Verhütung: Frauen mit Spirale haben seltener Gebärmutterhalskrebs

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Sie verhindert nicht nur eine Schwangerschaft, sondern schützt möglicherweise auch vor Krebs: Die Spirale senkt laut einer Studienanalyse die Rate für Gebärmutterhalskrebs um die Hälfte. Warum das so ist, bleibt für die Mediziner aber ein Rätsel.

Nahaufnahme einer Kupferspirale: Reduziertes Gebärmutterhalskrebs-Risiko Zur Großansicht
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Nahaufnahme einer Kupferspirale: Reduziertes Gebärmutterhalskrebs-Risiko

Eigentlich hatte sich Marita Werner* auf die Zeit vor der Geburt ihrer Tochter gefreut. Doch als die Ärzte bei einer Kontrolluntersuchung eine Veränderung der Zellen an ihrem Muttermund entdeckten, verwandelte sich ihre Vorfreude in blanke Sorge. Gebärmutterhalskrebs, so lautete die Diagnose. Einige Monate nach der Geburt mussten Ärzte ihr die Gebärmutter entfernen. Martina Werner hatte Glück, damit war der Krebs besiegt. Doch das ist längst nicht bei allen Frauen so: Etwa 6000 erkranken in Deutschland jährlich an Gebärmutterhalskrebs, fast 2000 Betroffene sterben dadurch.

Für Martina Werner hat ein neues Leben begonnen. Eine Frage hat sie aber seit ihrer Erkrankung nicht mehr losgelassen: Warum entstand der Krebs in ihrem Unterleib? Zwar wusste sie von Gynäkologen, dass humane Papillomaviren (HPV) Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Doch diese Erklärung reichte Martina Werner nicht. Im Internet fand sie eine Spur, die sie zu einem Eintrag in ein Internetforum veranlasste: "Viele Betroffene hatten wie ich eine Spirale. Kann das vielleicht ein Auslöser gewesen sein?"

Erstmals können jetzt Ärzte auf diese Frage sicher und knapp antworten: Nein. Eine Spirale erhöht nicht das Risiko für das Zervixkarzinom, wie die Krebsart in der Fachsprache genannt wird. Offenbar ist sogar das Gegenteil der Fall: Eine Spirale könnte, so lautet die überraschende Schlussfolgerung einer Großstudie, vor Gebärmutterhalskrebs schützen. Das schreibt ein internationales Forscherteam um Xavier Bosch vom Institut Català d'Oncologia in Barcelona im Medizinjournal "The Lancet Oncology".

Humane Papillomaviren
Die Viren
DPA
Humane Papillomaviren (HPV) lösen unterschiedliche Erkrankungen der Haut und Schleimhäute aus. Mittlerweile sind mehr als 100 verschiedene Subtypen der DNA-Viren bekannt, die durch sexuelle Übertragung häufig zu gutartigen Tumoren und Feigwarzen im Genitalbereich führen. Mindestens 13 Subtypen von HPV können allerdings Gebärmutterhalskrebs auslösen. Das hat der deutsche Forscher Harald zur Hausen entdeckt, der 2008 dafür mit dem Nobelpreis geehrt wurde.
Impfung
Seit 2006 und 2007 sind die Impfstoffe Gardasil (Sanofi Aventis) und Cervarix (GlaxoSmithKline) gegen Gebärmutterhalskrebs in Deutschland zugelassen. Im März 2007 hat die Ständige Impfkommission der Bundesregierung empfohlen, alle Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren zu immunisieren. Die Dreifachimpfung soll vor einer Infektion mit HPV schützen, wie lang die Immunisierung allerdings anhält, ist noch nicht bekannt.
Kritik
Seit der Zulassung der Impfstoffe steigt die Zahl der Kritiker. In einem Manifest haben 13 Wissenschaftler die Ständige Impfkommission aufgefordert, ihre Impfempfehlung zu überprüfen. Vor allem die aggressiven Werbekampagnen der Pharmafirmen stoßen übel auf: Bis zu sechsmal täglich flimmern teure Werbespots für die Immunisierung über deutsche TV-Bildschirme. Ärzte, Politiker und Prominente wurden eingespannt, um die Impfung bekannt zu machen. Modedesignerin Jette Joop etwa sagt in einem der Spots: "Als Mutter erlebe ich, wie schnell meine Tochter groß wird. Ich will nicht, dass Gebärmutterhalskrebs dieses Leben in Gefahr bringt."

