Jahres-Chronik


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Kampf gegen Klimawandel "So gefährlich wie Kriege"

3. Teil: Die Bush-Administration beginnt sich in der Klimafrage zu bewegen

Im März gelingt es der Europäischen Union immerhin, den internationalen Klimaprozess vor dem Kollaps zu bewahren, indem sich die Mitgliedsländer darauf verständigen, den Ausstoß um 20 und, wenn andere Industriestaaten mitmachten, sogar um 30 Prozent zu senken. Viele Teilnehmer atmen auf.

Ein Jahr zuvor nämlich war die Uno-Weltklimakonferenz in Nairobi ergebnislos auseinandergegangen, so dass der Chef des Uno-Klimasekretariats, der Niederländer Yvo de Boer, bereits deprimiert seufzte: "Wie oft kann es sich der Uno-Prozess erlauben zu scheitern?"

Vielleicht erklärt sich der Verhandlungserfolg der Europäer damit, dass noch alle unter dem Schock des IPCC-Berichts stehen. Jedenfalls wäre, ohne dass die Uno-Wissenschaftler der Menschheit die Leviten gelesen hätten, auch eine weitere wichtige Hürde auf dem Weg zu einem Kyoto-II-Vertrag nicht genommen worden: Beim G-8-Gipfel von Heiligendamm verdonnert Angela Merkel im Juni die acht größten Wirtschaftsnationen der Welt dazu, die Vereinten Nationen als Rahmen für künftige Klimaverhandlungen zu akzeptieren.

Dagegen hatte sich der weltgrößte CO2-Emittent, die USA, bisher immer gesträubt. "Ein großer Sieg für dich", gratuliert US-Präsident George W. Bush artig der Kanzlerin. Unter dem blauen Himmel des Ostseebades wird deutlich sichtbar, dass die Bush-Administration sich in der Klimafrage zu bewegen beginnt.

Der Herrscher im Weißen Haus glaubt zwar von tiefem Herzen, dass der Klimawandel ein Hirngespinst liberaler Ostküsten-Wissenschaftler sei. Doch auch ihm ist der Stimmungswechsel im Land nicht verborgen geblieben, den das Desaster von Hurrican "Katrina" und der Propagandawirbel von Al Gore ausgelöst haben. Vor allem der Erfolg von Arnold Schwarzenegger, dem republikanischen Parteifreund und Gouverneur von Kalifornien, dürfte Bush ins Grübeln gebracht haben.

Schwarzenegger hatte 2006 mit dem Klimathema seine Wiederwahl gepusht und sich sogar erdreistet, gegen die US-Umweltbehörde Klage einzureichen, weil das Amt sich weigerte, Grenzwerte für CO2-Emissionen von Fahrzeugen festzulegen. In Terminator-Diktion erinnert er auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York Ende September an die Verantwortung aller: "Und das ist Action, Action, Action!"

Hektische Aktivität verursacht das Aufheizen der Erdatmosphäre auch in der deutschen Politik. Noch im Spätherbst 2006 hatte Bundesumweltminister Gabriel zugegeben, die deutsche Regierung sei bei dem Thema "nicht auf Ballhöhe". Dieser Verdacht soll im Jahr 2007 nicht mehr aufkommen, und so liefern sich der SPD-Politiker und seine Chefin, Bundeskanzlerin Merkel, ein munteres Wettrennen darum, den Sieg zumindest in der symbolischen Politik zu erringen.

Der Kampf um die besten Bilder mündet in der gemeinsamen Fahrt der Weltklima-Kanzlerin und Gabriels in die Diskobucht auf Grönland. Da stehen die beiden vor knackenden Gletschern, sich im dampfenden Wasser wälzenden Eisbergen und dösenden Schlittenhunden. So sieht die perfekte Fototapete der drohenden Klimahölle aus.

Härter als um gute Fotos rangeln die beiden Kontrahenten nur noch um die Atomenergie. Gabriel will mit aller Kraft verhindern, dass die Klimadebatte die Kernkraft wieder hoffähig macht. Ihm gelingt es, den Ruf nach einer Verlängerung der Laufzeiten deutscher AKW zu unterdrücken. Zur Hilfe kommt ihm dabei der Vattenfall-Konzern mit seiner desaströsen PR-Strategie nach einem Störfall im Kernkraftwerk Krümmel.

Doch das hält Angela Merkel nicht davon ab, weiter das Aus für die Atomkraft zu hinterfragen. "Das wird uns Schwierigkeiten bereiten", stichelt sie im Spätherbst mit Blick auf die CO2-Reduzierungsziele ihrer Regierung.

Etliche Umfragen zeigen, dass für die Bürger der atomare GAU weit weniger abschreckend scheint als die nächste Stromrechnung. In der Luft des Spätherbstes 2007 liegt die Angst vor einer neuen Energiekrise, vor der magischen 100-Dollar-Grenze, die das Barrel Öl nehmen würde, und auch vor einem immer härteren Verteilungskampf um die knapper werdenden Ressourcen.

Jeder Autofahrer spürt jetzt an der Tankstelle, was es bedeutet, wenn die neuen Supermächte Indien und China den Weltmarkt für Öl leerkaufen. Vermutlich schon 2010 wird China die USA als größten CO2-Produzenten überholen. Über 600 Steinkoh-lekraftwerke sollen dort in den nächsten Jahren gebaut werden. Fürs Klima sind das keine guten Aussichten. Wohl aber für die Produzenten erneuerbarer Energien. Die frohlocken, dass die hohen Preise für konventionelle Energieträger die erneuerbaren Energien schneller als gedacht rentabel machen könnten.

Doch das wird den Run auf die letzten Reserven fossiler Energie nicht bremsen. 2007 ist der Startschuss. Da macht sich ein nationaler russischer Duma-Abgeordneter mit zwei Eisbrechern und Tieftauchbooten zum Nordpol auf, um eine Flagge auf den Meeresboden zu rammen. Der Kampf um die Bodenschätze des Nordpols hat begonnen.

Dänemark, Kanada und die Vereinigten Staaten schicken umgehend eigene Expeditionen ins Eismeer, um ihre geopolitischen Ansprüche zu klären. "Die Russen können so viel Flaggen setzen, wie sie wollen", ätzt der dänische Forschungsminister Helge Sander.

Skurrilerweise legt just die Verbrennung fossiler Treibstoffe und als Folge die Klimaerwärmung jene kalte Region frei. Wie schnell, darüber sind selbst die Experten erstaunt. Ungläubig starren sie Anfang September auf Satellitenbilder. Auf denen ist zu erkennen, dass die legendäre Nordwest-Passage zwischen Atlantik und Pazifik eisfrei ist. Und zwar so frei, dass ganz normale Frachtschiffe sie passieren können.

Fürs Weltklima ist das keine gute Nachricht. Ironischerweise aber könnte es künftig helfen, Energie zu sparen. Schiffe, die von New York nach Tokio den neuen Weg durch Kanadas hohen Norden nehmen, verkürzen ihre Wegstrecke um 4200 Kilometer.

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