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Nach Freigabe: Verkäufe der Pille danach steigen um 40 Prozent

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Hormonpräparat Pidana: Ärzte kritisieren, die Pille danach würde zu häufig abgebeben Zur Großansicht
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Hormonpräparat Pidana: Ärzte kritisieren, die Pille danach würde zu häufig abgebeben

Seit es die Pille danach ohne Rezept gibt, wird sie in Deutschland deutlich häufiger verkauft als zuvor. Kritiker glauben, dass Apotheker nicht gründlich genug beraten.

Über die Freigabe der Pille danach war im Vorfeld heftig gestritten worden. Die einen sahen in der Rezeptpflicht eine Bevormundung von Frauen. Andere hielten diese für nötig: Es drohe sonst ein sorgloser Umgang mit den Hormonpräparaten. Zahlen des Branchendienstes IMS Health zeigen jetzt, dass der Verkauf der Pille danach seit Wegfall der Verschreibungspflicht Mitte März um durchschnittlich 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen ist. Das belegt eine Auswertung der Verkaufszahlen für Deutschland bis Ende Mai, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

"Ich sehe diese Entwicklung sehr kritisch", sagt Birgit Seelbach-Göbel, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Wie auch weitere Verbände der Frauenärzte hatte die DGGG gegen eine Freigabe der Pille danach plädiert. Einer der Hauptkritikpunkte der Ärzte: Ein Apotheker könnte betroffene Frauen nicht so gut wie ein Gynäkologe beraten. Jetzt fühlt sich Seelbach-Göbel bestätigt: "Die Zahlen zeigen, dass es keine fachgerechte Beratung gibt."

Pille danach oft unnötig verkauft?

Die Gynäkologin nennt ein Beispiel. So müsse in jedem Fall stets der Zyklusstand der Frauen abgefragt werden. "Zu bestimmten Zeiten kann man ja gar nicht schwanger werden. Ein Kontrazeptivum beispielsweise drei Tage nach der Periode einzunehmen ist sinnlos", sagt Seelbach-Göbel.

Sie glaubt, dass Apotheker dies ignorieren und Frauen unnötigerweise ein Hormonpräparat verkaufen, das Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen auslösen kann. "Ich bin überzeugt, dass die Hälfte der Frauen das Medikament gar nicht braucht", so die Gynäkologin. "Es profitiert vor allem die Pharmaindustrie."

Die Organisation Pro Familia hingegen befürwortet nach wie vor die Freigabe der Pille danach. Der erhöhte Absatz wundere sie nicht, sagt deren Vorsitzende Daphne Hahn: "Schließlich war der Zugang vorher schwierig." Aus den Pro-Familia-Beratungsstellen wisse sie: Einige Frauen hätten die Pille danach zuvor vom Arzt nicht bekommen und seien dann schwanger geworden. Andere seien von ihren Ärzten bei der Beratung beleidigt worden. Dass eine Bevorratung dazu verleite, beim Sex weniger aufzupassen, glaubt sie nicht: "In der Regel wissen die Frauen ganz gut, wie Verhütung geht."

Ein Punkt bereitet allerdings auch ihr Sorge. Sie fürchtet, dass vor allem das teuerste der Präparate rezeptfrei über die Theke geht: Ella one mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat. Es kostet rund 30 Euro und kann auch noch fünf Tage nach einer Verhütungspanne eingenommen werden. Pro Familia empfiehlt bei rechtzeitiger Einnahme aber den Wirkstoff Levonorgestrel, in der Regel vertrieben unter dem Handelsnamen Pidana. Die seit Längerem etablierte Pille danach dürfen Frauen nur bis zu 72 Stunden (also drei Tage) nach der Verhütungspanne schlucken. Dieser Wirkstoff ist ab etwa 16 Euro nicht nur deutlich günstiger zu bekommen, sondern auch besser erprobt. Nur wenn die Pille danach erst mehrere Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werde, habe Ulipristalacetat die bessere Wirksamkeit.

Leitfaden soll Apothekern helfen

Karin Graf von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) berichtet, dass Ulipristalacetat vom Hersteller bei Apothekern massiv beworben wurde. Sie glaubt aber, dass diese nach der Datenlage entscheiden und, wenn möglich, Levonorgestrel empfehlen. Zur Freigabe der Pille danach habe es Fortbildungen gegeben: "Die Apotheker sind sich ihrer Verantwortung bewusst", sagt Graf, auch wenn sie natürlich nicht für jeden Einzelnen sprechen könne.

