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Gesundes Intimleben: Mehr Sex für Herzkranke

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Behutsam ausprobieren und sich auf sein Gefühl verlassen: Sex ist auch mit Herzproblemen möglich Zur Großansicht
Corbis

Behutsam ausprobieren und sich auf sein Gefühl verlassen: Sex ist auch mit Herzproblemen möglich

Aus Angst vor Herzbeschwerden verzichten viele Herzkranke auf Sex. Aber das ist nur selten notwendig, sagen Kardiologen, die Risiken für einen Herzinfarkt beim Geschlechtsverkehr seien vergleichsweise gering. Ein neuer Ratgeber klärt über Risiken auf - und gibt Vorschläge für die besten Sexstellungen.

Boulevard-Promi Rolf Eden, 83, träumt angeblich davon: Er will beim Sex mit einer schönen Frau sterben. Diesen Wunsch teilen Herzkranke offenbar kaum, denn aus Angst vor einem Infarkt verzichten viele auf Sexualität, obwohl die Mehrheit der Herzkranken das Liebesleben gern noch länger genießen würde. Doch der Verzicht ist in den meisten Fällen unnötig. Ein neuer Ratgeber soll Ärzte und Patienten jetzt besser über die Risiken aufklären.

Wann darf ich wieder Geschlechtsverkehr haben? Viele Herzpatienten schämen sich, ihrem Arzt diese Frage zu stellen, wenn sie eine Operation oder einen Infarkt überstanden haben. Die Amerikanische Herzgesellschaft und die Europäische Gesellschaft für Kardiologie haben deshalb eine Broschüre zur sexuellen Beratung herzkranker Menschen verfasst. Die Experten geben darin Entwarnung: Nur in etwa 0,9 Prozent aller Fälle sei sexuelle Aktivität mit an einem Infarkt beteiligt, das habe eine Untersuchung ergeben. Weil sich Herzkranke dennoch sorgen, sollten Ärzte das Thema aber öfter gezielt ansprechen. "Patienten wollen und brauchen Beratung dazu, wann und wie sie nach einem Infarkt oder einer Operation wieder auf sichere Weise mit dem Sex anfangen können", heißt es in der Broschüre.

Treu sein ist gesünder

Dazu gib es konkrete Tipps: Zum Beispiel, erst langsam mit Küssen und Streicheln zu beginnen und - wenn das keine Probleme bereite - sich gegenseitig mit der Hand oder oral zu befriedigen. Sei all das beschwerdefrei möglich und der Herzkranke auch am nächsten Tag noch gesund, könne man Geschlechtsverkehr ausprobieren. Wer Nitro-Spray als Notfallmedikament nutzt, sollte es dabei griffbereit lagern. Von Analsex sei bei schwachem Herz eher abzusehen: Dabei werde der Vagusnerv stimuliert, was Frequenz und Schlagkraft vermindern könne. Im Anhang der Broschüre sind Stellungen illustriert, die für Herzkranke beim Sex besonders geeignet sind.

Die Herzgesellschaften raten außerdem zur Treue: Eine Studie habe gezeigt, dass Männer häufiger dann tödliche Herzattacken erlitten, wenn sie außerehelichen Geschlechtsverkehr hatten. Beim heimlichen Sex in fremder Umgebung könne der Blutdruck sich möglicherweise stärker erhöhen, so die Experten. Für Herzpatienten ist das riskant. Allerdings sei die Wahrscheinlichkeit, bei einem Wutanfall einen Infarkt zu erleiden, immer noch deutlich größer.

Nicht gefährlicher als Fußball schauen

"Für 99 Prozent der Herzkranken ist Sex völlig ungefährlich", sagt auch Heribert Brück, Sprecher des Bundesverbandes niedergelassener Kardiologen. "Wer beschwerdefrei eine Treppe hochsteigen kann, ist gesund genug dafür." Nur bei wirklich instabilem Gesundheitszustand rät er zur Enthaltsamkeit: "Die Kreislaufbelastung beim Beischlaf wurde lange überschätzt." Die Herzfrequenz steige dabei nicht über 130 Schläge pro Minute. Bei Zuschauern des letzten Champions-League-Finales hingegen seien Werte von 170 Schlägen pro Minute gemessen worden: "Und Fußballschauen würde man schließlich auch nicht verbieten." Ein guter Richtwert sei zudem das Belastungs-EKG, das Patienten absolvieren, die an einer Herzsportgruppe teilnehmen wollen. "Wer fit genug für die Herzsportgruppe ist, der sollte auch Sex haben können."

