 €. Minderjährige erhalten sie gratis und anonym in Apotheken und in den Krankenstationen der Schulen ( ab Sekundarstufe 1)
spon-facebook-10000283853 13.03.2015
5. Seltsam ...
... wie Linke nach mehr Staat fast in allen Belangen rufen, wissenschaftliche Beweise bei ihren Hass-Themen "Gen-Food" oder Kernenergie vollkommen ignorieren, aber jubeln, wenn man schnell abtreiben kann ...
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