Wer jedoch nur das Fazit der Studie liest, läuft Gefahr, die falschen Konsequenzen zu ziehen. Das Studienergebnis ist mitnichten ein Appell, sich beim nächsten Frauenarztbesuch zur Vorbeugung vor Gebärmutterhalskrebs eine Spirale einsetzen zu lassen. Dennoch finden viele Mediziner die Ergebnisse sehr bemerkenswert, zumal einige Verhütungsmittel wie etwa die Pille durch den Eingriff in den Hormonhaushalt eher unter dem Verdacht stehen, nach langjähriger Einnahme das Risiko für manche Krebsarten zu erhöhen.

Bisher war die Datenlage widersprüchlich

Dass nun ein Verhütungsmittel vor einem Zervixkarzinom schützen könnte, kommt für die Wissenschaftler "ein wenig unerwartet", wie Xavier Castellsagué sagt. "Die Daten, die wir vor Beginn der Studie hatten, waren sehr widersprüchlich. Wir haben keinen so eindeutigen Effekt erwartet", sagt der Erstautor.

Mehr als 25 Studien hatten die Wissenschaftler analysiert und dabei die Datensätze von insgesamt 20.000 Frauen aus zahlreichen Ländern (überwiegend aus dem lateinamerikanischen und asiatischen Raum) ausgewertet, die zwischen 1985 und 2007 als Probandinnen zur Verfügung standen. Finanziert wurde die Studienanalyse von verschiedenen Einrichtungen, darunter die Bill und Melinda Gates Foundation sowie die Weltgesundheitsorganisation WHO und die EU. Alle Frauen waren zu ihrem Gebrauch von Spiralen befragt worden. Etwas mehr als 2000 hatten ein Zervixkarzinom.

Das Ergebnis: In jener Gruppe Frauen, die irgendwann einmal in ihrem Leben eine Spirale getragen hatten, war die Rate der Zervixkarzinome um rund 50 Prozent geringer als in der Vergleichsgruppe, in der die Frauen nie im Leben eine Spirale benutzt hatten.

Stimuliert die Spirale das Immunsystem?

Dabei berücksichtigten die Ärzte verschiedene Risikofaktoren und stellten fest, dass das Tragen der Spirale nur jenen Frauen einen nennenswerten Vorteil bot, die nicht HPV-positiv waren, das heißt, sie waren nicht mit dem humanen Papillomavirus infiziert. Eine Infektion mit bestimmten Hochrisikotypen von HPV (HPV 16 und 18) gilt als Voraussetzung für die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs: Bei nahezu hundert Prozent der Betroffenen können Ärzte DNA der Viren im Abstrich nachweisen. Meist schon in jungen Jahren nach dem ersten Sex stecken sich Frauen mit diesem HPV-Typ an. 60 bis 70 Prozent aller Frauen infizieren sich im Laufe des Lebens mit einem HPV.

Umgekehrt stellten die Mediziner fest, dass die HPV-Infektionsraten bei beiden Gruppen - mit und ohne Spirale - gleich waren, selbst nachdem sie andere Risikofaktoren herausgerechnet hatten, wie etwa die Zahl der Geschlechtspartner.

Doch wie ist der Zusammenhang zwischen der Spirale und der verminderten Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs zu erklären? Ein direkter Beweis dafür, dass eine Spirale ein Zervixkarzinom verhindert, ist die Studienanalyse aufgrund der Art, wie die Studien durchgeführt wurden, nicht. Die Analyse ist lediglich ein Hinweis darauf, dass Spiralen mit einem geringeren Krebsrisiko einhergehen. Welcher Mechanismus dahinter steckt, darüber rätseln die Mediziner noch.

