Orgasmus bei Frauen Komm schon!

Beim Sex sind wir von Gleichberechtigung noch weit entfernt: Frauen kommen deutlich seltener zum Höhepunkt als Männer. Warum? Ein Grund ist Unwissen über den Schlüssel zur Lust, die Klitoris.

Getty Images


An der Universität Bielefeld herrschte kürzlich große Aufregung wegen eines Masturbations-Workshops für Frauen. Bundesweit berichteten die Medien über die geplante "möseale Ejakulation", und vor allem konservative Studenten waren aufgebracht. Auch ich bin empört - allerdings aus anderem Grund: Mit der Selbstbefriedigung sollten Frauen wirklich nicht erst an der Uni beginnen!

Das Zentrum der weiblichen Lust sollte vielmehr bereits Teil des schulischen Aufklärungsunterrichts sein. Vielleicht ließe sich dann auch endlich die sogenannte Orgasmuslücke schließen: 2017 ergab eine Umfrage des Wissenschaftsjournalisten Christoph Drösser gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut YouGov, dass 59 Prozent der Männer beim Sex immer zum Orgasmus kommen - aber nur 21 Prozent der Frauen.

Die Gründe für diese Orgasmuslücke sind vielfältig: 36 Prozent der Frauen gaben an, sie seien "innerlich blockiert", 25 Prozent sagten: "Mein Partner macht nicht die richtigen Dinge" und 20 Prozent beklagten, dass ihr Bettgenosse sich nicht genügend Zeit nehme.

Aber was sind die richtigen Dinge? Und wie macht die Frau sich locker und erklärt dem Partner, was sie am liebsten mag?

Der Schlüssel zum weiblichen Orgasmus

Die Grundvoraussetzung für den weiblichen Orgasmus ist zunächst ein entspanntes Verhältnis zum weiblichen Unterleib. Der wurde allerdings über Jahrtausende verteufelt oder missachtet. Bis heute sind die Geschlechtsteile für viele Frauen der blinde Fleck ihres Körpers, sie wissen kaum, wie sie "da unten" aussehen und halten diesen Bereich auch nicht für sehenswert - von Stolz fehlt jede Spur.

Aktenzeichen XX - zur Autorin
  • Der weibliche Unterleib ist so aufregend wie unerforscht: Medizinern gibt er Rätsel auf, bei Männern sorgt er für Faszination, doch bei Frauen erzeugt er oft Scham und Zweifel. Heike Kleen will mit verbreiteten Vorurteilen aufräumen und weiblichen Stolz wecken. Von erstaunlichen Vorgängen und neuesten Forschungsergebnissen aus diesem Bereich und anderen Aspekten von Weiblichkeit erzählt sie künftig in dieser Serie. Kleen ist freie Journalistin und TV-Autorin für Talkshows in ARD, ZDF und NDR. Ihr Sachbuch "Das Tage-Buch" erschien 2017 im Heyne Verlag.

Masturbation ist - anders als bei Männern - alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Im Biologieunterricht wird zwar über die weiblichen Fortpflanzungsorgane aufgeklärt, doch das faszinierende Sexualorgan der Frau findet kaum Beachtung: die Klitoris. Sie dient mit bis zu achttausend Nervenenden an der Spitze ausschließlich der Lust und ist der Schlüssel zum weiblichen Orgasmus. Sie ist das weibliche Pendant zum Penis, und der äußerlich sichtbare Teil oberhalb der Schamlippen ist nichts anderes als eine zwar kleine, aber extrem sensible Eichel mit Vorhaut.

Doch dieser Punkt ist nur das i-Tüpfelchen der Lust. Im Jahr 1998 entdeckte die australische Urologin Helen O'Connell, dass die Klitoris deutlich größer ist als bisher angenommen: Im Inneren der Frau erstrecken sich knapp zehn Zentimeter lange Schwellkörper, die sich bei sexueller Erregung mit Blut füllen, anschwellen und sich von innen an Vagina und Vulva schmiegen.

