Geiseldrama Martyrium in der Wüste

Nach 177 Tagen Geiselhaft in der Gluthitze der Sahara kommen 14 Touristen gegen eine hohe Lösegeldzahlung frei.


BKA-Fahndungsplakat nach Geiseln
AP

BKA-Fahndungsplakat nach Geiseln

Am 19. August, 17.45 Uhr Ortszeit, ist es endlich so weit. Neun Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer stolpern etwas steif und unbeholfen aus Geländewagen und werden gleich weitergeschoben zur Transall der Bundeswehr, die auf dem Flugplatz von Gao im Nordosten Malis auf sie wartet. Fast ein halbes Jahr waren sie in der Gewalt einer islamistischen Terrorgruppe, schlecht ernährt, bei Temperaturen von über 50 Grad und wenig Wasser.

Nun geht alles sehr schnell: Von Gao in die malische Hauptstadt Bamako - Händeschütteln und Dankeschön an Präsident Amadou Toumani Touré, der sich persönlich für die verschleppten Europäer eingesetzt hatte - und dann ab nach Köln-Wahn, nach Hause. Landung am 20. August, gegen halb acht Uhr: Die längste und nervenaufreibendste Geiselnahme, die deutsche Touristen je durchlitten haben, ist zu Ende.

Erstmals seit der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz 1975 ging eine deutsche Regierung auf die Forderung von Kidnappern ein. Berlin zahlte knapp fünf Millionen Euro. Weitere 17 Sahara-Touristen waren schon zuvor freigekommen. Eine der Geiseln, Michaela Spitzer, 46, überlebte die Strapazen nicht. Sie wurde Ende Juni im Wüstensand begraben.

Angefangen hatte das Drama am 22. Februar. Drei kleine Reisegruppen mit insgesamt elf Touristen, sechs Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer, die ihren Urlaub im Südosten Algeriens verbringen wollten, werden überfallen und entführt.

Der Leidensweg der Sahara-Geiseln
DER SPIEGEL

Der Leidensweg der Sahara-Geiseln

Ihre Kidnapper, ausgemergelte bärtige Männer in zerlumpter Kleidung mit Gewehren in den Händen und Patronengürteln über der Brust, gehören zur Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf. Das ist eine der aktivsten Terrororganisationen Algeriens, der viele Morde zugeschrieben werden. Etwa zwei Wochen später greift der Islamistentrupp weitere vier deutsche Wüstenfahrer auf, unter ihnen zwei Frauen.

Die Kidnapper irren mit den Geiseln durch die Wüste, ständig auf der Flucht vor der algerischen Armee. In Fels- spalten und Höhlen suchen sie Schutz, vor allem auch vor der sengenden Wüstensonne.

Derweil wird eine zweite Salafistengruppe aktiv. Zwischen Mitte und Ende März überfällt und entführt diese zehn Österreicher, sechs Deutsche und einen Schweden.

Anfang April muss auch die Berliner Regierung feststellen, dass die nun insgesamt 32 Verschwundenen sich nicht im unwegsamen Terrain verirrt haben oder Opfer von Naturkatastrophen geworden sind. Bundeskriminalbeamte werden nach Algerien geschickt, Spezialisten der Sondereinheit GSG 9 und der österreichischen "Cobra". Aber sonderlich willkommen sind sie dort nicht. Das algerische Militär will die Sache allein lösen, wie immer: mit Gewalt. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass zusammen mit den Terroristen auch Geiseln sterben, wenn es zum Sturm kommt.

Innenminister Otto Schily und sein Kollege fürs Äußere, Joschka Fischer, eilen nach Algier, beknien die dortigen Machthaber, Verhandlungen mit den Entführern abzuwarten. Aber die Sache ist schwierig. In Algerien tobt seit einem Jahrzehnt ein blutiger Krieg zwischen der Staatsgewalt und islamistischen Terrorgruppen. Über 100 000 Menschen sind bereits in dem Gemetzel umgekommen. Offiziell lehnt Algier jeden Kontakt zu den Entführern ab, tatsächlich aber werden inoffiziell Gespräche geführt.

Befreite Geiseln auf dem Empfang des malischen Präsidenten Touré
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Befreite Geiseln auf dem Empfang des malischen Präsidenten Touré

Dann, am 13. Mai, befreit eine algerische Militäreinheit 17 der im März verschleppten Geiseln. Es ist eine seltsame Aktion: Bei den ersten Schüssen der Soldaten ziehen sich die Entführer von ihren Gefangenen zurück, statt sie als Schutz oder Faustpfand zu nehmen. Hinter der Biegung einer Felsschlucht wird ein Stündchen geschossen. Einige Geiselnehmer seien tot, sagen die Militärs anschließend, zeigen sie aber nicht. Auch einige Geiseln wollen tote Terroristen gesehen haben, aber ihre Aussagen sind widersprüchlich.

Im zweiten Terrorcamp, in dem noch 15 Entführte gefangen gehalten werden, bricht bei den Islamisten nicht Entsetzen und Wut aus, als sie - über Funk - von der "Befreiungsaktion" hören. "Erleichterung" konstatierten ihre Geiseln, von einer "Lösung" sei die Rede gewesen. Und auch in Deutschland, in Regierungskreisen, ist in jenen Tagen vom Ende des Dramas, das ganz nahe sei, die Rede.

Auch wenn die Militäraktion nur Camouflage war, eine Aktion zur Gesichtswahrung algerischer Hardliner, zur Vertuschung einer wie auch immer gearteten Verhandlungslösung, irgendwas ging wohl schief - dabei oder anschließend. Die Salafisten in Lager zwei packen nach wenigen Tagen Gepäck und Geiseln und ziehen wieder von Versteck zu Versteck. Der Wüstensommer wird unerträglich, die Temperaturen übersteigen jetzt fast täglich 50 Grad. Schatten zu finden wird lebenswichtig. Es gibt nicht genug zu trinken, nur zwei Liter am Tag für jeden. Für Michaela Spitzer, Mutter zweier Kinder, ist das zu wenig. Sie stirbt an einem Hitzschlag.

Die Verhandlungen ziehen sich in die Länge. Die Kommunikation ist schwierig, zumal die Salafisten nicht genau wissen, wie es weitergehen soll. Wo sollen sie bleiben, wenn sie ihre europäischen Faustpfänder freigelassen haben? Unter der Hand bietet Algeriens Regierung den Terroristen "ein offenes Fenster": die stillschweigende Genehmigung, in ein Nachbarland zu ziehen. Doch weder Libyen, dessen Staatschef Muammar al-Gaddafi, wie es hieß, sich als Vermittler angeboten hatte, noch das von Süden angrenzende Niger wollen die Kidnapper aufnehmen.

Eine Lösung findet sich schließlich in Mali. Die Entführer haben dort Freunde, denen sie vertrauen, und die malische Regierung hat keine Berührungsängste: Der Gouverneur der Nordprovinz selbst verhandelt auf Geheiß des Staatspräsidenten mit dem Salafisten-Emir und führt schließlich auch den Geländewagenkonvoi an, der die Geiseln in die Freiheit bringt.

Der islamistische Terrortrupp hat sich derweil heimlich wieder nach Norden verzogen, Richtung Algerien.

HANS-JÜRGEN SCHLAMP



© Jahres-Chronik 1/2003
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