Jahres-Chronik



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Live-Earth-Megafestival

Rocken fürs Klima

Von Rainer Paul

Mit einem Musikmarathon auf allen Kontinenten wirbt der amerikanische Umweltguru Al Gore für verstärkten Klimaschutz.

Ein Hauch von Revolution geht am 7. Juli um die Welt. In zehn Metropolen auf sechs Kontinenten sowie vor einer kleinen Forschungsstation am Südpol appellieren 150 internationale Künstler an alle Erdenbürger, gegen die galoppierende Schwindsucht des Weltklimas tätig zu werden. "In Zeiten wie diesen muss gehandelt werden", beschwört Al Gore im Giants Stadium bei New York die 52.000 Anwesenden und die Millionen Fernsehzuschauer.

Der ehemalige US-Vizepräsident ist die Galionsfigur der "Konzerte für ein Klima in der Krise". Der ihm im Februar verliehene Oscar für seinen Klima-Dokumentarfilm hat ihn quasi zum globalen Umwelt-Ritter geschlagen.

Das Klima-Festival Live Earth wird in einem organisatorischen Kraftakt innerhalb eines Vierteljahres geplant und verwirklicht. Die Resonanz ist enorm. Nach Schätzung der Veranstalter hören rund zwei Milliarden Menschen – fast jeder dritte Bewohner des Planeten Erde – an diesem Tag per Fernsehen, Radio oder Internet 24 Stunden lang die eindringlichen Krisenmeldungen zu fetzigen Sounds. Sie beginnen zu nachtschlafender Mitteleuropazeit im Aussie Stadium zu Sydney. Die erste Zeile des ersten Lieds gibt gleich den Ton vor: "Revolution, uuuhuuu, Revolution", singen die zehn Musiker der hierzulande unbekannten Band Blue King Brown. Nächste Konzertstation ist, im Gleichschritt mit der Erddrehung und den Zeitzonen, die Makuhari-Messehalle in Tokio, gefolgt von weiteren neun Veranstaltungsorten.

Die meisten Zuschauer strömen zum Konzert in Rio de Janeiro, das beinahe wegen Sicherheitsbedenken kurzfristig abgesagt wird: Etwa 400.000 hören am Strand von Copacabana auch den US-Rocker Lenny Kravitz – neben brasilianischen Nationalgrößen. Ins Londoner Wembley-Stadion (rund 70.000 Besucher) rücken Stars wie Genesis, Black Eyed Peas und Red Hot Chili Peppers an. Und die unvermeidliche Madonna. Die Sängerin verabschiedet sich mit der zukunftsfrohen Botschaft: "Lasst uns hoffen, dass die weltweiten Konzerte nicht nur Entertainment sind, sondern eine weltweite Revolution starten."

Auf dem deutschen Konzertplatz, dem Hamburger Volkspark. Bei anhaltendem Nieselregen gewinnt die Super-Show nur verhalten an Fahrt. Tapfer suchen Shakira und Yusuf alias Cat Stevens die Fans unter den Regenschirmen aufzumuntern, doch die Hamburger Arena bleibt zu einem Drittel leer – die Veranstaltung hinterlässt ein Minus von einer Million Euro. Dafür spuckt Lokalmatador Jan Delay besonders scharfe Töne gegen vermeintliche Klima-Sünder. Er fordert seine Zuhörer auf: "Schreibt SMS an Ole von Beust, dass ihr keinen Bock auf dieses Kohlekraftwerk habt."

Die wenigsten Zuschauer vor Ort, nämlich gerade mal 17, verzeichnet das Rock-Quintett Nunatak. Vor der britischen Antarktis-Forschungsstation Rothera geben die Wissenschaftler höchstpersönlich bei minus 18 Grad ein Freiluftkonzert. Es wird zwar nur als Aufzeichnung ausgestrahlt, doch keine Nachricht verdeutlicht das Anliegen der Live Earther eindringlicher als die vom Südpol. Dort ist es, wie die musizierenden Forscher berichten, in den vergangenen 50 Jahren um nahezu drei Grad wärmer geworden.Ob das Klima-Festival die Trendwende zur Rettung des Planeten einläutet? Ob die Zukunft der Eisbären und die der Polkappen sicherer wird, das Schmelzen der Gletscher verlangsamt und das Versiegen der Flüsse verhindert werden kann? Mit dem Super-Event scheint zumindest der Versuch zu gelingen, einer grünen Massenbewegung, die weltweit zersplittert längst am Werk ist, einen gemeinsamen Startpunkt zu geben.

Zum Abschluss der Veranstaltung im Giants Stadium singt Police mit Leadsänger Sting das kultige "Message in a Bottle". Umwelthoffnungsträger Gore nimmt das Stichwort auf, indem er jeden Einzelnen, der noch zuhört und zusieht, sozusagen als Nachtgebet, zu einem gewichtigen Versprechen auffordert. "Ich verspreche", so Gore im Namen aller mit zum Schwur erhobener Hand und dem Timbre eines Priesters, "die eigene Regierung dazu aufzufordern, in den nächsten zwei Jahren einem internationalen Abkommen beizutreten, das die Schadstoffe globaler Erwärmung in den Industrienationen um 90 Prozent und weltweit um mehr als die Hälfte reduziert, damit die nächste Generation eine gesunde Erde erben kann."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

© SPIEGEL ONLINE
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP