Von Jochen Bölsche
Monatelang durchstreifte Wolfgang Büscher auf Wanderschuhen die grenznahen Ecken und Enden der Bundesrepublik. Unlängst, in seinem Bestseller "Deutschland, eine Reise", bilanzierte der preisgekrönte Autor, ihm sei auf dem langen Marsch durch die Grenzregionen klar geworden, dass sein Heimatland "große geisterhafte Teile" umfasse.
Manche gottverlassene Gegend jottwedeh, schrieb der reisende Reporter, erinnere an "verbotene Flügel eines weitläufigen Hauses, die nicht betreten werden dürfen".
Finster war's an der Ostseeküste: Büscher durchstreifte heruntergekommene Bahnhöfe, die ihn an eine "Station in der Steppe" erinnerten, und triste Orte mit ärmlichen Läden, die "Resterampe" oder "Vietnamesischer Kleidungsmarkt" hießen. Dann kam der Wandersmann in die abgewrackte Industriestadt Guben an der Neiße. Dort fand er nicht nur bestätigt, wovor er tags zuvor gewarnt worden war: "dass es kein Wirtshaus in Guben gab". Büscher: "Es war so, dass es Guben nicht gab."
"Provinzialisierung der Provinz"
Ähnlich verstört wie Büscher reagieren Reisende, die sich in der westdeutschen Provinz umtun, weit abseits der Rennstrecken und der Ballungszentren. Wenn der baden-württembergische Autor Rüdiger Bäßler in die dörfliche Welt zurückkehrt, deren Enge er einst als junger Mann entflohen ist, dann befällt ihn "Mitleid an Stelle von Überdruss" angesichts all der "verwitternden Bahnhofsgebäude, pflanzenbewucherten Gehwege, zerfallenden Spielplatzgeräte, leeren, staubblinden Schaufenster" - für ihn traurige Symptome einer rapide fortschreitenden "Provinzialisierung der Provinz".
Mehr und mehr Merkmale schleichenden Verfalls hat auch die frühere Agrarministerin Renate Künast bei ihren Dienstfahrten ins ländliche Deutschland, Ost wie West, bemerkt. "Sie können durch Dörfer gehen, in denen gibt es eigentlich nichts mehr", erzählt sie. "Wo ein Mastbetrieb war, fällt heute der Stall zusammen. Die Dorfkneipe liegt im Dornröschenschlaf. Die Jungen haben die Gegend verlassen."
Die Grüne Künast zählt innerhalb der politischen Klasse zu den Ausnahmeerscheinungen. Die meisten ihrer Kollegen in den Hauptstädten von Bund und Ländern verdrängen lieber, dass der grassierende Geburtenschwund und die Arbeitslosigkeit, die Vergreisung und die Abwanderung vielerorts ein verlorenes Land hinterlassen haben, keineswegs nur auf dem Gebiet der einstigen DDR - Dunkeldeutschland goes West.
"Ab in die Wälder - Wölfe treten an die Stelle der Menschen"
Ausländische Beobachter scheinen dem Phänomen mehr Aufmerksamkeit zu widmen als manch ein deutscher Großstädter, dem die breiten Speckgürtel rund um die Metropolen den Blick auf den galoppierenden Niedergang an den Rändern des Landes und tief in seinem Innern verstellen.
"Ab in die Wälder" - so war voriges Jahr eine Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins "Newsweek" überschrieben, das die europaweite Entvölkerung des ländlichen Raumes grell beleuchtete: Auch in Deutschland fielen ganze Landstriche "zurück in den urzeitlichen Zustand, Wölfe treten an die Stelle des Menschen". Und die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete schon über Mahnungen, die Landflucht vor allem jüngerer, besser gebildeter Deutscher führe unweigerlich zur "Verödung" und "Verblödung" weiter Teile der Bundesrepublik.
Wissenschaftler, die dem Trend seit längerem in ihren Studierstuben und auf Symposien nachgehen, sind sich über die fatalen Folgen der Entwicklung weithin einig: In Ost- wie Westdeutschland schrumpft auf Grund der niedrigen Geburtenrate die Bevölkerung - kaum spürbar vorerst noch in einigen Ballungsgebieten, rasend schnell aber in jenen provinziellen Zonen, die nicht von Zuzug und Zuwanderung profitieren können, sondern, im Gegenteil, selbst unter massenhafter Landflucht in wirtschaftlich stärkere Regionen leiden, vor allem in den reichen Süden der Republik.
"Erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen"
"Seit Jahrzehnten werden in Deutschland weniger Menschen geboren als sterben. Mittlerweile können selbst Zuwanderungen den natürlichen Schwund nicht mehr aufhalten - das Land hat begonnen zu schrumpfen. Regional tun sich bereits jetzt enorme Verwerfungen auf", kommentiert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung das Ergebnis seiner jüngsten Studie, die morgen veröffentlicht wird. Stadt für Stadt, Kreis für Kreis analysieren die Experten die Perspektiven - von Berlin ("Marode Hauptstadt, florierendes Umland, sieche Peripherie" über Sachsen-Anhalt ("Land der Leere") bis hin zum Saarland ("Wo der Westen heute schon schrumpft").
"Dass die Deutschen erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen", wie der Historiker Michael Stürmer die tückische Kombination von sinkender Geburtenzahl und steigender Lebenserwartung beschreibt, macht schon heute ganze Landstriche zu Verliererregionen mit schrumpfender und zugleich überalterter Bevölkerung.
