Dresden - Seelenruhig spazierte der mutmaßliche Vergewaltiger und Entführer der Dresdner Schülerin Stephanie über das Dach des Gefängnisgebäudes. Der bullige Mann stand dort breitbeinig, die Fäuste in den Hosentaschen, mitunter grinste er. Etliche Fernsehkameras übertrugen die Bilder. Erst nach 20 Stunden verließ er die Bühne, die er sich gesucht hatte, wieder.
"Das sind peinliche Bilder", räumte heute der sächsische Justizminister Geert Mackenroth (CDU) ein. Die Erregung der unmittelbar Beteiligten - Stephanie und ihrer Familie - könne er gut verstehen. "Aber wir mussten diese Bilder in Kauf nehmen." Schließlich habe man sicherstellen wollen, dass M. ein rechtsstaatlicher Prozess gemacht werde, mit allen Konsequenzen. "Und das ist unter Umständen eine härtere Strafe als ein schneller Sprung von einem Dach", sagte Mackenroth.
Warum die Einsatzkräfte nicht früher eingegriffen haben, erklärte Landespolizeipräsident Klaus Fleischmann vor allem damit, dass das Flachdach zu übersichtlich für einen Überraschungszugriff gewesen sei. M. habe sich außerdem ständig an der Kante des Daches aufgehalten und damit gedroht, sich in die Tiefe zu stürzen. "Da unten sind Zaunspitzen, in die kann ich mich reinwerfen, wenn ihr mich zu etwas zwingt", habe der 36-Jährige gedroht. Das hätte laut Fleischmann M.s sicheren Tod bedeutet.
M. war gestern während des morgendlichen Hofgangs seinen Bewachern entkommen und hatte sich an der vergitterten Fassade des Gebäudes nach oben gehangelt.
Erst gegen 3.30 Uhr in der Nacht hatten ihn Spezialisten des sächsischen Landeskriminalamts zur Aufgabe bewegen können."Man kann von einer Panne sprechen", sagte Minister Mackenroth. Es sei aber noch unklar, ob jemandem innerhalb oder außerhalb der Haftanstalt ein Vorwurf gemacht werden könne. Es handele sich um ein "singuläres Ereignis", gegen Vorwürfe, Sachsens Justiz sei ein "Saustall", werde er sich wehren. "Der Justizvollzug in Sachsen ist rechtsstaatlich, modern und kompetent", sagte er. Der Gefängnishof, von dem aus M. auf das Dach geklettert war, werde für gefährliche Straftäter gesperrt, diese werden in einen anderen, weiter innen gelegenen Hof verlegt. Außerdem würden alle Anstalten im Land auf ähnliche bauliche Sicherheitslücken überprüft.
Vergewaltigungsvideos als Motiv?
Die Motive des mutmaßlichen Kinderschänders Mario M. sind noch immer unklar. Nach Angaben des Landespolizeipräsidenten wolle M. offensichtlich verhindern, dass Videos vor Gericht gezeigt werden, auf denen zu sehen ist, wie er die damals 13 Jahre alte Stephanie wieder und wieder vergewaltigt. Außerdem wolle M. verhindern, dass der Prozess geordnet weitergehe.
Das Ziel hat er zumindest vorerst erreicht: Heute wurde M. in Hand- und Fußfesseln von einem siebenköpfigen vermummten SEK-Team ins Dresdner Landgericht gebracht. Dort untersuchte ihn ein Amtsarzt, der ihn vorerst für verhandlungsunfähig erklärte. M. sei übermüdet, habe Gleichgewichtsstörungen und kaum etwas gegessen und getrunken. Außerdem habe er sich eine Verletzung am Oberkörper zugezogen. Der Prozess soll nun am 21. November fortgeführt werden. Ob Stephanie, deren Zeugenaussage ursprünglich für heute geplant war, noch aussagt, ist unklar. Ihr Vater, Joachim Rudolph, hatte gestern gesagt, er wolle die Sicherheit seiner Tochter nicht gefährden. Sie werde nicht aussagen. Eine Gerichtssprecherin allerdings hatte dazu gesagt, es sei Sache des Gerichts zu entscheiden, ob die Schülerin aussagen muss oder nicht.
Mario M. muss sich unter anderem wegen Entführung und Vergewaltigung vor Gericht verantworten. Er soll Stephanie am 11. Januar gekidnappt und über Wochen mehr als hundert Mal vergewaltigt haben. Einige der Taten soll er auf Video aufgezeichnet haben. Am ersten Verhandlungstag hatte er ein umfassendes Geständnis abgelegt, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
ffr
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