Von Andreas Ulrich
Am Dienstag nach Ostern 1985 dringen drei bewaffnete Italiener in die Wohnung Möhlenbecks ein und schlagen den Mann zusammen. Er erstickt schließlich an einem blutigen Knebel im Rachen. Weil Anwohner sich das Nummernschild des Fluchtwagens notieren, wird der Fall schnell aufgeklärt.
Das Urteil fällt am 7. Januar 1986. Giorgio als Auftraggeber muss für neuneinhalb Jahre hinter Gitter, denn einer seiner Italiener hat mit den Anklägern einen Deal ausgemacht und ihn verraten. Der Zeuge wird gleich nach seiner Haftentlassung in Italien ermordet, aus Rache für den Verstoß gegen die Omertà. Das herausgeschnittene Herz des Mannes legen die Mörder den Eltern vor die Haustür - als Warnung an alle anderen. Doch Giorgio hilft das auch nicht mehr.
Er brummt, in Oberhausen, Bochum und Münster. In der Haft organisiert er den Handel mit Haschisch und Kokain. Er schließt auch eine nützliche Freundschaft: mit dem Sizilianer Domenico Sanfilippo, genannt Mimmo. Der sitzt wegen bewaffneten Raubüberfalls ein, und er ist vor allem ein Mann ohne eigene Meinung, dem umtriebigen Giorgio bald treu ergeben.
Nach sechseinhalb Jahren hinter Gittern, im September 1991, wird Giorgio Basile nach Italien abgeschoben. Er ist erwachsen geworden in dieser Zeit, und er ist sehr hart geworden. Aber auch die Welt draußen hat sich verändert: In der 'Ndrangheta haben sich die Machtverhältnisse verschoben. Der alte Boss ist geflüchtet, ein ehemaliger Unterboss namens Santo Carelli hat sich an die Spitze des Clans gesetzt. Er lässt seine Gegner gerade Mann für Mann beseitigen. De Cicco steht ebenfalls auf der Abschussliste. Auch Giorgio Basiles private Welt ist während seiner Haft aus den Fugen geraten. Denn ausgerechnet De Cicco, sein Vorbild, hat in der Zwischenzeit Giorgios jüngste Schwester missbraucht.
Giorgio sinnt auf Rache und erfasst die Situation schnell. Er geht zu Carelli und bietet ihm seine Mitarbeit an. "Wenn es so weit ist, dass De Cicco sterben muss, dann will ich ihn töten", sagt er. Das ist seine Eintrittskarte in die 'Ndrangheta, mit der er zu Ruhm gelangen und seine Rache stillen kann. Santo Carelli stimmt zu.
Die beiden kommen überein, dass Giorgio erst mal den Drogenhandel in Corigliano übernehmen darf. Giorgios Aufstieg beginnt. Und im Sommer erhält er die Erlaubnis, De Cicco zu töten - den Mann, den er zutiefst bewundert hat und der ihn maßlos enttäuschte.
Mit Mimmo, dem Freund aus Bochumer Gefängnistagen, lauert er dem Liebhaber seiner Mutter an einem frühen Juli-Morgen vor der alten Kirche auf. Giorgio trägt einen 38er Revolver und eine abgesägte Schrotflinte, Mimmo einen Revolver, Kaliber 357 Magnum. Giorgio versteckt sich in einem weißen Fiat, der am Ende der schmalen Straße parkt, aus der De Cicco kommen muss. Er wartet. Gegen 5.30 Uhr hört er das Knattern eines Motorrollers, den De Cicco ab und zu fährt.
Giorgio Basile hebt die Waffe. "Oh Mamma mia", ruft De Cicco.
Mimmo und Basile verbringen nach dem Mord ein paar Tage in Florenz. Über einen Türsteher, der die Schickeria von Florenz mit Kokain versorgt, lernt Giorgio Lucia kennen. Sie ist anders als alle Frauen, die er kennt. Sie kommt aus dem Norden, sie stammt aus guter Familie, sie ist wunderschön und klug. Giorgio verliebt sich sofort in sie.
