Dennoch nutzte Richard Perle die Hysterie im Lande, um Angst und Wut unverdrossen auf den Wüstenstaat zu lenken: "Es kann keinen Sieg im Krieg gegen den Terrorismus geben, wenn Saddam Hussein am Ende immer noch an der Macht ist." Der Diktator, verlangte Perle, müsse von den Vereinigten Staaten nicht zuletzt deshalb beseitigt werden, "weil er das Symbol für die Missachtung aller westlichen Werte ist".
Das allerdings war der Massenmörder Saddam auch schon gewesen, als er sich 1979 mit US-Hilfe an die Spitze des Landes manövrierte.
Damals meldete ein Geheimdienstler aus der amerikanischen Botschaft in Bagdad an die CIA-Zentrale: "Ich weiß, Saddam ist ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn." Nachdem die USA den Diktator auch im Kampf gegen Iran unterstützt hatten, erklärte der pensionierte CIA-Direktor Robert Gates, er habe nie irgendwelche Illusionen über den Mann in Bagdad gehegt: Saddam sei "kein Demokrat, kein Agrarreformer, sondern ein ganz gemeiner Verbrecher".
Angesichts dieser Vorgeschichte verbot es sich für die Bellizisten im Weißen Haus, die permanenten Menschenrechtsverletzungen ihres einstigen Günstlings als Casus Belli allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Auch die schon im PNAC-Papier von 1998 enthaltenen Hinweise auf die geopolitischen Interessen der USA im Mittleren Osten und die reichen Ölvorräte des Irak schienen denkbar ungeeignet, die vom Pentagon gewünschte "Koalition der Willigen" zu verbreitern oder gar die Zustimmung der widerspenstigen Mehrheit im Weltsicherheitsrat zu einem Angriffskrieg zu erlangen.
Es galt mithin, einen möglichst populären Kriegsgrund zu produzieren und zu propagieren: die angeblich vom Irak ausgehende Gefahr eines "11. Septembers mit Massenvernichtungsmitteln", wie Rumsfeld es formulierte. Damit wurde insinuiert, Hussein sei nicht nur im Besitz von ABC-Waffen, sondern auch bereit, sie Terrororganisationen wie der Qaida zur Verfügung zu stellen. Allerdings: Nicht einmal die CIA konn-te diese Propagandathese mit Beweisen untermauern - kein Problem für die Falken im Weißen Haus.
PNAC-Mann Perle diskreditierte gezielt den traditionsreichsten Geheimdienst der USA: "Was den Irak betrifft, ist die CIA unfähig", erklärte er öffentlich. PNAC-Kollege Wolfowitz gründete im Pentagon prompt eine willfährige Gegen-CIA namens "Office of Special Plans", deren Mitarbeiter ihren Dienst selbstironisch "Kabale" nannten und gezielt Falschmeldungen über das irakische Waffenarsenal produzierten und dem Präsidenten zuleiteten.
In das Propagandakonzept der PNAC-Riege fügten sich auch jene berüchtigten 16 Wörter in Bushs "Rede zur Lage der Nation" vom 28. Januar, die der Präsident ein halbes Jahr später offiziell wieder zurückziehen musste: "Die britische Regierung hat herausgefunden, dass Saddam Hussein jüngst größere Mengen Uran aus Afrika kaufen wollte."
Die Behauptung bezog sich auf ein Papier dunkler Herkunft, das von der CIA längst als plumpe Fälschung enttarnt worden war.
Zwei amerikanische Politiker - beide PNAC-Aktivisten der ersten Stunde - taten sich besonders hervor, den 1998 entworfenen Kriegskurs auch noch mit den windigsten Argumenten zu begründen: Vizepräsident Cheney und dessen Stabschef Libby.
Von Libby stammte der Entwurf der umstrittenen Rede, mit der Außenminister Colin Powell am 5. Februar den Weltsicherheitsrat dazu bewegen sollte, den gewünschten Angriffskrieg gegen Saddam zu billigen. Das Libby-Manuskript enthielt derart zweifelhafte Passagen, dass Powell, wie die "International Herald Tribune" später rekonstruierte, die Blätter in die Luft warf und wütend schrie: "Das werde ich nicht vortragen. Das ist Scheiße." Immerhin unterließ es der Außenminister, in dieser Rede die Uranlüge zu wiederholen, die sein Präsident eine Woche zuvor der Nation und der Welt präsentiert hatte.
Um so beharrlicher verbreitete Bush fortan die unbewiesene Behauptung, "dass das irakische Regime einige der tödlichsten Waffen, die je erfunden wurden, weiterhin besitzt und versteckt". Rumsfeld stand ihm wochenlang bei: "Wir wissen, dass er (der Irak) weiterhin biologische und chemische Waffen besitzt."
