"Pille für den Mann" Hormonbehandlung bleibt Frauensache

Die Entwicklung der "Pille für den Mann" ist vorerst gescheitert - wegen Nebenwirkungen. Die Medizingeschichte zeigt, dass man solche Risiken Frauen schon immer eher zumutet.

Pillen für die Frau
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Pillen für die Frau


Madame Zatianny hat den Schlüssel zu ewiger Jugend gefunden: Eine Behandlung mit Hormonen. Was sich nach einer futuristischen Geschichte anhört, ist die Handlung eines Bestsellerromans von 1922: "Black Oxen" von Gertrude Atherton. Das Buch erzählt von den frühen Hormonexperimenten am Menschen: Ärzte pflanzten Frauen Eierstöcke von Tieren ein oder behandelten sie mit dem Urin von Schwangeren.

"Diese Substanzen wurden willkürlich gegen alles Mögliche verschrieben, man hat einfach mal ausprobiert, wie was wirkt", sagt Lisa Malich, die an der Universität Lübeck unter anderem zur Geschichte der Pille forscht. Die Versuchskaninchen dieser Experimente seien fast ausschließlich Frauen gewesen - auf die zum Teil heftigen Nebenwirkungen hätten die Ärzte kaum Rücksicht genommen.

"Eine Frage der Zumutbarkeit - zum Nachteil von Frauen"

Dass in Sachen Hormonbehandlung bei Frauen mitunter andere Maßstäbe gelten als bei Männern, zeigt sich bis heute. Zuletzt veröffentlichten Wissenschaftler die Ergebnisse einer Studie, in der eine hormonelle Verhütungsmethode für den Mann getestet wurde. Die Forscher brachen die Untersuchung mit 320 Probanden weltweit 2011 ab, obwohl die Ergebnisse vielversprechend schienen.

Der per Spritze verabreichte Hormoncocktail, auch als "Pille für den Mann" bezeichnet, verminderte die Spermienproduktion so deutlich, dass die Männer vorübergehend unfruchtbar waren. Und die Teilnehmer waren überwiegend zufrieden: Vier von fünf gaben an, die Hormone weiter nehmen zu wollen.

Der Grund für den Abbruch: Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, Akne, Schmerzen an der Einstichstelle, eine gesteigerte oder verminderte Libido, Kopfweh, Muskelschmerzen und Gewichtszunahme. So schlimm diese Symptome auch sein mögen, Frauen erleiden mit der Pille Ähnliches - und zum Teil auch sehr viel gefährlichere Nebenwirkungen wie lebensbedrohliche Thrombosen.

"Es ist letztlich eine Frage der Zumutbarkeit, die für Männer und Frauen unterschiedlich beantwortet wird, und zwar zum Nachteil von Frauen", sagt die Soziologin Paula Villa von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es sei auffällig, dass mit Hormonbehandlungen bei Männern sehr viel vorsichtiger umgegangen werde.

"Das Weibliche galt als minderwertig"

Ihre Kollegin Malich sieht dafür zwei Gründe. Erstens waren Frauenkliniken historisch die Orte für erste Hormonexperimente, Männer hielten sich dort nicht auf - zumindest nicht als Patienten. In diesen Kliniken machten die Ärzte auch ihre Versuche mit Tierorganen und Urin von Schwangeren.

Der andere Grund liegt in der medizinischen Kultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. "Der Frauenkörper wurde pathologisiert. Das Weibliche galt als minderwertig und behandlungswürdig", erklärt Malich. Die Folge: Frauen wurden viel öfter und intensiver behandelt - Männer waren dagegen die gesunde Norm.

Auch das krankhafte Streben der Romanfigur Madame Zatianny nach ewiger Jugend fällt in diese Kategorie, meint Malich: Bei Männern sei Altern normal, für Frauen werde es dagegen vielfach wie eine Krankheit wahrgenommen.

Nebenwirkungen der Pille führten zu Anhörungen im US-Senat

Für die Frauen zahlte sich die Hormonforschung erst in den Fünfzigerjahren aus. 1951 erfand Carl Djerassi eine hormonelle Verhütungsmethode für Frauen und machte sie marktfähig - auch wenn das Medikament zunächst offiziell gar nicht als Verhütungsmittel verkauft wurde.

Die Erfindung der Antibabypille ging als emanzipatorische Errungenschaft in die Geschichte ein. Erstmals konnten Frauen eine Schwangerschaft eigenständig verhindern. Doch sie zahlten auch dafür einen hohen Preis: Die heftigen Nebenwirkungen der ersten Generation der "Pille", die noch viel höher dosiert war als heutige Präparate, gingen in der Euphorie fast komplett unter. Dabei waren die Probleme früh bekannt.

Zehn Jahre nach der offiziellen Markteinführung als Verhütungsmittel in den USA - die Pille war inzwischen auch in zahlreichen anderen Staaten erhältlich - gab es 1970 sogar eine Anhörung zu den Nebenwirkungen im US-Senat. Doch diese "Nelson Hearings" hatten kaum Konsequenzen: Frauen nahmen die Pille weiter - und ertrugen die Nebenwirkungen mehr oder weniger stillschweigend.

Nach heutigen Standards hätte es die Pille schwer

"Es wäre heute wesentlich schwieriger, ein Medikament wie die Pille auf den deutschen Markt zu bringen", erklärt der Pharmazie-Historiker Christoph Friedrich von der Universität Marburg. "Vor der Einführung der Arzneimittelgesetze gab es keine verbindlichen Regeln für Medikamententests." Deshalb seien Arzneimittel sehr schnell in den Apotheken erhältlich gewesen. "Das hat häufig nur zwei Jahre oder noch weniger gedauert", sagt Friedrich - heute sind es bei neuen Wirkstoffen oft mehr als zehn Jahre.

Erst nach der Einführung der Arzneimittelgesetze von 1961 und 1976 wurde die Pille in Deutschland erneut geprüft und zugelassen. Damals bewertete man den Nutzen für die Frau höher als mögliche Nachteile durch Nebenwirkungen. Allerdings mussten nun alle bisher unbekannten Risiken zentral erfasst werden - wie bei allen anderen Medikamenten auch.

Verhütung bleibt Frauensache

Friedrich vermutet, dass auch die Rollenverteilung dazu beigetragen hat, dass es bislang keine Pille für den Mann gibt. "Noch in den Sechziger- und Siebzigerjahren herrschte eher die Überzeugung vor, dass die Frau für die Verhütung zuständig ist." Deshalb sei erst später an einer Pille für den Mann geforscht worden - unter strengeren Auflagen, die eben Versuche öfter scheitern lassen.

Malich reicht diese Erklärung für das vorläufige Aus der "Pille für den Mann" nicht aus: "Ich vermute schon auch einen Genderaspekt hinter dem Abbruch der Männer-Pillen-Studie." Männer seien Veränderungen ihrer Körper durch Hormonbehandlungen einfach nicht gewohnt und reagierten daher heftiger, für Frauen gebe es dagegen traditionell eine weite Akzeptanz dieser Präparate.

Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verhüten 53 Prozent der 18- bis 49-Jährigen mit der Pille.



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