Sucht im Alter "Für eine Behandlung ist es nie zu spät"

Sie trinken nicht nur ein Gläschen und können ohne Tabletten nicht mehr einschlafen. Immer mehr Senioren sind süchtig. Spezielle Angebote können die Beschwerden der Betroffenen lindern, eine Abstinenz ist dabei keine Pflicht.

Nicht mehr schlafen ohne Pillen: Gefährliche Sucht im Alter
DPA

Nicht mehr schlafen ohne Pillen: Gefährliche Sucht im Alter


Erna Müller* trank, gerne, gegen die schlechte Laune, morgens ein Schlückchen und dann noch eins und noch eins. Schließlich hatte die 79-Jährige einen Autounfall, er hat die alte Dame aufgeweckt. Mit ihrem Führerschein verlor sie auch ihre Selbständigkeit. Sie wandte sich an Arnulf Vosshagen, der in Essen die Ambulanz der Fachklinik Kamillushaus leitet - und gewann ihr Leben zurück.

Seit sechs Monaten hat sie keinen Schluck Alkohol getrunken, geht wieder alleine einkaufen, trifft Freunde und Familie und genießt jeden Tag. "Der Zugewinn an Lebensqualität ist bei älteren Menschen nach einer Therapie besonders groß. Denn sie werden durch eine Sucht stärker eingeschränkt als jüngere", sagt Vosshagen.

Immer mehr Menschen entwickeln im Alter eine Abhängigkeit. Ihre Beschwerden werden häufig als Alterserscheinungen abgetan, dabei können Alkohol und Medikamente vor allem im Alter fatale Folgen haben. Eine Therapie kann den Betroffenen wie Erna Müller helfen, an Lebensqualität und Selbständigkeit zurück zu gewinnen. Diese Erkenntnis wird in vielen Pflegeeinrichtungen noch vernachlässigt: Eine repräsentative Erhebung unter 1000 Pflegeeinrichtungen ergab 2009, dass nur knapp die Hälfte eine Suchtbehandlung im Alter noch für sinnvoll hält.

Extra Gesprächsrunden der älteren Patienten

Vosshagen Klinik bietet inzwischen spezielle Therapieprogramme für Senioren an. Die älteren Patienten hätten zum Einen mehr körperliche Beschwerden, auf die Rücksicht genommen werden muss. Auch gebe es eine extra Gesprächsgruppe, in der die Älteren unter sich sind. Denn ihre Themen seien oftmals andere als die der jungen Patienten, sagt der Psychologe. Manch einen belasten noch Erinnerungen an den Krieg und die schweren Jahre danach. Ebenso müssen Verluste, die mit dem Alterungsprozess einhergehen, aufgearbeitet werden.

Die Wege zum Erfolg sind allerdings verschieden. Nicht immer sei Abstinenz anzustreben, schreibt etwa die Krankenkasse Barmer GEK zusammen mit der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in einer Info-Broschüre für die Altenpflege. "Nachvollziehbar berichten Pflegende, dass auch eine Reduktion des Konsums oder der Anzahl der Psychopharmaka dazu führt, dass Menschen wieder am Leben teilnehmen können", heißt es da.

Auch Vosshagens betagte Klienten können wählen, ob sie erst einmal versuchen wollen, weniger zu konsumieren. "Das muss jeder selbst entscheiden", sagt er. Fest steht für ihn: "Für eine Behandlung ist es nie zu spät."

