Von Jens Lubbadeh
Martinas Trip nach New York war klasse. Sie wollte einen Freund besuchen, der dort gerade ein Praktikum machte. Für Stefan, ihren Freund, war das kein Problem. Er ist ein echt toleranter Typ.
Nach ihrer Rückkehr erzählte Martina ihm von dem schönen See im Central Park, dem Blick vom Empire State Building, dem Nachtleben im East Village. Zwei Wochen war sie unterwegs gewesen, mit nur einem einzigen Koffer. Ungewöhnlich wenig für ihre Verhältnisse, fand Stefan.
"Hat dir denn so wenig Gepäck für die Zeit gereicht?", fragte er sie.
"Ja natürlich", sagte Martina. "Markus hat doch eine Waschmaschine"
"Aber für eine Ladung reicht deine Wäsche doch auch nicht."
"Wir haben zusammengeworfen."
Pause.
"Du hast deine Wäsche zusammen mit seiner gewaschen?", fragte Stefan irritiert.
"Ja natürlich. Das ist doch nicht schlimm."
"War da etwa auch eure Unterwäsche dabei?", fragte Stefan, nun mit einem etwas schärferen Unterton.
Martina zögerte und sagte dann leise: "Ja."
"Findet du das nicht etwas zu intim?"
"Und dann sagte sie nichts mehr", sagte Stefan. Ich musste erst ein wenig schmunzeln, als er mir diese Geschichte bei einem Kaffee erzählte. Stefan war wie gesagt wirklich ein sehr toleranter Typ. Aber hier war ganz offensichtlich eine Grenze überschritte worden. Er bat mich, das Martina nicht zu sagen, aber er beichtete mir, dass er in diesem Moment einen seltsamen Mix aus Unbehagen, Abgestoßenheit und Eifersucht empfand. "Bin ich spießig?", fragte er mich.
Ich begann über das Thema nachzudenken. Wäre ich eifersüchtig, wenn meine Freundin ihre Unterwäsche mit der eines anderen Mannes zusammen waschen würde? Und würde ich selbst meine Wäsche mit der anderer Leute zusammen waschen wollen? In Gedanken deklinierte ich ein paar Unterhosen durch, die zusammen mit meiner in der Trommel herumpurzeln würden. Eigentlich konnte ich mir das nur bei sehr guten Freunden vorstellen, alles andere hätte ich als unangemessen empfunden, so als würde man jemanden Fremden einfach duzen. Bei Nicht-Unterwäsche wäre ich lockerer. Hier zeigte sich, dass die Frage ein ziemlich guter Indikator dafür war, wen ich körperlich als eher abstoßend empfand. Auch die Vorstellung, dass meine Freundin fremdwaschen würde, ließ mich nicht kalt - aber nur im Falle männlicher Unterhosen.
Fremdwaschen - Wo wird ein Intimgrenze überschritten?
Ich thematisierte die Frage im Freundeskreis - erst verwirrte sie, noch niemand schien sich darüber Gedanken gemacht zu haben. Aber dann polarisierte sie sofort. Für manche war Fremdwaschen überhaupt kein Problem, andere schlossen es kategorisch aus. Ich habe neulich in einer Kolumne über die Überraschungen im Schwimmbadbecken geschrieben. Für manche Leute ist es aber schon ein Problem, sich mit fremden Menschen zusammen in ein Becken zu begeben. In der Waschmaschine sind es zwar nicht unsere Körper, die durch Wasser verbunden werden. Es stoßen aber die Repräsentanten intimster persönlicher Grenzen aneinander. Und meine Unterhose ist meine Maginot-Linie, deren Übertretung ich offenbar nicht jedermann bzw. jederfrau gestatte.
Die Wissenschaft gibt mir bei meinen Vorbehalten Recht: Bis 60 Grad überlebt die Unterwäsche-Mikrofauna mühelos. Eine Kontamination mit Fremd-Mikroben und wer weiß noch was im Falle des Mischens von Unterwäsche liegt hier auf der Hand. Auf ähnlichem Weg haben übrigens die spanischen Konquistadores Südamerika erobert - nicht mit Musketen und Degen, sondern mit pockenverseuchter Wäsche. 90 Grad sind eine sichere Sache, vor allem in der Kombination mit Bleichmitteln. Das überleben nicht mal Bettwanzen-Eier. Aber wer wäscht schon gerne seine Dessous bei dieser textilfeindlichen Temperatur? Oder seine flauschigen Baumwoll-Schlüpfer, die danach bestenfalls noch Mick Jagger passen dürften. Und leider gerät der sich um seine Umwelt sorgende Mensch hier in einen Gewissenskonflikt. Mit energiesparenden 30-Grad-Wäschen tun Sie dem Klima einen Gefallen, aber leider auch den Mikroben.
Zugegeben, es ist nicht so sehr die Angst vor Pocken oder anderen Erregern, die mich umtreibt. Es ist auch nicht so sehr Ekel, vielmehr ist meine Maginot-Linie psychologischer Natur. Der persönliche Mindestabstand liegt bei etwa 50 Zentimetern. Meine Unterhose liegt deutlich darunter. Wie sich die Übertretung des persönlichen Mindestabstands anfühlt, kennen Sie vom Bus- und Bahnfahren und vom Fliegen. Dort haben nur die Besserzahler Anrecht auf persönlichen Mindestabstand, während wir Plebejer den ewigen Kampf um die einzige Armlehne austragen. Interessant ist, dass manche Menschen, inklusive mir, ihre persönliche Grenze auf Dinge übertragen, selbst wenn diese Objekte nicht (mehr) am Körper getragen werden. Für andere hingegen ist die ausgezogene Hose eine tote Hose. Dieses Phänomen der Expansion des Ichs ist der Psychologie wohlbekannt. Es ist der Grund dafür, warum Männer in der Regel ausrasten, wenn jemand eine Beule in ihr Auto fährt.
Trotzdem ein Kompromiss für alle Fremdwäscher: Tut euch einen Gefallen und wascht wenigstens bei 60 Grad. Ihr erspart dem Klima ja schon einen Extra-Waschgang.
Lesen sie hier mehr über Keime in der Waschmaschine und wie man sie vermeidet.
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