Die Bundesapothekerkammer (BAK) hat außerdem einen Leitfaden verfasst. Darin steht, dass die Pille danach nicht an Kinder unter 14 Jahren abgegeben werden soll und nur an die betroffene Frau persönlich. Die Apotheker sollen Frauen an einen Arzt verweisen, wenn der ungeschützte Geschlechtsverkehr länger als 120 Stunden zurückliegt oder bereits eine Schwangerschaft bestehen könnte. Eine Abgabe "auf Vorrat", die die Zahlen des IMS Health möglicherweise nahelegen, solle "im Regelfall" nicht erfolgen.

Der Leitfaden ist allerdings nicht verbindlich: Wie intensiv Apotheker beraten, liegt in ihrem Ermessen. Ein großes Risiko sieht Graf dennoch nicht.

In einem sind sich Seelbach-Göbel, Hahn und Graf einig: Am besten wäre es, vor einem Notfall über die Pille danach aufzuklären. Sie verweisen auf die "Mädchensprechstunde" beim Frauenarzt, Beratungsangebote von Pro Familia oder das Angebot der ABDA "Apotheke macht Schule". Denn je besser die Aufklärung, umso seltener müsste es gerade bei jungen Mädchen und Frauen zu Notfällen kommen. Und falls doch, wissen die Betroffenen dann idealerweise selbst, was zu tun ist.

Für junge Frauen ist es übrigens am günstigsten, sich das Mittel weiterhin vom Arzt verschreiben zu lassen: Bis zu einem Alter von 18 Jahren übernehmen dann die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Für Frauen unter 20 Jahren wird eine Zuzahlung von fünf Euro fällig.

Zur Autorin
  • Irene Habich
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

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insgesamt 126 Beiträge
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1.
AnnaLena77 27.07.2015
Kritiker, das sind dann diejenigen die Mitverdienen wollen aka Frauenärzte (völlig ausblendet das Termine beim Frauenarzt oft wochenlange Wartezeiten bedeuten, da braucht es dann auch keine Pille danach mehr) und natürlich die Ideologen unter den Gynäkologen, die das was in ihren Kirchen, Tempeln, Moscheen gepredigt wird auch in ihren Praxen weitergeben. Nein, danke.
2.
räbbi 27.07.2015
Ein recht überschaubarar Effekt, wenn man bedenkt, dass es "was neues" ist und die Zahlen direkt nach der Freigabe erhoben wurden. (man vergleiche mal die Schlangen vor'm Apple-Store wenn's ein neues Spielzeug gibt...ja der Vergleich ist bewußt etwas schräg gewählt ;) ) Mal ein paar Jahre abwarten, wo sich's einpendelt. Viele Frauen werden sich die Pille sicherlich "zur Beruhigung" in Nachttisch oder Handtasche packen. In absoluten Zahlen übrigens von 9000 auf 13500 Packerl pro Woche.
3. Hm ich glaube
felisconcolor 27.07.2015
die häufigste Ausrede ist wohl doch eher "ich kann jetzt nicht schwanger werden" weiss heute ein Mädel wirklich wann ihre "Tage" vorbei waren? ich habe da so meine berechtigten Zweifel. Es drängt sich mir eher die Vermutung auf "auch ein ungewolltes Kind ist ein gutes Kind... bla bla bla" in der Vergangenheit zu oft gehört und in Deutschland sind wir noch lange nicht in der Gegenwart angekommen.
4. Frauen respektieren
fmfx 27.07.2015
Ich bin überzeugt, dass Frauen verantwortungsvoll mit diesem Präparat umgehen, sowie auch die meisten Apotheker hier ordentlich aufklären. Die einzigen, die sich ausgeschlossen fühlen sind die Gynäkologen und da vor allem finanziell, als ob alle Gynäkologen immer nur das unabdingbar notwendige verschreiben würden... Vielleicht würde ein generelles Verbot von Alkohol den Verkauf der "Pille danach" deutlicher einbrechen lassen ;-)
5.
piccolo-mini 27.07.2015
Wenn Ulipristalacetat dem Apotheker eine höhere Marge verspricht, als Levonorgestrel, wird er es vermutlich eher verschrieben. Apotheker sind Unternehmer und Verkäufer. Der Kapitalismus leg es ihnen nunmal nahe so zu handeln. Können wir gerne abschaffen, bin dabei... Demnächst ist die Welt eh so automatisiert, dass es für den Großteil der Menschen keine kapitalistisch wertschöpfende Verwendung mehr gibt. Dann wird es auch keine Lösung mehr sein, den Leuten zu erzählen, sie müssten sich nur mehr anstrengen, dann würde es schon. Also, je früher desto besser.
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