Blutgerinnsel: Wie gefährlich sind Antibabypillen?
Mehr als 10.000 Frauen haben in den USA geklagt, nun droht Pharmariesen auch in Frankreich eine Klagewelle. Grund sind moderne Anti-Baby-Pillen, die das Risiko für Blutgerinnsel erhöhen. Besonders wer raucht und übergewichtig ist, sollte aufpassen.
Die Versprechen klingen gut: Neben der Verhütung sollen moderne Antibabypillen das Hautbild verschönern oder die Pfunde purzeln lassen. Doch gerade die Mittel mit Zusatznutzen stehen jetzt in der Kritik. Die Behörden in Frankreich haben entschieden, die Kosten für moderne Antibabypillen ab September 2013 nicht mehr komplett zu erstatten. Mehr als 30 Frauen dort beschuldigen Hersteller, für gesundheitliche Schäden verantwortlich zu sein. Auch in den USA haben mehr als 10.000 Frauen Klage eingereicht. Ursache der Bedenken ist ein besonders erhöhtes Risiko, gefährliche Blutgerinnsel (Thrombosen) zu entwickeln.
Um welche Antibabypillen drehen sich die Diskussionen?
Dass die Antibabypille das Thromboserisiko erhöht, ist bereits seit ihrer Einführung vor mehr als 50 Jahren bekannt. Die betroffenen Pillen bestehen aus einem Östrogen- und einem Gestagenanteil. Die Kombination der Sexualhormone unterdrückt den Eisprung, wirkt sich aber auch auf die Blutgerinnung aus.
Anfangs galten vor allem die enthaltenen Östrogene als problematisch. Mittlerweile wurde ihre Konzentration allerdings so stark abgesenkt, dass die Gestagenkomponente an Einfluss auf das Thromboserisiko gewonnen hat. Die verwendeten Gestagene variieren von Pille zu Pille - und mit ihnen schwankt auch das Thromboserisiko.
Dabei zeigten mehrere große Studien, dass die relativ neu entwickelten, modernen Gestagene der dritten und vierten Generation das Thromboserisiko deutlich stärker erhöhen als die früher entwickelten künstlichen Hormone der zweiten Generation. Alle haben eine ähnliche Wirkung auf die Verhütung. Der Fortschritt der moderneren Gestagene besteht vor allem darin, dass sie sich positiv auf das Hautbild oder das Gewicht auswirken sollen.
Die Klagewelle in den USA konzentriert sich vor allem auf Präparate der vierten Generation, die das Gestagen Drospirenon enthalten. In Deutschland gehören beispielsweise Yasmin/Yasminelle, Aida, Yaz und Petibelle dazu. Neben der verhütenden Wirkung entzieht Drospirenon dem Körper etwas Wasser und kann so das Gewicht senken.
In Frankreich werden die Behörden zudem die Erstattung der Kosten von Präparaten mit Gestagenen der dritten Generation reduzieren. Zu ihnen zählen unter anderem die Wirkstoffe Gestoden und Desogestrel. Verhältnismäßig sicher und gut verträglich gelten hingegen Präparate mit dem Gestagen Levonorgestrel, das bereits in den sechziger Jahren entwickelt wurde.
Wie hoch ist das Thromboserisiko der verschiedenen Antibabypillen?
Das Risiko, als junge Frau ein Blutgerinnsel zu entwickeln, ist generell sehr gering. Je nach Zusammensetzung der Antibabypille kann es um das Mehrfache steigen. Für gesunde Frauen, die sonst keine Thromboserisikofaktoren haben (also nicht rauchen und nicht übergewichtig sind) geht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) von folgenden Risiken aus:
- Von 100.000 Frauen, die keine hormonellen Verhütungsmittel nutzen und nicht schwanger sind, entwickeln innerhalb eines Jahres etwa fünf bis zehn ein Blutgerinnsel.
- Verhüten die Frauen mit einer Antibabypille, die neben Östrogenen Levonorgestrel (zweite Generation) enthält, entwickeln im selben Zeitraum etwa 20 eine Thrombose.
- Verhüten die Frauen mit einer Antibabypille, die neben Östrogenen Desogestrel, Gestoden (dritte Generation) oder Drospirenon (vierte Generation) enthält, entwickeln etwa 30 bis 40 innerhalb eines Jahres eine Thrombose.
- Zum Vergleich: Bei schwangeren Frauen ist das Risiko deutlich höher. Bei ihnen sind etwa 60 betroffen.
Auch wenn die Blutgerinnsel nur selten auftreten, rät die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft dazu, das Thromboserisiko bei der Auswahl des Verhütungsmittels zu berücksichtigen. "Dies gilt besonders, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen", heißt es in einer Mitteilung der Bundesärztekammer. Vor allem bei den unter 30-jährigen Frauen sollten demnach bevorzugt lenovorgestrelhaltige Präparate eingesetzt werden. Eine Studie hatte in der Altersgruppe ein fast fünffach erhöhtes Thromboserisiko bei der Einnahme drospirenonhaltiger Präparate nachgewiesen.
Was sind weitere Risikofaktoren für Blutgerinnsel, wer sollte besonders aufpassen?