Eine Vermutung haben die Forscher bereits: Die Spirale könnte die Entstehung von Krebs verhindern, weil sie das Immunsystem dazu stimuliert, mögliche Krebszellen zu bekämpfen. Auch Peter Hillemanns, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde der Medizinischen Hochschule Hannover, hält das für eine mögliche Erklärung: "Infiziert man sich beim Geschlechtsverkehr mit HPV, kommt das Virus für gewöhnlich nur schwer mit dem Immunsystem in Kontakt, da es nur die äußeren Schleimhautschichten infiziert", erklärt Hillemanns. Nicht immer kann das Immunsystem also angemessen auf das Virus reagieren und den Feind eliminieren.

Kupferspirale oder Hormonspirale?

Infiziert sich eine Frau, die eine Spirale nutzt, könnte das die Situation ändern, denn die Spirale ist für den Organismus ein Fremdkörper. "Das Immunsystem wird dadurch ständig stimuliert", so Hillemanns - und könnte möglicherweise besser auf eine HPV-Infektion reagieren. Allerdings gilt es, diesen möglichen Wirkmechanismus durch weitere Studien und Experimente zu prüfen. Ebenso müsse nach Meinung Hillemanns geklärt werden, ob das Tragen der Spirale auch die Krebsvorstufen des Zervixkarzinoms verhindere.

Matthias Beckmann, Direktor der Universitätsfrauenklinik Erlangen sieht ein weiteres Problem: Die Studie gebe keinerlei Auskunft darüber, welche Art von Spirale die Frauen getragen hätten.

Von Intrauterinpessaren, so der Fachausdruck, gibt es heutzutage zwei Typen. Die Kupferspirale, bei der Kupferradikale aus der Metallspirale in die Schleimschicht von Uterus und Gebärmutterhals gelangen und dort eine Fremdkörperreaktion hervorrufen. Das verhindert, dass sich die Gebärmutterschleimhaut für etwaige befruchtete Eizellen ausreichend aufbauen kann, zudem ist das Kupfer giftig für Spermien. Bei der Hormonspirale dagegen beruht die verhütende Wirkung in erster Linie auf Hormonen.

Unklar sei, so Beckmann, ob man bei beiden Spiralen-Typen von einem gesteigerten Immunsystem ausgehen könne. Die "Unruhen" im Mutterleib, wie der Gynäkologe die schwachen Entzündungsreaktionen nennt, würden vor allem durch den Rückholfaden der Spirale ausgelöst. Doch in China beispielsweise werden keine Spiralen mit Faden verwendet, lediglich ein Ring wird eingesetzt. "Damit bleibt der chronische Reizzustand durch die Fäden aus", sagt Beckmann.

Während die Studienergebnisse für Zervixkarzinom-Forscher von großem Wert sein dürften, haben sie auf den praktischen Alltag in der Frauenarztpraxis kaum Auswirkungen. Bis auf eine Ausnahme: "Immerhin können wir den Frauen jetzt mit Sicherheit die Angst nehmen, dass die Spirale Gebärmutterhalskrebs auslösen kann", sagt Beckmann.

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1.
inci2 01.11.2012
Zitat von sysopSie verhindert nicht nur eine Schwangerschaft, sondern schützt möglicherweise auch vor Krebs: Die Spirale senkt laut einer Studienanalyse die Rate für Gebärmutterhalskrebs um die Hälfte. Warum das so ist, bleibt für die Mediziner aber ein Rätsel. Verhütung: Frauen mit Spirale haben seltener Gebärmutterhalskrebs - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/sex/verhuetung-frauen-mit-spirale-haben-seltener-gebaermutterhalskrebs-a-864690.html)
ich gestehe, ich habe den artikel noch nicht gelesen, würde aber darauf tippen, daß es das kupfer ist, was hier den entsprechenden schutz gibt.
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