*Name geändert



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-10000653050 27.11.2013
1. Es ist ein gesellschaftliches Problem!
Haben Sie schon einmal den Blick dieser Menschen gesehen? Einsam und Hoffnungslos gehen sie morgens in den Supermarkt und kaufen sich die Tageszeitung und ihre Ration Magenbitter. Die Damen kaufen eher Piccolos oder Bier. Dann gehen sie wieder zurück in ihre einsame Wohnung und haben den gesamten restlichen Tag nur Ansprache durch ihren Fernseher. Niemand interessiert sich für sie. An welchem gesellschaftlichen Leben sollten sie denn teilnehmen mit ihrer mickrigen Rente?
brammel 27.11.2013
2. Es ist ein persönliches Problem
"Niemand interessiert sich für sie. An welchem gesellschaftlichen Leben sollten sie denn teilnehmen mit ihrer mickrigen Rente?" Für seine Sozialkontakte ist jeder selbst verantwortlich und hat ein Leben lang Zeit, an seiner Beziehungsfähigkeit zu arbeiten, sich mit Zurückweisung und Verletzlichkeit auseinanderzusetzen. Wenn jemand im Alter den ganzen Tag allein ist, statt auch Zeit mit Familienangehörigen oder anderen Senioren zu verbringen, hat nicht "die Gesellschaft" Schuld daran.
cawo80 27.11.2013
3. So einfach...
Zitat von spon-facebook-10000653050Haben Sie schon einmal den Blick dieser Menschen gesehen? Einsam und Hoffnungslos gehen sie morgens in den Supermarkt und kaufen sich die Tageszeitung und ihre Ration Magenbitter. Die Damen kaufen eher Piccolos oder Bier. Dann gehen sie wieder zurück in ihre einsame Wohnung und haben den gesamten restlichen Tag nur Ansprache durch ihren Fernseher. Niemand interessiert sich für sie. An welchem gesellschaftlichen Leben sollten sie denn teilnehmen mit ihrer mickrigen Rente?
..kann man es sich aber auch nicht machen. Immerhin handelt es sich um erwachsene Menschen , die auch selbst mal aktiv werden können. Bei uns im Dorf gibt es zahlreiche Angebote, u.a. kirchliche, für Senioren, kostenlos für die Senioren versteht sich, die aber kaum genutzt werden: Tanztee, Seniorenstammtisch, Handarbeit, Spieltage, Ausflüge, gemeinsames Singen..... Warum? Kein Ahnung. Warum sitzen denn die alten Leutchen lieber in den eigenen 4 Wänden und tun nichts? Senioren genießen oft zahlreiche Vergünstigungen: im öffentlichen Nahverkehr, in Theatern, in Museen, in Badeanstalten, in Fitnesscentern, in der Sauna, Sportvereinen....für die ein oder andere Aktivität dürfte, jedenfalls sofern man seine Spielräume ausschöpft, was auch die Beantragung von Grundsicherung einschließt, Geld da sein, vielleicht nicht täglich, aber der Rest der Welt frönt ja auch nicht täglich kostenpflichtigen Freizeitangeboten. Da trifft man dann auch Gleichgesinnte und kann, sofern man das vor dem Ruhestand versäumt hat, neue Kontakte knüpfen. Vielleicht mal auf die Flasche Whisky verzichten, dann reichts jedenfalls bei uns für den Eintritt ins Schwimmbad (Seniorentarif Mittwoch ab 9 bis 12 Uhr 3,50 EUR), welches ausserhalb der Ferienzeiten vormittags auch noch frei von störenden Kindern ist? Wenn Sie darauf anspielen, dass sich die Familien und Nachbarn nicht mehr ausreichend kümmern, dann kann ich das in gewissem Maße nachvollziehen. Jedoch: die Rente der Senioren will erwirtschaftet werden, was für die arbeitsfähige Generation bedeutet, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Auch ich würde gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen, aber nach einem Arbeitstag, warten auf mich und meinen Mann 4 Kinder mit all ihren Problemen und berechtigten Bedürfnissen und ein Haushalt. Beides beansprucht zu Recht den Grossteil unserer restlichen Zeit, den wir gerne gewähren und auch als zu gering bemessen empfinden, so dass wir jedenfalls die Kinderzeit am Wochenende nachholen müssen. Unser Tag endet selten vor 23 Uhr. Woher soll dann noch Zeit für Eltern und hilfsbedürftige Nachbarn kommen? Wie wäre es denn mal wenn die, die ohnehin Zeit haben, sich umeinander kümmern...ehrenamtliche Tätigkeiten gibts auch zu hauf.....Senioren kümmern sich um Senioren....Kontaktmöglichkeiten gibts immer....Wer natürlich in Selbstmitleid versinkt, hat es schwer....
mr.hans1960 27.11.2013
4. Ich,
als bald in Rente gehender,kann mich nur wundern.Früher in diversen Rock and Roll Bands Musiker,darf mir dann zur Primetime Heulen mit Heino und Hannelore reinziehen.Oder mein Kumpel der schon in Rente ist,freut sich sicher auf den einen oder anderen Tanztee mit Schunkelmusik.Der hört normalerweise Heavy Metal.Es ist in unserer Gesellschaft immer noch nicht angekommen,das hier eine ganz andere Sorte Leute in Rente geht,als noch vor 30 Jahren.Kein Wunder,das sich manch einer die Kante gibt.
bernhard.haak.1 13.03.2015
5. Für eine Behandlung ist es nie zu spät
da möcht jemand gerne ein neues geschäftsfeld aufziehen. ja alte leute saufen bzw ziehen sich so einiges rein. manchmal aus lebensfreude, aus neugier, aus langeweile, aus frust. also demografisch gesehen, ist eine freigabe von weichen drogen für senioren besser als die teure "therapie"so manch verkappter übersäuerter , globuli abhängiger,psychotherapeuten mit fernlehrgang.das ist die klientel , die über solche leute herfallen wie krähen hinterm aas..wo man nichts mehr kaputt machen kann sollte ,man einfach nach gusto leben lassen und nicht auch noch von irgendwelchen verkappten besserwissern bevormunden lassen. für menschen die vereinsamen sollte es anlaufstellen geben. für verarmte rentner wird sich garantiert nichts finden lassen. randgruppen als geschäftsfeld. find ich ekelhaft.
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