Als Kronzeugen servierte das Weiße Haus der Weltöffentlichkeit einen General namens Hussein Kamil: Erst nachdem der Schwiegersohn Saddam Husseins, oberster Chef der irakischen Rüstungsindustrie, 1995 nach Jordanien übergelaufen sei und ausgepackt habe, wäre das Regime in Bagdad bereit gewesen, "die Produktion von über 30000 Litern Anthrax und anderer tödlicher B-Waffen-Stoffe zuzugeben", erklärte Bush, um die Heimtücke des Schurkenstaats zu belegen. Wie das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" enthüllte, unterschlug Bush jedoch einen wesentlichen Teil der Aussagen, die Kamil 1995 in einer dreistündigen Unterredung mit den Uno-Inspektoren gemacht hatte: "Ich habe die Zerstörung aller chemischen Waffen befohlen. Alle Waffen - biologische, chemische, Trägerraketen, nukleare - sind zerstört worden", hatte Kamil in der Vernehmung erklärt. Lediglich Bauanleitungen seien archiviert worden, heißt es in dem von "Newsweek" überprüften und zitierten Protokoll. Das Kamil-Argument der Regierung brach rasch in sich zusammen. Bushs Kronzeuge - der sofort ermordet worden war, nachdem der Tyrann von Bagdad ihn 1996 mit einer Amnestiegarantie zur Rückkehr in den Irak gelockt hatte - diente vom März an der US-Friedensbewegung als Kronzeuge gegen Bush.
Dass die amerikanische Regierung die Kernaussage Kamils der Öffentlichkeit verschwieg, sei der dickste Hund ("the biggest story") seit Beginn der Irak- Krise, kommentierten die Medienwächter von der New Yorker Bürgerinitiative FAIR ("Fairness & Accuracy In Reporting").
Solche und ähnliche kritische Informationen erreichten in den Ländern der Kriegskoalition allerdings nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Vor allem die angloamerikanischen Medien, wenige Qualitätsblätter ausgenommen, gaben sich in jenen Wochen einem nationalistischen Taumel hin, in dem die Wahrheit kaum eine Chance hatte.
Die TV-Sender und Billigblätter des amerikanisch-australischen Murdoch-Konzerns, aber auch professionelle Psychokrieger aus der Washingtoner und der Londoner Regierungszentrale bliesen schrill zum Krieg und zum Hass auf die Regierungen in Paris, Berlin und Moskau, die sich dem US-Kriegskurs widersetzten.
Zunächst klang manche Tirade noch halbwegs witzig. Als Jacques Chirac begann, gegen die Kriegspläne Front zu machen, attackierte der rechte Kolumnist Jonah Goldberg die "Käse fressenden Kapitulationsaffen". Und bald steigerten sich journalistische Hurra-Patrioten in wahre Hassorgien hinein.
Die rechtskonservative "National Review" schwadronierte von einer "Froschpest". Murdochs britisches Massenblatt "Sun" bildete den französischen Präsidenten auf der Titelseite einer Extraausgabe als Wurm ab. Murdoch-Sender hatten schon seit längerem dafür plädiert, den USA missliebige Länder samt ihrer Zivilbevölkerung brutal zu attackieren, im Extremfall nach dem Muster des "moral bombing", mit dem die Angloamerikaner einst deutsche Städte wie Hamburg und Dresden in Schutt und Asche gelegt hatten: "Die Leute eines jeden Landes sind verantwortlich für die Regierung, die sie haben. Die Deutschen waren für Hitler verantwortlich."
"Fox"-Kommentator Bill O'Reilly hat-te nach dem WTC-Anschlag bereits die Abstrafung der afghanischen Bevölkerung propagiert: "Wenn sie sich nicht gegen ihre Regierung stellen, verhungern sie, Punktum." Er rief auch nach Sanktionen gegen Libyen: "Lassen wir sie Sand fressen." Nun drängte er darauf, die irakische Bevölkerung (die zur Hälfte aus Minderjährigen besteht) "ein weiteres Mal intensiven Schmerz spüren zu lassen".
Ein beträchtlicher Teil der angloamerikanischen Medien ließ sich einspannen für die Interessen eines obskuren Propagandaapparats, der weitgehend im Dunkeln operierte. Für dessen Hirnwäscher prägte die US-Friedensbewegung das Kampfwort "Brainwashington".
