Von Erich Follath
Der zweite Oppositionspolitiker Sharif hält in Washington weniger Trümpfe. Er ist ebenfalls schon im Amt des Ministerpräsidenten gewesen und ebenfalls zweimal unrühmlich gescheitert (1990 bis 1993 und 1997 bis 1999). Seine Machtbasis ist der Nordwesten des Landes, um seine Heimatstadt Lahore. Trotz seines früheren Versagens glauben viele, Sharif sei derzeit der populärste Politiker im Land – auch wegen seiner deutlich zum Ausdruck gebrachten Distanz gegenüber Washington. Den Amerikanern gilt er als "unzuverlässig", sie verdächtigen ihn, die enge politische Partnerschaft mit den USA in Frage stellen zu wollen. Wie Bhutto lebte Sharif lange im Zwangsexil, allerdings ungleich bescheidener in Saudi-Arabien. Musharraf hatte sich lange gegen Sharifs Rückkehr nach Pakistan gewehrt – jetzt sieht er sich einer Allianz seiner schärfsten Kritiker gegenüber: Die Oppositionspolitiker haben ihren Streit untereinander vorübergehend zurückgestellt.
Ist die amerikanische Liebe zu Musharraf endgültig erkaltet? Oder betrachten sie den hemdsärmligen, Whisky und Glücksspielen zugeneigten Bewunderer Atatürks immer noch als ihre beste Chance? Soll und kann der Mann, den die Islamisten hämisch "Busharraf" rufen, aus dem Amt gejagt werden – und wenn ja, von wem?
Im November reist US-Vizeaußenminister John Negroponte, Washingtons Spezialist für schwierige Fälle, nach Pakistan. Er redet Musharraf ins Gewissen, fordert ihn auf, den Ausnahmezustand aufzuheben, faire und freie Wahlen anzuberaumen. Es seien harte Worte gefallen, kolportiert der Nachrichtensender CNN. Aber Pakistans Präsident zeigt sich weitgehend unbeeindruckt. Er fühlt sich in seinem Amt wohl sicher, hält sich für unersetzlich. Und immer wieder erinnert er die Amerikaner, welche großen Risiken er eingegangen sei, sich nach dem 11. September 2001 auf ihre Seite zu schlagen und mit ihnen den "Krieg gegen den Terror" zu führen.
Was er verschweigt: Sein Kampf gegen die Islamisten war halbherzig; zwar hat Musharraf erlaubt, einige hochrangige Qaida-Kämpfer zu jagen und zu fassen, aber gleichzeitig versäumte er es, die Armee und den Geheimdienst von allen Islamisten zu säubern. Außerdem ging der Machtpolitiker mit radikalen Parteien seltsame Partnerschaften ein. Musharraf war und ist ein mit allen Wassern gewaschener Taktiker – und zuallererst immer ein Mann des Militärs, das in diesem Land eine ganz besondere Rolle spielt.
"Alle Staaten besitzen Armeen, aber bei uns besitzt die Armee einen Staat", hat der pakistanische Nuklearphysiker Pervez Hoodbhoy einmal gesagt. Während 33 Jahren Landesgeschichte regierten die Generäle direkt, 27 Jahre lang ließen sie Demokratie spielen und übten ihren Einfluss hinter den Kulissen aus. Das Militär mit seinen gut 600.000 Mann und einem Viertel des jährlichen Staatsbudgets ist eine durch Privilegien verwöhnte Truppe.
Vor allem die höheren Ränge haben viel zu verlieren, wenn sich Pakistan auflösen sollte: Es gibt kaum etwas im Land, das den Offizieren nicht gehört oder woran sie nicht beteiligt sind. So besitzt die Armee fünf große Industriekonglomerate, teilweise als Stiftungen ausgewiesen; deren größte unterhält eine Bank, eine Versicherung, Chemiefabriken und Elektrizitätswerke – Jahresumsatz: zwei Milliarden Dollar. Außerdem ist das Militär auch der größte Bauherr Pakistans, lässt Zement mischen und sogar Schuhe herstellen. Kein Wunder, dass sich die Ehrgeizigsten und Klügsten im Land zu einer Armeekarriere entschließen. Die Offiziere sind die wahre Elite, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch der nächste starke Mann Pakistans aus dieser "Schule der Nation" kommen.
Die Amerikaner wissen das und sollen sich bei den Top-Offizieren angeblich schon umsehen – damit sie sich im Fall einer blutigen Auflösung des Staatsverbands hinter den "Richtigen" stellen. Ende November wird bekannt, dass Washington plant, mit pakistanischen Stammesmilizen in den Terroristen-Hochburgen des Grenzgebiets verstärkt zu kooperieren und sie mit Waffen und Geldern zu unterstützen.
Am meisten Sorgen aber bereiten dem Westen die pakistanischen Atomwaffen – ein Alptraum, gerieten sie in die Hände von Osama Bin Laden & Co. Auszuschließen ist das nicht, obwohl General Musharraf immer wieder beteuert, Pakistans "Sicherheitsvorkehrungen" gegen Diebstahl oder Weitergabe der – geschätzten 65 – atomaren Sprengköpfe seien "die besten der Welt". Die Wahrheit ist: Schon einmal, und zwar in Zeiten großer innenpolitischer Krisen und Tumulte, hat ein pakistanischer Nuklearwissenschaftler gefährliche Geheimnisse weitergegeben. Abdul Qadir Khan heißt der Mann, ein hochbegabter "Doktor Seltsam", der die Bombe liebt und wesentlich dafür verantwortlich ist, dass sie 1998 in Belutschistan erfolgreich gezündet werden konnte.
Der den Islamisten nahestehende Khan glaubt offenbar daran, dass mehrere Staaten der "Umma", der "Gemeinschaft der Gläubigen", in den Besitz der ultimativen Waffe kommen sollen (und er ließ sich für seine Bemühungen, dabei mitzuhelfen, Millionen bezahlen). Khan dealte mit den Iranern, Libyern und Nordkoreanern, soll sich auch mit saudi-arabischen Offiziellen getroffen haben. Als die CIA 2004 Beweise für die illegalen Aktivitäten Khans vorlegte, stellte Musharraf den "Vater der pakistanischen Bombe" unter Hausarrest.
Eine Strafverfolgung muss er indes nicht befürchten. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), die als "Wachhund" in Nuklearwaffenfragen fungiert, würde ihn gern nach all seinen Aktivitäten auf dem Schwarzmarkt befragen; doch die pakistanische Regierung erlaubt das nicht. Die IAEA darf nur schriftlich Fragen stellen, die Khan nach Gutdünken beantwortet oder nicht; in ähnlicher Weise verfährt er mit der US-Regierung, was nicht nur oppositionelle Senatoren in Washington für einen Skandal halten.
Sollte Musharraf gestürzt werden, weiß niemand, was aus ihm und seinem Team wird, das Pakistans Waffenarsenal kontrolliert. "Die Wahrheit ist, dass wir keine Ahnung haben, wie viele der Sicherheitsvorkehrungen an Musharrafs Leuten hängen und wie viele institutionalisiert sind", sagt ein hochrangiger US-Beamter. Die Sprengköpfe, das weiß man, werden von den Trägersystemen getrennt aufbewahrt, ebenso die Zünder. Die Rede ist von mindestens zwölf verschiedenen Nuklearanlagen an unterschiedlichen Orten.
Westliche Experten warnen dennoch davor, sich von den pakistanischen Versprechungen einlullen zu lassen. Vor fünf Jahren hatte Musharraf der Welt – genau wie heute – versichert, ein Leck im pakistanischen Atomprogramm sei undenkbar. Das war genau die Zeit, in der Khan noch tätig war.
Das Geschäft des Dr. Khan mit nuklearem Know-how florierte immer dann, wenn Pakistans Führung besonders schwach oder korrupt war.
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