Der Mord an De Cicco verschafft ihm innerhalb des Carelli-Clans Ansehen. Die Bosse werden auf ihn aufmerksam, er hat sich als kaltblütig und zuverlässig erwiesen. Und er ist unauffällig mit seinem Durchschnittsgesicht, dessen Züge sich nie jemand so richtig merken kann. Er könnte als Student durchgehen, als Bankangestellter, als Busfahrer. Freundlich und ein wenig bieder sieht er aus.
Einen Monat später, im August 1993, erhält Giorgio den nächsten tödlichen Auftrag: "Edmondo Le Pera treibt sich zu oft bei den Bullen rum, und wir glauben, er ist ein Spitzel", sagt ihm ein Unterboss.
Giorgio mietet eine Ferienwohnung in Schiavonea und lockt Le Pera dorthin. Er und Mimmo erschlagen ihn mit Eisenstangen. Le Pera stirbt äußerst qualvoll. Das steigert Giorgios Gewicht innerhalb der Organisation. Dazu bringt Basile mit seinem Drogenhandel viel Geld in die Kasse.
Als im Oktober Giorgios Mutter stirbt, muss er sich bereits mit bewaffneten Leibwächtern auf der Trauerfeier bewegen. Ganz Corigliano erweist ihm Respekt, aber Giorgio wittert Gefahr in dem Ort, in dem Le Pera Freunde hat. Er verbringt nun viel Zeit mit Lucia in der Toskana, wo er einen Kokainring aufgebaut hat.
Jeden Morgen, wenn er Lucia anschaut, weiß er, dass er es fast geschafft hat, den Aufstieg vom Gastarbeitersohn zum respektierten Clan-Mann, zum Kokainlieferanten der Reichen und Schönen. Er hat es schon weit gebracht, findet Giorgio. Er muss jetzt nur noch am Leben bleiben.
Aber im März 1994 werden Giorgio, Lucia und drei Komplizen, darunter ein korrupter Polizist, in Florenz verhaftet - wegen Drogenhandels und Mafia-Mitgliedschaft. Eineinhalb Jahre sitzt Giorgio in Untersuchungshaft. Weil die Ermittlungen bis dahin immer noch nicht abgeschlossen sind, kommt er am 10. September 1995 auf freien Fuß.
Kaum ist er zurück in Corigliano, erhält er den Auftrag, den Anti-Mafia-Staatsanwalt Salvatore Curcio in Catanzaro einzuschüchtern. "Verpass ihm einen Denkzettel, Engelsgesicht", sagt der Boss. Seltsamer Denkzettel: Giorgio Basile soll den Wagen des Staatsanwalts mit einer Panzerfaust beschießen. Doch der ganze Plan wird verraten.
Staatsanwalt Curcio ist alarmiert. Er lässt an einem einzigen Tag mehr als 200 Mafiosi einsperren, darunter Bosse des Carelli-Clans. Als Giorgio am 3. Januar 1996 in Corigliano Lucia heiratet, fotografieren Curcios Leute sämtliche Hochzeitsgäste, Giorgio Basile steht auf seiner Liste.
Das Vorpreschen der Ermittler belastet den Clan. Eine Gruppe unter der Führung eines Mannes namens Giuseppe Fabbricatore spaltet sich ab. Giorgio soll Fabbricatore beseitigen, und mehr: Der Clan beschließt die Parole "Terra bruciata" - verbrannte Erde. Das gesamte Umfeld Fabbricatores ist zum Abschuss freigegeben. Rein geschäftlich, versteht sich, das leuchtet Giorgio ein. Fabbricatore ist eine Gefahr für den Clan.
Giorgio und Tommaso Russo beginnen mit einem Vertrauten Fabbricatores, Giovanni Vitteritti. Sie töten ihn an einem abgelegenen Bahnhof mit mehreren Schüssen.
Es dauert noch Jahre, bis Killer den Abtrünnigen Fabbricatore selbst erwischen, aber die Strategie der verbrannten Erde zeigt schon vorher Wirkung. Corigliano gerät wieder fest in die Hand des Clans. Das Schutzgeldgeschäft floriert, Staatsanwalt Curcio hat zwar viele Gefangene, aber zu wenig Beweise. Nur Giorgio Basiles Helfer Russo erwischt es. Die Polizei hat an dem abgelegenen Bahnhof einen Zigarettenstummel mit seiner DNA gefunden. "Rauchen ist eben ungesund", sagt Staatsanwalt Curcio.
