Von Roman Heflik
Hamburg - Aneta Hovorka hat es gewusst damals. Dass sie ihren Körper würde verkaufen müssen, an fremde Männer, mehrmals am Tag. Aber was dann wirklich passierte, darauf war die junge Frau nicht eingestellt.
Tschechien vor sechs Jahren: Aneta Hovorka* ist auf der Flucht. Die heute 28-Jährige ist monatelang von ihrem Freund eingesperrt und immer wieder misshandelt worden - bis sie entkommen konnte. Jetzt muss sie schnell weg, am besten ins Ausland. Weil sie gut Deutsch spricht, will sie ins nahe Österreich. In einem Annoncenblatt findet sie die Anzeige "Barfrau gesucht". Sie ruft an.
Der Mann am anderen Ende der Leitung sagt ihr, dass es sich bei dem Arbeitsplatz um einen Nachtclub handelt. Hovorka sagt zu - "solange ich mich nicht prostituieren muss". Sie beginnt ihren Job an der Bar. Doch schon nach wenigen Wochen wirft sie der Chef unter einem Vorwand wieder raus. "Er hat mir gesagt, wenn ich wieder bei ihm anfangen wollte, dann nur als Hure", erzählt die Tschechin.
Hovorka kehrt in ihre Heimat zurück, in der sie keine Arbeit, keine Familie, keine Wohnung und vor allem keine Perspektive hat. Sie quartiert sich in einem Hotel ein, doch schon bald sind ihre Geldreserven aufgebraucht. Noch einmal greift sie zum Telefonhörer und wählt dieselbe Nummer: "Ich wusste schon, was kommt", sagt sie heute.
"Die sind über mich hergefallen"
Doch ihr Chef hatte etwas Besonderes mit ihr vor: Nach wenigen Tagen verkauft er seine tschechische Angestellte an ein Bordell weiter, wie ein gebrauchtes Auto. Ihr neuer Arbeitsplatz ähnelt einem Gefängnis: Eingesperrt mit zwei anderen Frauen, ständig von Aufpassern beäugt. "Gleich in der ersten Nacht, so gegen elf Uhr abends, hat die Puffmutter alle ihre Stammkunden zusammengerufen", erinnert sich Hovorka. "Die sind dann über mich hergefallen."
Ähnlich beginnt laut Detlef Ubben, dem Leiter der Milieudienststelle der Hamburger Kriminalpolizei, für viele Frauen aus Osteuropa der Weg in die Zwangsprostitution. "Mehr als 90 Prozent der Frauen, die im Ausland angeworben werden, wissen, dass sie als Prostituierte arbeiten sollen", sagt er, "aber sie werden über Art, Umfang und Verdienst ihrer Arbeit getäuscht." Eine Einschätzung, die auch von Fachberatungsstellen wie die Koordinierungsgruppe Frauenhandel (Koofra) in Hamburg geteilt wird. Wenn sich die Frau dann irgendwann verweigere, beginne der Druck, berichtet Ubben. "Das reicht von Erpressung bis hin zu Einsperren, Schlägen oder Massenvergewaltigung." Was als freiwillige Prostitution begonnen hat, wird zur Zwangsprostitution - und zu einem der Schreckgespenster der WM 2006.
Mit 30.000 bis 40.000 Frauen wie Hovorka müsse man während des Fußball-Großereignisses in Deutschland rechnen, hatten noch Anfang des Jahres Politiker in aller Welt gewarnt. Tausende Frauen und Mädchen drohten in Deutschlands Sex-Industrie verkauft zu werden, erklärte der Vorsitzende des Menschenrechtsausschuss, der Republikaner Christopher Smith, Ende April. Die französische Parlamentarierin Ségolène Royal, die für die Chirac-Nachfolge gehandelt wird, entsetzte sich, im Herzen Europas werde ein Sklavenmarkt organisiert. Der schwedische Ombudsmann für Gleichberechtigung forderte sogar einen Boykott der Weltmeisterschaft, weil sie "Menschenhandel und Zwangsprostitution" fördere.
Sklavenmarkt Deutschland?
Doch wenige Tage vor dem Anpfiff ist beispielsweise auf dem Hamburger Kiez nichts zu spüren von dem angeblichen Ansturm der Sexsklaven. "Unsere Informationsgewinnung hat keinen Hinweis darauf ergeben, dass sich das Milieu besonders auf die WM vorbereitet", sagt Detlef Ubben. Es gebe in der Hansestadt bereits etwa 2400 Prostituierte, die Plätze außerhalb der Sperrbezirke seien daher knapp und bereits abgesteckt.
So scheint der befürchtete Ansturm zur WM auszubleiben - auch außerhalb von Hamburgs Stadtgrenzen. "Frei erfunden" seien die 40.000 Zwangsprostituierten gewesen, glaubt man im Bundeskriminalamt in Wiesbaden. "Absolut aus der Luft gegriffen" habe da jemand wohl die Zahlen, bestätigt auch Henny Engels, die Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates in Berlin. Dennoch habe die Aufregung den zahlreichen Kampagnen öffentliche Aufmerksamkeit gesichert, freut sich Engels. Denn selbst wenn zur WM die Zwangsprostitution nur gering zunehme, "ist eine Zwangsprostituierte für uns schon eine zu viel".
Dass es auch ohne WM zahlreiche Zwangsprostituierte in Deutschland gibt, bezweifelt indes niemand. Mancher Definition zufolge sind 95 Prozent aller Frauen im Gewerbe Zwangprostituierte. Mit zahlreichen Aktionen versuchen jetzt Vereine, Beratungsstellen und Kirchen, massiv auf die Freier einzuwirken. So soll unter anderem eine Broschüre der Kampagne "Abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution" Männer für das Thema sensibilisieren - in der Hoffnung, dass sie ihren Verdacht melden.
Die Freier wollen nichts hören
Aneta Hovorka glaubt jedoch nicht an den Sinn solcher Aktionen: "Die Freier kommen doch gerade deswegen, weil sie sich ein, zwei Stunden lang keine Gedanken machen wollen." Auch sie selbst hat früher immer wieder ihre Kunden gebeten, ihr beim Ausstieg zu helfen. Die meisten hörten ihr zu - und kamen danach nie wieder.
Aneta hat schließlich dennoch den Ausstieg geschafft. Nach etwa einem Monat im Bordell beschloss sie zu fliehen: "Ich wusste, dass ich sonst da drinnen sterbe." Eine Leidensgefährtin half ihr: "Die hat den Aufpassern gesagt, dass ich gerade mit einem Kunden im Zimmer bin - obwohl sie wusste, dass sie für ihre Lüge zusammengeschlagen werden wird." Aneta entkommt durch ein Fenster. Später findet sie einen Mann, der sie trotz ihrer Vergangenheit liebt, und heiratet ihn. Obwohl die Ehe später zerbricht, ist sie heute zufrieden.
Aber noch immer lebt die Tschechin in der Angst, jemand aus ihrem früheren Leben könnte sie finden. Beiträge, die sie inzwischen für ein österreichisches Magazin schreibt, werden nur unter ihrem Pseudonym veröffentlicht. Auch an der Hochschule steht sie angehenden Sozialarbeitern regelmäßig Rede und Antwort. Unfreiwillig sorgt sie dabei immer wieder für Heiterkeit. "Ich frage die Frauen: Was ist Ihr Preis?" Die meisten lachen dann. Sie verstehen nicht, wie todernst diese Frage sein kann.
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