Der "demografische Wandel" finde "überall in Deutschland" statt, doziert der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch, im Osten allerdings habe er sich bereits zur "demografischen Katastrophe" ausgewachsen. Busch: "Großstädte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus, Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Hälfte ihrer Einwohner." Der Ökonom weiß, dass es für Außenstehende "kaum vorstellbar" ist, "was es für eine Stadt mit früher mehr als 300.000 Einwohnern wie Halle oder Magdeburg bedeutet, innerhalb von zwei Generationen auf 150.000 herunterzugehen".
Während die großen Städte schrumpfen, sterben bereits die Dörfer. "Ganze Regionen wie Nordthüringen, Ostprignitz, Altmark, Uckermark, Vorpommern und die Lausitz sind der Verödung preisgegeben," konstatiert Busch. In Vorpommern beispielsweise, das mit knapp 500.000 Einwohnern nur noch 65 Prozent der Bevölkerung von 1970 hat, würden Wüstungen, also aufgegebene Siedlungsstätten, allmählich zum "Flächenphänomen", hat der Greifswalder Bevölkerungswissenschaftler Helmut Klüter beobachtet.
Einwanderer ziehen nicht in die schrumpfenden Zonen
Dort und anderswo, abseits der prosperierenden Städte und ihres Umlandes, vollziehen sich sogenannte "kumulative Schrumpfungsprozesse", rotieren tückische Teufelskreise. Wirtschaftsprobleme - Abwanderung - vermehrte Wirtschaftsprobleme - vermehrte Abwanderung und so weiter und so fort: Eine Abwärtsspirale ohne Ende führt nach dem Urteil der Experten dazu, dass sich Deutschland in Ost und West ähnlich tiefgreifend verändern wird wie zuletzt im Mittelalter.
Die Entwicklung, von manch einem gerade erst bemerkt, scheint kaum noch abwendbar. Denn mit nur noch 1,36 Kindern pro Frau hat Deutschland mittlerweile eine der niedrigsten Geburtenraten in der EU. Damit die Bevölkerung stabil bleibt, müsste der Schnitt jedoch bei 2,1 Kindern liegen. So aber wird jede neue Kindergeneration um ein Drittel kleiner sein als die ihrer Eltern - ein säkularer Trend, der weit hinein in die Zukunft wirkt, weil all die Ungeborenen von heute und morgen als Eltern von morgen und übermorgen ausfallen.
Auch ein noch so starker Zuzug von Einwanderern allein könnte, entgegen weitverbreitetem Irrglauben, die "Unterjüngung" und "Entdichtung" in den Verliererzonen nicht aufhalten. "Die Problematik liegt darin", sagt der Landesplaner Horst Zimmermann, "dass die Zuwanderer nicht in dieselben Orte wandern werden, die derzeit unter Bevölkerungsrückgang leiden". Denn Immigranten ziehen in aller Regel der Arbeit hinterher und eben nicht der Arbeitslosigkeit - und schon gar nicht in raue Regionen, die wegen ihrer Fremdenfeindlichkeit verrufen sind.
Zigarettenautomat als letztes Stück Infrastruktur
Vor allem Politiker waren es, die lange Zeit die Augen verschlossen haben vor jener bedrückenden Zukunft, die auch im Westen bereits begonnen hat. Es gibt sie ja schon überall: die verödeten Orte, aus denen die klugen Köpfe abgewandert sind; die Provinznester ohne Post und ohne Polizei, ohne Pfarrer und ohne Arzt, ohne Kneipe und ohne Laden - Dörfer, deren wirtschaftliche Infrastruktur oft gerade mal aus einem Zigarettenautomaten besteht, allenfalls noch aus einem Bushäuschen oder einer Tankstelle, und wo Koma-Saufen der beliebteste Zeitvertreib für Skinheads und andere Halbwüchsige ist.
Jahrelang, urteilt die hannoversche Akademie für Raumforschung und Landesplanung, seien Ausmaß und Auswirkungen der Entvölkerung "ein politisches Tabu" gewesen. Wer in einer mental auf Wachstum gepolten Gesellschaft das Schrumpfen thematisiere, könne beim Wähler eben "keinen Blumentopf gewinnen", glaubt der Berliner Regionalsoziologe Professor Hartmut Häußermann: "Das Schrumpfen zu planen ist keine attraktive Aufgabe, ist nicht sexy."
Dabei werde sich diese Thematik, so James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, ohne Zweifel zur zentralen Frage der kommenden Jahrzehnte entwickeln. Jeder im Raum, beschwor der Professor im Berliner Reichstag staunende Abgeordnete, werde "den Rest seiner politischen Karriere damit verbringen, die Folgen des demografischen Wandels zu bewältigen".
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Wer bitte ist denn dement auf dem Land? Na, Sie ledern hier aber ab! Kleinbürger hat es doch überall - Sie sind wohl auch einer, bei Ihren Äußerungen hier im Forum. Gräßlich. Einen Bauernhof zu übernehmen hat etwas mit der [...] mehr...
....jetzt nochmal an alle die wieder versuchen alles auf unschuldige Ostdeutsche Mitbürger zu schieben: 1. Die Geburtenraten im Osten waren bis 1990 wesentlich höher als in Westdeutschland; alles Leute die heute ins [...] mehr...
...Wenn man sich so manche Dörfer anschaut, kann man nur fliehen. Ich habe eine interessante Seite dazu gefunden: http://www.ig-wsa.de mehr...
....gute frage....und wenn ich nach 15 jahren "einheit" ehrlich bin, ich hab keine antwort drauf.....für mich persönlich ist es kein großer unterschied mehr.....mit dem einem unterschied das ich heute frei sagen darf [...] mehr...
.. und was ist nun besser ? Stasi im Nacken oder keine Arbeit ?? mehr...
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