Als dann aber plötzlich Russos Frau verschwindet, wird Giorgio misstrauisch. Eine Anwältin warnt ihn: Der Mann habe die Seite gewechselt, er sei Kronzeuge geworden.
Zugleich entwickelt sich der alte Knastkumpan Mimmo zum Problem. Er betrügt Giorgio bei den Abrechnungen der Drogen. Der amtierende Clan-Chef Pietro Marinaro befiehlt seinen Tod. Giorgio lockt Mimmo im November 1997 nach Holland und erschießt ihn.
Doch diesmal ist etwas anders. Mimmo war sein Freund. Zum ersten Mal befallen den Killer Zweifel. Hätte es nicht andere Wege gegeben, Mimmo zur Ordnung zu rufen? Zudem spürt Giorgio den Druck der Ermittlungen. Viele Clan-Mitglieder sitzen im Gefängnis, sogar Oberboss Marinaro geht bald ins Netz. Giorgio befürchtet, dass er der Nächste sein könnte.
An einem einzigen Tag lässt die Staatsanwaltschaft mehr als 200 Männer einsperren.
Er will nicht sterben, er will auch nicht einsitzen. Er hat nicht gegen die Regeln der 'Ndrangheta verstoßen und will nicht einem Machtkampf zum Opfer fallen. Er beschließt, sich mit Lucia und ihrer ein Jahr alten Tochter ganz in der Toskana niederzulassen. Er will weg von Corigliano, weg vom Clan, in aller Ruhe nur noch seinen eigenen Kokainring betreiben und das Leben mit seiner Familie genießen.
Die Geschäfte laufen gut. Der Nürnberger Ableger des Carelli-Clans ist ein regelmäßiger Abnehmer für die Drogen; dummerweise muss Giorgio Basile dafür ab und zu nach Deutschland.
Am 2. Mai 1998 nimmt er den Zug nach München, von dort fährt er weiter nach Kempten im Allgäu. Er will bei einem Landsmann 15.000 Mark abholen, die der ihm schuldet, ein Freund des Verräters Russo. Auf dem Kemptener Hauptbahnhof wird Giorgio festgenommen.
Schnell wird ihm die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst. Gemeinsam könnten ihn die Ankläger in Deutschland und Italien für Jahrzehnte im Knast verschwinden lassen: 30 Morde sind zu viel - auch wenn er nicht jedes Mal eigenhändig getötet hat. So oder so ist sein altes Leben zu Ende. Er würde Lucia so schnell nicht wiedersehen. Er vertraut auch dem Clan nicht mehr, und der Mord an Mimmo macht ihm zu schaffen, weil er nicht nötig war. Er hätte Mimmo in den Griff bekommen.
Es ist dieser besondere Moment, den Ernst Wirth, Mafia-Spezialist des bayerischen LKA, spürt, als er Basile vernimmt. Es gelingt dem Kommissar mit viel Einfühlungsvermögen und kriminalistischem Gespür, Giorgio zur Aussage zu überreden. Einige Wochen später präsentiert Wirth dem italienischen Kollegen Curcio einen Kronzeugen mit einem sehr präzisen Gedächtnis, dazu eine sehr dicke Akte.
Denn Giorgio Basile packt gegenüber den deutschen Behörden aus. Er erinnert sich an Namen, Zeiten und Orte, und noch besser: Er stellt Zusammenhänge her. In Italien werden seine Aussagen in den Jahren danach mehr als 50 Mafiosi hinter Gitter bringen. Mit Basiles Hilfe gelingt es Curcio, den Carelli-Clan vollständig zu zerschlagen.
Basile lebt jetzt als freier Mann irgendwo in Italien. Er kann seine Lucia jeden Tag sehen. Er hat einen neuen Namen, eine neue Vergangenheit, Curcios Beamte passen auf ihn auf. Er muss sich um seinen Lebensunterhalt nicht mehr sorgen, wohl aber um sein Leben.
Giorgio Basile wartet - auf einen jungen Mann, der so ist, wie er selbst einst war.
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