Politiker Sprung in den Freitod

Warum nahm sich der Politiker Jürgen W. Möllemann das Leben?


Tausende Male ist er gefilmt worden, der langjährige Star der FDP. Auch ganz zum Schluss war eine Kamera dabei - in den letzten Minuten seines Lebens.

Fallschirmspringer Möllemann (über Düsseldorf 2000)
DPA

Fallschirmspringer Möllemann (über Düsseldorf 2000)

Donnerstag, 5. Juni, Jürgen Wilhelm Möllemann, 57, hockt mit neun Fallschirmspringern in einem rotweißen Flugzeug vom Typ Pilatus Porter. Um 12.38 Uhr erreicht die Propellermaschine 4250 Meter. Sprunghöhe. Sechs sind schon draußen, als er aussteigt.

Einer an Bord, der Sportkamerad Dave, dreht. Möllemann beim Absprung, Möllemann weiter weg, bei 1600 Metern öffnet sich sein Hauptschirm. Möllemann schwebt und steuert gekonnt wie immer. Doch dann kappt er den Schirm, und auf dem letzten Film seines Lebens ist er nur noch ein matter Punkt, der nach unten schießt.

Ziemlich genau 16 Sekunden bleiben ihm noch, sich gegen den Tod zu entscheiden - statt den Reserveschirm zu ziehen, reißt Möllemann sich die Sprungbrille vom Kopf. Mit 200 Stundenkilometern stürzt er in ein Getreidefeld; die Kopfverletzungen sind so schrecklich, dass die Polizeifotos vom Todesort aus den Ermittlungsakten entfernt werden - zu groß ist die Sorge, die Bilder könnten bei Journalisten landen und veröffentlich werden.

Jeder Freitod wirft Rätsel auf, die nie mehr gelöst werden können, zumal wenn ein Abschiedsbrief fehlt. Verschwörungstheorien entstehen und bleiben lebendig, der Fall Barschel ist dafür ein Paradebeispiel. Im Fall Möllemann wurde amtlich festgestellt, dass ein "Fremdverschulden" - also Mord - auszuschließen sei. Aber immer noch kursieren Gerüchte über einen Anschlag. Und bei Möllemann ging es, was solchem Denkmuster durchaus förderlich ist, auch um Geld, um viel Geld. Millionentransfers von einem Konto in Liechtenstein auf eines in Luxemburg, dann zurück, und von hier aus zu seiner Düsseldorfer Beratungsfirma Web/Tec, deren genaue Tätigkeit weitgehend im Dunkeln liegt. Luxemburg und Liechtenstein, die Schwarzgeldfestungen. Möllemann lieferte Erklärungen, die einer Überprüfung nicht immer standhielten. Deshalb wird auch dieses Millionenspiel, das möglicherweise 1991 mit dem heftig umstrittenen Verkauf von 36 "Fuchs"-Panzern an Saudi-Arabien begann, kaum noch aufzuklären sein.

Einer, der Klarheit schaffen könnte, ist tot. Der andere, Möllemanns Geschäftspartner Rolf Wegener, schweigt bislang - vor den Staatsanwälten und in der Öffentlichkeit.

Aufgebahrter Möllemann-Sarg in Münster
REUTERS

Aufgebahrter Möllemann-Sarg in Münster

Wegener, über dessen panamesische Briefkastenfirma Great Aziz knapp neun Millionen Mark Schmiergelder aus dem Panzerdeal auf ein liechtensteinisches Konto flossen, ist oft als Freund Möllemanns bezeichnet worden. Offenbar war das Verhältnis doch nicht so eng. Hätte Möllemann nicht am 5. Juni den Sekundenentschluss gefasst, wäre es vielleicht gar zum Rechtsstreit zwischen beiden gekommen. Denn Möllemann verlangte plötzlich von Wegener eine Million Euro - als angeblich ausgehandeltes Honorar für Beratung. Und vertraute kurz vor dem Tod ein entsprechendes Schreiben seinem Kumpel Wolfgang Kubicki an, dem FDP-Bundesvorständler.

Oder war alles ein Hirngespinst? Nur ganz wenige aus seiner Umgebung wollen bemerkt haben, dass Möllemann nicht mehr der alte Möllemann war. Der begabte Taktierer. Der Provokateur, der kühl seine Wirkung plante. Der abgeklärte Ehrgeizling, immerhin mehrfach Minister und einmal auch Vizekanzler dieser Republik.

Möllemann, der am 17. März nach heftigen Attacken die FDP verlassen hatte, fühlte sich verfolgt. Dunkle Mächte seien im Spiel, vertraute er einem Freund an. Er glaubte, seine Telefone würden überwacht. In den eigenen vier Wänden habe er nur gesprochen, wenn das Radio lief. So wehrte man sich gegen Bespitzelung während der Hitler-Diktatur.

Das Drama hatte mit jenem antiisraelischen Flyer begonnen, den Möllemann kurz vor der Bundestagswahl 2002 drucken ließ - und mit dem er auch am rechten Wählerrand Stimmen fischen wollte. Das war politischer Selbstmord - vor allem aber ein teures Unterfangen: Druck und Vertrieb des Flyers kosteten eine Million Euro.

Möllemann ließ das Geld stückeln und tat so, als sei es von vielen Unterstützern gespendet worden - für die Ermittler ein gravierender Verstoß gegen das Parteiengesetz.

Schnell stellten Staatsanwälte und Steuerfahnder fest, dass der Riesenbatzen Geld aller Wahrscheinlichkeit nach von Möllemanns Luxemburg-Konto stammte. Später machten sie eine politisch äußerst pikante Entdeckung: Der Mann, der die Million nach Deutschland schaffte, war genau zu dieser Zeit und gegen gutes Honorar im Wahlkampf Berater von Möllemanns größtem Widersacher, Guido Westerwelle - nämlich Fritz Goergen, ehedem Bundesgeschäftsführer der Freidemokraten.

Manche Information gab Möllemann den Ermittlern freiwillig, und er versprach anscheinend mehr. Auf dieser Basis verhandelten seine Anwälte im Frühjahr mit der Justiz über eine Beendigung der Verfahren. Gut sah es für ihn aber nicht aus. Von hohen Strafbefehlen war die Rede, von einer Bewährungsstrafe, von Millionenbuße.

Doch Möllemann zögerte und zauderte den Ermittlern zu lange. Sie hatten den Eindruck, "der Beschuldigte" sei "auf freiwilliger Basis nicht zu einer umfassenden Kooperation" mit ihnen bereit - heißt es in der Akte.

Im März erließ das Amtsgericht Münster einen Durchsuchungsbeschluss (wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung), am 22. April schob das Amtsgericht Düsseldorf (wegen des Verstoßes gegen das Parteiengesetz) einen zweiten nach. Amtsrichter Christian Sönnichsen begründete penibel die "Verhältnismäßigkeit" der geplanten Razzien bei der Ex-FDP-Ikone Möllemann - was ziemlich ungewöhnlich ist.

Für den Zugriff, so Sönnichsen, spreche "vor allem das öffentliche Interesse an der Aufklärung dieser Straftaten". Schließlich seien sie "in ganz erheblichen Maße geeignet, das Vertrauen der Staatsbürger in die Redlichkeit der führenden politischen Klasse der Bundesrepublik zu gefährden".

Wochenlang dauerten die Vorbereitungen; schließlich musste zeitgleich an 25 Orten in Spanien, Luxemburg, Liechtenstein und Deutschland durchsucht werden. Am 5. Juni, um 12.18 Uhr, hebt der Deutsche Bundestag die Immunität des parteilosen Abgeordneten Jürgen Möllemann auf. Um 12.38 Uhr springt er.

Auf Möllemanns frühere Partei kommt ein Strafgeld zu, das im günstigsten Fall bei einer Million Euro liegt. Und dann sind da noch Steuerschulden, die den Nachlass auffressen könnten - offenbar will der Fiskus vier Millionen Euro.

GEORG BOENISCH



© Jahres-Chronik 1/2003
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