Sterilisation beim Mann: "Danach sollte man erst einmal weiterverhüten"

Viele Männer fürchten die Vasektomie - andere sehen darin die perfekte Verhütungsmethode. Hans-Peter Schmid, Urologe und Professor an der Uni Münster, über die Risiken einer Sterilisation beim Mann - und den Sex danach.

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Vasektomie (Illustration): "Man muss sich sicher sein, dass man keine Kinder haben möchte"

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich eine Vasektomie auf die Sexualität aus?

Hans-Peter Schmid: Die Vasektomie, auch genannt Unterbindung, ist die Durchtrennung des Samenleiters. Sie führt nur dazu, dass der Mann keine Kinder mehr zeugen kann. Sie hat keinen Einfluss auf die Sexualität oder die Hormone.

SPIEGEL ONLINE: Was wird bei der Vasektomie gemacht?

Schmid: Es wird am Hodensack eine Injektion gegeben, um die Haut zu betäuben. Dann werden die beiden Samenleiter, die aus dem rechten und linken Hoden kommen, ertastet - sie sind jeweils etwa so dünn wie eine Spaghetti. Am oberen Hodensack unterhalb der Peniswurzel wird ein kleiner Schnitt gemacht, die Samenleiter angehoben und jeweils ein bis zwei Zentimeter abgeschnitten. Die Enden werden mit einem Faden abgebunden und die Wunde wird vernäht. Der Eingriff ist einfach, sicher - und man kann danach direkt nach Hause gehen.

ZUR PERSON

Hans-Peter Schmidt ist Chefarzt an der Klinik für Urologie am Kantonsspital St. Gallen, stellvertretender Vorsitzender der Schweizer Urologischen Gesellschaft (SUG) und Professor an der Uni Münster, Westfalen.

SPIEGEL ONLINE: Bei mir löst diese Beschreibung Unbehagen aus - können Sie verstehen, dass manche Männer die Operation fürchten?

Schmid: Ich verstehe die Angst vor dem Eingriff. Trotz lokaler Betäubung spürt der Patient, dass am Samenleiter gezogen wird - er ist oft nicht leicht zu greifen und flutscht ab. Das kann kurz unangenehm sein. Aber in der Regel gibt es keine Komplikationen. Vor allem muss man keine Angst haben, dass man nach dem Eingriff größere Schmerzen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sympathischer erscheint mir die Methode, bei der der Arzt ohne Skalpell auskommt...

Schmid: Ja, es gibt die so genannte No-Scalpel-Methode. Dabei wird der Samenleiter ebenfalls im Hodensack getastet und durch die Haut mit einer Klemme fixiert. Dann muss aber doch ein Minischnitt gemacht werden, um den Samenleiter zu durchtrennen - nur zwei bis drei Millimeter anstatt von zwei bis drei Zentimetern. Der Name ist also ein bisschen Augenwischerei, denn das Prinzip ist dasselbe. Die No-Scalpel-Methode ist in Deutschland nicht sehr populär.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht? Sie soll weniger Nebenwirkungen haben…

Schmid: Bei jeder OP kann es zu einem Hämatom kommen oder zu einer Entzündung der Haut, beides tritt bei beiden Methoden mit einer Wahrscheinlichkeit von unter zwei Prozent ein, also sehr selten. Die No-Scalpel Methode macht allenfalls einen weniger großen Bluterguss. Der größere Hautschnitt bei der Skalpell-Methode wird mit einem Faden genäht, der sich selbst auflöst. Man braucht keine Wundkontrolle und man sieht keine Narbe.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit dem Samen, wenn er nicht mehr abfließen kann? Schwellen die Hoden an?

Schmid: Nein, die Spermien werden vom Nebenhoden resorbiert, der innerhalb des Hodensacks direkt dem Hoden anliegt. Sie werden also vom Körper abgebaut und wieder aufgenommen. Bis man sich an den abrupten Stopp gewöhnt hat, kann es zu einem leichten Spannungsgefühl im Hoden kommen. Das verschwindet nach ein paar Tagen oder Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Ändert sich etwas beim Samenerguss?