Mit krankheitsbedingten sexuellen Problemen und Ängsten wenden sich Herzpatienten zu selten an ihren Kardiologen, sagt Facharzt Brück, obwohl der oft helfen könnte. So litt ein Mann an Erektionsstörungen, seit Brück ihm einen bestimmten Beta-Blocker verschrieben hatte, ein blutdrucksenkendes Mittel. "Er hatte das mir gegenüber aber nie angesprochen, ich habe es von seiner Hausärztin erfahren", sagt der Kardiologe. Er stellte den Mann erfolgreich auf ein anderes Präparat um. Der Herzspezialist will das Thema Sexualität nun öfter von sich aus ansprechen.

Den Sex der Situation anpassen

Hedy Fuchs-Waldherr ist Sexberaterin für ältere Menschen. Viele von ihnen haben Ängste wegen eines Herzleidens. "Es sollte sich aber niemand vor dem Sex fürchten", sagt sie. Ohnehin wandele sich Sexualität im Alter, weg von der "olympischen Disziplin", hin zu ruhigeren, zärtlicheren Formen. "Ich rate deshalb meistens: Machen Sie es. Und erkläre, wie es am besten ohne gesundheitliche Beeinträchtigung geht." Zum Beispiel mit seitlichen Stellungen, die wenig Anstrengung erfordern, oder mit Oralverkehr - den einige ältere Paare erst noch für sich entdecken müssten. Wichtig sei, körperliche Zärtlichkeit trotz Alter und Krankheit weiterhin zu genießen, durch "Abkehr vom Erektions- und Orgasmusstress."

Das Fazit: Herztod beim Sex ist insgesamt eher unwahrscheinlich. Und wenn es dennoch passiert? Da hält es Hedy Fuchs-Waldherr mit Rolf Eden, sie findet: Am Ende eines langen Lebens könne es doch kaum etwas Schöneres geben.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Das ist doch schon uralt
kumi-ori 02.12.2013
Die Erkenntnis, dass Keuschheit allenfalls einen religiösen aber keinen gesundheitlichen Vorteil bringt, ist bereits vor vielen vielen Jahren wissenschaftlich belegt worden. Ich weiß auch nicht, ob es irgendjemanden gibt, dem das entgangen sein sollte. Neu sind allerdings die sehr detaillierten Anweisungen in besagter Broschüre. Anscheinend brauchen manche Menschen für alles eine Gebrauchsanleitung. Dass manche Beta-Blocker der ersten Generationen zu Impotenz führen und auch sonst gefährliche Nebenwirkungen haben, dürfte sich auch schon herumgesprochen haben. Preisbewusste Ärzte setzen diese teilweise immer noch ein, weil sie ein paar Cent weniger kosten, als die Rezeptor-spezifischen. Manche verwenden sogar noch Beta-Blocker zur Blutdrucksenkung, obwohl das schonlang nicht mehr leitliniengerecht ist.
2. Untersuchung
josefhertl 02.12.2013
"Nur in etwa 0,9 Prozent aller Fälle sei sexuelle Aktivität mit an einem Infarkt beteiligt, das habe eine Untersuchung ergeben." Kann mir sehr schlecht vorstellen, dass nach einem tödlichen Herzinfarkt bei Sex sagt der Partner dem Arzt: "Ja, er/sie starb während Sex mit mir."
3. Mehr Sex oder überhaupt Sex?
foxtrottangohamburg 02.12.2013
Was für ein Dünnsinn. In Zeiten, in denen die Menschen immer neurotischer werden, Partnerwahl im Schubladenverfahren via Internet praktiziert wird, das Anspruchsdenken immer unrealistischer wird, ist Sex doch praktisch eine Illusion geworden. Ist das hier eine verkappte Kampagne der Krankenkassen, die dafür sorgen soll, dass steigende Kosten im Gesundheitssystem durch kreislaufschwache Untervögelte in der Ära des demografischen Wandels im überschaubaren Rahmen gehalten werden?
4. Experten
h.vonbun 02.12.2013
Schon wunderlich, was man so alles zu lesen bekommt! Kann nicht verstehen, warum etwas mehr an Aufklärung so abgetan wird. Sexualität ist etwas Lebensbejahendes und darum nie verkehrt. Es sei denn, man hängt irgendwelchen ominösen Religions- und Sektenthesen hinterher. Und merkwürdiger Weise befindet sich das Paradies eines erfüllten, selbstbestimmten Lebens immer im Jenseits! - Irgendwie Leben und Welt verkehrt!!
5. Nicht die Angst ist Schuld....
Beobachter123 02.12.2013
Haben sie schon einmal versucht nach der Einnahme von Betablockern eine Erektion zu bekommen?
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Zur Autorin
  • Irene Habich
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

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