Kuriose Verkehrszeichen: Deutschlands bunter Schildawald

Von Markus Brügge

Deutschland ist nicht nur die Heimat mächtiger Eichenwälder und lauschiger Kiefernhaine - hier zu Lande wächst und gedeiht auch der Schilderwald prächtig. Manchmal findet sich dort sogar das eine oder andere seltene Exemplar: Hinweise auf tieffliegende Schwäne etwa oder Tarzanruf-Warnschilder.


(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 26.04.2004)


Hamburg - Herford hat gewiss einiges zu bieten: Eine Fürstabtei, sandsteinerne Kirchen und die sanften Hügel des Teutoburger Walds. Bundesweite Aufmerksamkeit indes verdankt die Kreisstadt bei Bielefeld einem kleinen Verkehrsschild.

Weil das MARTa Herford, das dortige Museum, im Rahmen einer Kunstaktion aus großen Lautsprechern in der Innenstadt Tarzangebrüll erschallen ließ, hatten sich Radfahrer beschwert: Angeblich gefährdeten die Rufe die Verkehrssicherheit, einmal sei es deshalb sogar beinahe zu einem Zusammenstoß gekommen.

Und weil in Deutschland alles seine Ordnung haben muss, wurde das Ordnungsamt tätig. Fürderhin jodelte zwar immer noch der Ur-Tarzan Johnny Weißmüller durch das westfälische Städtchen - doch warnte jetzt ein rotgerahmtes Dreieck mit einem dicken Rufzeichen die Verkehrsteilnehmer vor dem exotischen Lärm: "Laute Tarzanschreie 10.30 bis 16.30 Uhr".

Damit pflanzte Herford das sicher ungewöhnlichste Gewächs im deutschen Schilderwald. Michael Kröger, Kurator am MARTa, findet das Schild zwar eher amüsant, für die Stadt sei es aber eine durchaus ernsthafte Maßnahme gewesen: "Schließlich hätte ein Unfall auch juristische Folgen haben können." Wäre ein Radler, erschreckt durch Weißmüllers Gebrüll, vor den nächsten Baum gefahren, hätte Herford einem unschönen Schadenersatzprozess entgegengesehen.

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Schilderwald kurios: Vor Tarzangebrüll wird gewarnt

Tier- nicht Radlerschutz war dagegen das Motiv der Kölner, an ihrer Universitätsstraße ein kurioses Verkehrsschild anzubringen. Dazu sollte man wissen, dass besagte Straße sechsspurig ist - und eine beliebte Flugschneise für Kölner Schwäne. Die machen sich vom Aachener Weiher auf Richtung Kanal und kommen dabei leider des Öfteren den Autofahrern auf der Universitätsstraße in die Quere.

Dabei sei nicht einmal das Unfallszenario "Tier contra Windschutzscheibe" das größte Problem gewesen, erklärt Gudrun Felden, Sachbearbeiterin beim Amt für Straßen und Verkehrstechnik der Stadt Köln. "Wenn plötzlich so ein großer weißer Vogel die Fahrbahn im Tiefflug kreuzt, ist so mancher Autofahrer voll auf die Bremse gestiegen." Folge: so mancher Auffahrunfall.

Doch tieffliegende Schwäne sieht die Straßenverkehrsordnung nicht vor. Wie also warnen? Zwar hätte die StVO Warnschilder mit einer Kuh, einem springenden Reh oder einem Flugzeug erlaubt - doch das hätte die Kölner Autofahrer wohl eher verwirrt als gewarnt, sagt Felden.

So entwarf man ein eigenes Schild: Watschelnder Schwan auf weißem Grund in rotem Dreieck. Und verstieß damit streng genommen gegen das Gesetz. Eigentlich dürfe eine Kommune nämlich nur Verkehrsschilder aufstellen, die die Straßenverkehrsordnung auch kennt. Andererseits - da sieht Gudrun Felden die Sache pragmatisch - gibt es seither auf der Schnellstraße keine schwanbedingten Unfälle mehr. Und der Zweck heiligt die Schilder.

Warnung vor dem Schwane: Die StVO sieht's nicht vor - aber es verhindert Unfälle
Stadt Köln

Warnung vor dem Schwane: Die StVO sieht's nicht vor - aber es verhindert Unfälle

Nur wird der leider nicht immer erfüllt. Lang wäre die Liste der Zeichen, die zwar den Rätselfreunden und Exegeten unter den Verkehrsteilnehmern viel Freude machen - dem Otto-Normal-Autofahrer aber ein großes Fragezeichen ins Gesicht treiben. Freie Auswahl etwa hatte man an einer Baustelle in Jena: Dort standen zwei Umleitungsschilder - das eine wies nach links, das andere nach rechts.

Ein Beamter mit pädagogischem Anspruch mag das eingeschränkte Halteverbotsschild in Stuttgart ersonnen haben, das den Autofahrer über die Zeiten informiert, zu denen er hier nicht halten darf: Von 8.30 bis 16 und von 19 bis 6.30 Uhr, sowie von 6.30 bis 8.30 und von 16 bis 19 Uhr. Kopfrechenaufgabe: Wann darf man also halten? Lösung: Genau, überhaupt nicht.

Geradezu poetisch wieherte der Amtsschimmel in Berlin, als man dort anlässlich des Ökumenischen Kirchentages eine Sperrung vornahm: Die "Straße des 17. Juni ab Platz des 18. März bis Entlastungsstraße" wurde gesperrt. Deutsche Geschichte im Schnelldurchlauf quasi.

Wie herzerfrischend simpel machen es dagegen bisweilen unsere europäischen Nachbarn. Dort wird der Autofahrer in der Nähe von Almeria Schritt für Schritt, ganz behutsam an ein Stop-Schild herangeführt, die Geschwindigkeit sinkt von 70 auf 60, auf 50, auf 40, auf 30, auf 20, auf 10, auf Stop. Es könnte sich andernfalls ja auch jemand überrumpelt fühlen.

Von 0 auf 100 geraten manchmal Schwedens Elche. Dann gibt es heißen Sex, sogar mitten auf der Straße. Um Auffahrunfälle zu verhindern, stellt man deshalb auf Schwedens Straßen Schilder auf, die vor den kopulierenden Elchen warnen.

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