"Seit dem Vietnam-Krieg gab es keine so systematische Verzerrung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, keine so systematische Manipulation der öffentlichen Meinung mehr", urteilte der US-Diplomat John Kiesling, Ex-Berater der US-Botschaft in Athen. Kiesling quit-tierte im Februar den Dienst - aus Protest gegen die politische Propaganda der Regierung Bush: "Wir haben Verunsicherung und übertriebene Furcht in das kollektive Bewusstsein gepflanzt, indem wir Terrorismus und Irak, zwei Probleme, die nichts miteinander zu tun haben, verknüpften."
Je widerspenstiger sich die Chef-Waffeninspektoren Hans Blix und Mohammed al Baradei und mit ihnen die Mehrheit der Uno-Staaten, darunter auch die Verbündeten in Paris und Berlin, gegenüber dem US-Kriegskurs zeigten, desto ungehemmter trieb die Washingtoner Regierung in den Vorkriegswochen ihr Argument auf die Spitze, Saddam bedrohe die USA mit Massenvernichtungswaffen. Bush: "Wir können nicht auf den letzten Beweis warten, auf die ,smoking gun' in Form eines Atompilzes."
Begierig griffen die europäischen Parteigänger des Präsidenten - ähnlich wie der deutsche Christdemokrat Pflüger - die Vorgaben aus Washington auf. Madrids Premier José María Aznar: "Wir alle wissen, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt."
Die Kriegspropagandisten beiderseits des Atlantiks nahmen damit sehenden Auges ein hohes Risiko in Kauf: dass nach dem Waffengang jene Politiker als Lügner dastehen, die vor dem Krieg die Falschmeldungen unters Volk gebracht hatten.
Als Ersten sollte es im Sommer den britischen Premier Tony Blair treffen, der vor dem Krieg die Behauptung aufgestellt hatte, Hussein könne "innerhalb von 45 Minuten" Massenvernichtungswaffen zum Einsatz bringen.
Der Labour-Politiker erlitt die massivsten Popularitätseinbußen seiner Karriere, als ein Untersuchungsausschuss den mysteriösen Selbstmord des Waffenexperten David Kelly aufhellte; die britische Regierung hatte den Beamten zuvor als Quelle eines BBC-Berichts mit der brisanten These bloßgestellt, Blair-Berater hätten Geheimdienst-Informationen über das Waffenarsenal des Irak "aufgesext", um die Kriegsbeteiligung Großbritanniens zu rechtfertigen.
Zwar lieferte die Untersuchung keinen Beweis für den BBC-Vorwurf, Blairs umstrittener Kommunikationsdirektor Alastair Campbell habe persönlich angeordnet, das Dossier mit der 45-Minuten-These aufzumotzen. Doch im Ausschuss stellte sich heraus, dass das Papier in letzter Minute nach einer Intervention aus dem Büro Blair angespitzt worden war, obwohl der Auslandsgeheimdienst MI6 gegen "zu starke Formulierungen" protestiert hatte.
Auch Bushs Popularitätswerte sollten dramatisch einbrechen, als nach dem Sturz Husseins weiterhin US-Soldaten im Irak ihr Leben lassen mussten und Saddams Massenvernichtungswaffen trotz monatelanger Suche unauffindbar blieben.
Zusätzlich in Bedrängnis geriet Bush durch den Ex-Diplomaten Joseph Wilson, der ihn in der "New York Times" mit dem Verdacht konfrontierte, der Präsident habe wider besseres Wissen behauptet, Saddam habe versucht, im Niger Uran zu kaufen; er selbst, so Wilson, sei in Afrika im Auftrag der CIA dem Verdacht nachgegangen und habe keinerlei Belege gefunden.
Als ein US-Journalist wenig später unter Berufung auf zwei "hochrangige Regierungsbeamte" die Ehefrau des Bush-Kritikers Wilson als verdeckt arbeitende CIA-Agentin enttarnte, sah sich der Präsident prompt dem Verdacht ausgesetzt, seine Regierung habe sich an Wilson rächen wollen.
Dass Bushs Kriegsgründe nur vorgeschoben waren, schwante selbst vielen seiner Fans, als Wolfowitz Ende Mai nonchalant einräumte, der Krieg sei keineswegs vorrangig wegen der Massenvernichtungsmittel geführt worden: Allein aus "bürokratischen Gründen" habe sich die Administration auf dieses Argument verständigt.
"Riesig" sei in Wahrheit das Gewicht eines anderen Motivs gewesen: Nach dem Sturz Saddams könnten US-Trup-pen aus dem zunehmend unsicheren Ölförderland Saudi-Arabien abgezogen und in den Irak verlegt werden. "Es ging also im Irak um Geopolitik", leitartikelte die "Zeit": "Jetzt ist es heraus, und man staunt nicht schlecht über so viel Chuzpe."
JOCHEN BÖLSCHE
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