Schmid: Das Ejakulat besteht vor allem aus einem Sekret der Prostata und der Samenblase - das heißt, die Menge pro Samenerguss bleibt nach der Vasektomie gleich, etwa drei Milliliter. Auch Aussehen und Geruch des Spermas sind identisch.

SPIEGEL ONLINE: Und nach dem Eingriff kann man nach Hause gehen, sorglos Sex haben, ohne jemals noch mal über Verhütung nachzudenken?

Schmid: Man sollte sich erst einmal schonen - kein Sex für circa eine Woche. Danach sollte man auf jeden Fall erst einmal weiter verhüten! Zwischen Hoden und Penis liegen noch Prostata und Samenblase, dort ist noch Samen gespeichert. Es dauert etwa drei Monate oder 25 Ejakulationen, bis die Spermien dort verschwunden sind. Bevor man aufhört zu verhüten, muss man mit einem Spermiogramm untersuchen lassen, ob wirklich keine Samenzellen mehr vorhanden sind.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber auch Fälle, in denen der Samenleiter wieder zusammenwächst - wenn ich keine Sicherheit habe, dann ist ja alles umsonst, dann muss ich trotzdem weiter verhüten?

Schmid: Die Chance, dass sich durchtrennte Samenleiterenden wieder finden und spontan durchlässig werden liegt bei 0,1 Prozent - das ist vergleichbar der Antibabypille.

SPIEGEL ONLINE: Wem würden sie eine Vasektomie empfehlen?

Schmid: Man muss sich sicher sein, dass man keine Kinder haben möchte - oder man hat schon Kinder, ist in einer gefestigten Beziehung und will keine weiteren. Drei bis fünf Prozent der Patienten, die eine Vasektomie hatten, wollen danach doch noch ein Kind. Meistens, weil sie es eine Scheidung gibt und eine neue Partnerin - und die will Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Was dann?

Schmid: Man sollte davon ausgehen, dass die Vasektomie endgültig ist. Sie rückgängig zu machen, ist sehr aufwendig: Man muss dann die Stränge unter dem Mikroskop wieder zusammen nähen. Das dauert etwa zwei Stunden, kostet 3000 bis 4000 Euro und die Chance, dass man danach nochmal Vater wird, liegt nur noch bei 50 bis 60 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Das muss der Patient selbst zahlen?

Ja, genauso wie die Vasektomie. Diese kostet ungefähr 400 bis 600 Euro, je nachdem, ob die Nachuntersuchung mit Spermiogramm bereits inklusive sind. Wenn die Frau aber nur wenige Jahre die Pille nimmt, ist das in jedem Fall wesentlich teurer als eine Vasektomie.

Das Interview führte Frederik Jötten

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Samenbank
boknopf 05.06.2013
Man(n) kann natürlich auch vor der Vasektomie ein Konto bei einer Samenbank eröffnen und somit hinterher immer noch Kinderwünsche erfüllen.
2. 3 Monate oder 25 Ejakulationen?
deranaluest 05.06.2013
Der arme Mann, wie kommt der mit so wenig aus?
3. von wegen...
morini 05.06.2013
Zitat von boknopfMan(n) kann natürlich auch vor der Vasektomie ein Konto bei einer Samenbank eröffnen und somit hinterher immer noch Kinderwünsche erfüllen.
...keine Schmerzen. Man hat zwei Wochen das Gefühl, als sei einem ein ICE zwischen die Beine gefahren.
4. würde ich von abraten
VoiceOfReason 05.06.2013
Zitat von boknopfMan(n) kann natürlich auch vor der Vasektomie ein Konto bei einer Samenbank eröffnen und somit hinterher immer noch Kinderwünsche erfüllen.
lohnt sich nicht, die haben ganz miese zinssätze.
5. Samen ist ja noch da
tuvalu2004 05.06.2013
Man kann ihn auch direkt aus dem Hoden nehmen und künstlich befruchten.
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