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Türken in Deutschland

Mord für die "Familienehre"

Der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber über die Tötung der Türkin Hatun Sürücü und deutsche Parallelgesellschaften.

Im Februar 2005 wird an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof Hatun Sürücü angeschossen. Sie stirbt noch am Tatort. Der Mord an der 23-Jährigen verschwindet nicht in einer Notiz der Berliner Tageszeitungen, sondern wird über Wochen Gesprächsthema in der Republik.

Opfer Hatun Sürücü
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DDP

Opfer Hatun Sürücü

Journalisten und Feuilletonisten schildern in den Tagen nach der Tat die Ermordete als "ausnehmend schöne junge Frau", die Tat als "grausam und kaltblütig", und die ermittelnden Kriminalbeamten ahnen schnell, dass es sich um eine "Beziehungstat" handelt: Das Opfer war telefonisch an diesen Ort des Sterbens bestellt worden. Es könnte sich um einen der Vorgänge handeln, aus denen Geschichten für Krimi-Serien gestrickt sind. Doch der Grund dafür, dass dieser Mord breit diskutiert wird, liegt in den Fragen, die hinter ihm sichtbar werden.

Hatun Sürücü wurde in Berlin als Tochter kurdischer Eltern aus Ostanatolien geboren. Mit 15 Jahren wird sie von ihren Eltern aus der Schule genommen, die sie mit Erfolg besucht, und in der Türkei mit einem ihrer Cousins verheiratet. Als sie schwanger ist, trennt sie sich von ihrem Mann und geht zurück nach Berlin. Dort bringt sie mit 17 Jahren ihren Sohn Can zur Welt. Zu dieser Zeit habe sie das Kopftuch als äußeres Zeichen der Kultur- und Familienzugehörigkeit abgelegt, wird nach ihrem Tod berichtet.

Hatun zieht mit ihrem Sohn zunächst in ein Berliner Mutter-Kind-Heim, macht den Hauptschulabschluss nach und beginnt eine Lehre als Elektrotechnikerin. Als die Schüsse fallen, steht sie kurz vor der Gesellenprüfung. Nachbarn und Freunde beschreiben sie als "freundlich, selbstbewusst, zielstrebig". Sie habe viele Freunde gehabt, sei gern ausgegangen und habe wohl auch die eine oder andere Liebesgeschichte erlebt - eben eine junge Frau, die so leben will wie andere in Deutschland geborene Frauen auch.

Hatun Sürücü, die in den Augen ihrer Familie wie eine Fremde lebte, wird nach ihrem Tod mit einer traditionellen Zeremonie bestattet. Der Sarg ist von einem grünen Tuch bedeckt, auf dem Suren aus dem Koran zu lesen sind, ihr Gesicht ist nach Mekka ausgerichtet: Die Tote sollte in jene Welt zurückkehren, aus der sie ausgebrochen war. Bei einer Diskussion dieser Vorgänge billigen drei Schüler türkischer Abstammung, die die Berliner Thomas-Morus-Oberschule besuchen, die Tat ausdrücklich mit der Begründung, die Ermordete habe "wie eine Deutsche" gelebt. Der Schulleiter des Gymnasiums, das nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt liegt, macht die Äußerung publik.

Der Mord an Hatun Sürücü wird zum Thema: Die unerträgliche, aber in vielen Medien als alltäglich angenommene Tat, verbunden mit der Motivation, als Fremde fremd bleiben zu wollen, fordert die Gesellschaft heraus. Es hätte nicht Hatun Sürücü sein müssen, auch andere Frauen wurden ermordet, weil sie "die Familienehre beschmutzt haben". Von fünf ähnlichen Fällen sprechen die Medien in jenen Monaten allein in Berlin.

Die Soziologin Necla Kelek legt mit ihren Kommentaren den Finger in die offene Wunde gescheiterter Integration: Sie empfinde die Zurschaustellung islamischer Pietät bei der Beerdigung der Ermordeten als Verhöhnung der jungen Frau, die sich von ihrer Familie und - viel mehr noch - von diesen Traditionen gelöst habe. Nicht einmal im Tod werde das Recht auf Selbstbestimmung akzeptiert: "Wie viele Frauen müssen eigentlich noch sterben, bis diese Gesellschaft aufwacht?", fragt sie anklagend die deutsche Öffentlichkeit, die über Jahre nicht wahrnehmen wollte, wie gerade am Thema der Selbstbestimmung der Frau die scheinbaren Erfolge der Integration sich ganz von allein in Frage stellen.

Im April 2006 kommt der "Fall Hatun Sürücü" zu einem vorläufigen Ende: Das Berliner Landgericht verurteilt den jüngsten Bruder der Ermordeten zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten Haft. Die beiden mitangeklagten älteren Brüder werden freigesprochen, weil ihnen eine Beteiligung an der Tat nicht nachgewiesen werden konnte. Der jüngere Bruder, der noch unter das Jugendstrafrecht fällt, hat gestanden, er habe die Tat allein verübt, die beiden anderen - zur Tatzeit schon 25 und 26 Jahre alt - haben jegliche Beteiligung an dem Mord bestritten. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Hatun Sürücü ihr westlicher Lebensstil zum Verhängnis wurde. Sie sei ermordet worden, weil "sie ihr Leben lebte, so wie sie es für richtig hielt".

Auf die Bilder der über den Freispruch der beiden älteren Brüder triumphierenden Familie - die Finger zum Victory-Zeichen gehoben - reagieren viele Menschen aufgewühlt und empört. In dieser Reaktion wird noch einmal deutlich, warum sich manchen der Eindruck aufdrängt, dieser Mord sei eine Art Familienhinrichtung gewesen. Eine Familie, in der eine mörderische Stimmung gegen die westliche Lebensweise Raum gewinnt, kann sich jedenfalls einer moralischen Mitschuld nicht entziehen. Davon ist die rechtliche Bewertung gewiss zu unterscheiden, die im Rahmen der gesetzlich abgesteckten Möglichkeiten und aufgrund der Beweislage zu erfolgen hat. Vor allem: Im europäischen Rechtsdenken begründet der Respekt vor dem Einzelnen auch die Verantwortlichkeit des Einzelnen; eine Kollektivschuld kennt es nicht.

Manche sprechen nach dem Urteil von einem "Ehrenmord" in der Tradition bestimmter islamisch geprägter Regionen in der Türkei. Doch dieses Etikett gibt dem Verbrechen an einer jungen und in ihren Möglichkeiten erfolgreichen Frau eine moralisch wertende Begründung, die diese Gewalttat nicht verdient: Egal welcher Religion ein Mensch angehören mag, egal in welchem Glauben er lebt - ein solcher kaltblütiger Mord hat mit Ehre nichts zu tun. Dies haben nach der Tat 2005 und dem Urteilsspruch 2006 nicht nur Christen und westlich geprägte Politiker in der nötigen Deutlichkeit gesagt, sondern auch - und das begrüße ich ausdrücklich - islamische Verbände in Deutschland.

Die Debatte über Hatun Sürücüs Tod und über die Verurteilung des einen und die Freisprüche für die anderen Brüder ist ein Seismograf für die Einsicht, dass die Integration von Menschen mit einem Migrationshintergrund in der deutschen Gesellschaft in vielen Fällen noch nicht gelungen ist. Die Aufgabe, das zu ändern, ist unausweichlich; ihr kann nicht länger durch die Scheindebatte, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei, ausgewichen werden.

  • 1. Teil: Mord für die "Familienehre"
  • 2. Teil

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