Der gesamte Klitoriskomplex kann auf die doppelte Größe anschwellen - spätestens jetzt könnte Sigmund Freud seinen Penisneid ad acta legen. Das alles steht bis heute in kaum einem Anatomiebuch, auch der Duden definiert die Klitoris lediglich als "am oberen Ende der kleinen Schamlippen gelegenes weibliches Geschlechtsorgan".

Fünfte Stunde: Masturbation

Penis und Klitoris sind sich viel ähnlicher, als wir denken, immerhin entstehen sie aus den gleichen embryonalen Strukturen. Aber warum wird dieses Wissen nicht vermittelt? Das fragte sich auch die französische Ingenieurin und Kognitionswissenschaftlerin Odile Fillod und entwickelte ein dreidimensionales Klitoris-Modell, das an jeder Schule mit einem 3-D-Drucker hergestellt und im Unterricht gezeigt werden kann. In Deutschland würde so ein Projekt vermutlich schon daran scheitern, dass sich kaum eine Schule einen 3D-Drucker leisten kann.

3-D-Model der weiblichen Klitoris mit Schwellkörpern
Getty Images/iStockphoto

3-D-Model der weiblichen Klitoris mit Schwellkörpern

Doch französische Mädchen sollen bereits im Sexualkundeunterricht erfahren, dass sie genauso zum Orgasmus kommen können wie ihre männlichen Mitschüler. Dabei geht es nicht nur um die Technik, sondern auch um das weibliche Selbstverständnis. Je früher und schambefreiter Frauen beginnen, sich mit ihren Geschlechtsorganen auseinanderzusetzen, desto besser können sie später ihre Wünsche äußern.

Klitoris first

Und wie macht der Mann es richtig? Eine Gebrauchsanweisung gibt es nicht, denn natürlich ist Sexualität individuell und spielt sich nicht nur zwischen den Beinen, sondern auch im Kopf ab. Doch es lohnt sich, Folgendes zu wissen: Auch wenn die Klitoris zuweilen als Knöpfchen oder Lustknopf bezeichnet wird, bewirkt Draufdrücken herzlich wenig! Die Klitoriseichel ist viel sensibler als die Eichel des Penis, sie hat mehr als doppelt so viele Nervenenden, darum empfindet die Frau eine zu starke Berührung als unangenehm, ihre Klitorisspitze zieht sich zurück.

ANZEIGE
Heike Kleen:
Das Tage-Buch

Die Menstruation - alles über ein unterschätztes Phänomen

Heyne Verlag; 240 Seiten; 14,99 Euro

Bedenken wir lieber, dass sie eine Eichel mit Vorhaut ist, entsprechend möchte sie sanft umspielt und gestreichelt werden. Ist die Klitoris erst einmal erregt und schwillt an, kann sie aufgrund ihrer inneren Größe über die äußeren Schamlippen stimuliert werden oder ganz "klassisch" durch den Penis in der Vagina - aber dafür muss sie auch die Gelegenheit gehabt haben, sich in ihrer ganzen Pracht zu entfalten. Mit anderen Worten: Klitoris first!

Eine Befragung von Frauen, die häufig zum Orgasmus kommen, ergab, dass der Sex bei ihnen länger dauert, dass Oralsex oder manuelle Stimulation eine entscheidende Rolle spielen und sie ihre Bedürfnisse artikulieren. Die Forscher schlussfolgerten, dass es "eine Vielzahl von Verhaltensweisen gibt, die Paare ausprobieren können, um die Häufigkeit der Orgasmen zu erhöhen."

Ob und wie oft wir kommen, haben wir also selbst in der Hand - lasst uns gemeinsam die Orgasmuslücke schließen!

Video: Intimzonen - Frauen sprechen über Sex

SPIEGEL TV

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.