Neben der Einnahme bestimmter hormoneller Verhütungsmittel erhöhen vor allem Rauchen, Übergewicht, das Alter und wenig Bewegung das Risiko, eine Thrombose zu entwickeln. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) rät Frauen, die Rauchen und Übergewicht haben, aus diesem Grund davon ab, drospirenonhaltige Verhütungsmittel einzunehmen. Eine weitere Rolle spielen genetische Faktoren, die die Blutgerinnung beeinflussen. Aus diesem Grund sollten Frauen vorsichtig sein, in deren Familie schon häufiger Thrombosefälle aufgetreten sind. Ebenfalls einen Einfluss haben verschiedene Krankheiten. Generell sind die Risiken bei Erstanwenderinnen und im ersten Behandlungsjahr am größten.
Wie hoch ist das Thromboserisiko anderer, hormoneller Verhütungsmitteln?
Zu den hormonellen Verhütungsmitteln zählen neben der Antibabypille auch Pflaster, kleine Stäbchen im Oberarm, Vaginalringe und Spiralen, die Hormone abgeben. Laut einer dänischen Studie erhöhen sie das Risiko, ein gefährliches Blutgerinnsel zu entwickeln, mitunter noch stärker als die Antibabypille.
Die Forscher hatten die Daten von rund 1,6 Millionen Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass Hormonpflaster das Risiko eines Blutgerinnsels am meisten erhöhen, gefolgt vom Vaginalring. Erst dann kam die Antibabypille. Hormonröhrchen mit nur einem Hormon steigerten die Thrombosewahrscheinlichkeit nur leicht, die Spirale sogar gar nicht. Die Ergebnisse müssen allerdings noch von weiteren Studien bestätigt werden.
Eine Schwangerschaft verhindern alle Pillenarten, indem sie den Eisprung verhindern, das Eindringen von Spermien in die Gebärmutter erschweren und die Schleimhaut der Gebärmutter so verändern, dass ein befruchtetes Ei sich nicht einnisten kann.
Bei Zwei- und Dreiphasenpillen sind die Mengen an weiblichen Geschlechtshormonen und das Mischungsverhältnis je nach Einnahmetag unterschiedlich. So soll der weibliche Zyklus nachgeahmt werden. Diese Pillen müssen unbedingt in der richtigen Reihenfolge eingenommen werden, sonst verhüten sie unter Umständen nicht zuverlässig.
Entscheidend dafür, ob die Verhütung mit der Pille klappt, ist die korrekte Einnahme. Beginnt eine Frau, mit der Pille zu verhüten, wird das erste Dragee üblicherweise am ersten Zyklustag eingenommen, also dem ersten Tag der Monatsblutung. Von diesem Tag an verhütet die Pille. Der Schutz vor einer Schwangerschaft erstreckt sich auch über die Einnahmepause und die Monatsblutung.
Außer bei der Minipille ist eine vergessene Pille noch nicht schlimm, wenn sie innerhalb von zwölf Stunden noch genommen wird. Mehrere vergessene Dragees hintereinander allerdings gefährden den Verhütungsschutz. Erst nach einer durchgehenden Einnahme für sieben Tage besteht der Schutz erneut - solange müssen andere Verhütungsmethoden wie zum Bespiel Kondome verwendet werden.
Für die Minipille gilt: Die meisten Präparate müssen täglich in einem engeren Zeitfenster eingenommen werden als die normale Pille.
Verschiedene andere Medikamente können trotz zuverlässig eingenommener Pille die Verhütung gefährden: Antibiotika, Abführmittel, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und Epilepsiemedikamente. Auch pflanzliche Wirkstoffe wie Johanniskraut machen die Pille unwirksam. Der Beipackzettel der Medikamente enthält Informationen über die Wechselwirkungen mit der Pille. Arzt und Apotheker sollten, wenn sie solche Wirkstoffe verschreiben bzw. verkaufen, darauf hinwiesen, dass für die Dauer der Einnahme und sieben Tage darüber hinaus zusätzlich zum Beispiel mit Kondomen verhütet werden muss.
Durchfall und Erbrechen können dazu führen, dass die Hormone aus der Pille nicht aufgenommen werden und der Verhütungsschutz so unterbrochen wird. Im Zweifelsfall sollte der Frauenarzt aufgesucht werden.
Sehr seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen sind venöse Thrombosen und Lungenembolien. Thrombosen sind Blutgerinnsel, die vor allem in den tiefen Beinvenen entstehen und sich lösen können. Als Embolus wandern Gerinnsel in die Lungengefäße. Bei Frauen, die sonst keine Risikofaktoren für diese Krankheiten haben, bleibt das Risiko sehr gering: Während es normalerweise zu fünf bis zehn Fällen bei 100.000 Frauen in einem Jahr kommt, steigt das Risiko mit der Pille auf zwischen 20 und 40 Fällen, je nach Präparat.
Stärker erhöht ist das Embolie- und Thromboserisiko bei Raucherinnen und Frauen mit Gerinnungsstörungen. Auch das Herz-Kreislauf-Risiko steigt bei Frauen, die rauchen und die Pille nehmen. Ein unbehandelter Bluthochdruck treibt das Risiko weiter in die Höhe. Bei Diabetikerinnen muss der Frauenarzt individuell entscheiden, ob die Patientin mit der Pille verhüten kann.
Unter anderem wegen der möglichen Risiken durch andere Krankheiten auch bei Familienmitgliedern, etwa Bluthochdruck oder Herzinfarkte bei engen Verwandten, ist es wichtig, dass der Frauenarzt vor dem Verschreiben der Pille eine Anamnese erhebt. Frauen, die mit der Pille verhüten, sollten halbjährlich ihren Frauenarzt sehen.
Quelle: BZgA, DGGG
irb
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