Zugkatastrophe in Nordkorea Opfer wurden von Trümmern durchsiebt

Krater wie nach Bombenangriffen, zerstörte Häuser, Staub, Blut, Asche - es ist ein apokalyptisches Bild, das die internationalen Helfer an der Unfallstelle der Zugexplosion in Nordkorea zu sehen bekommen. Noch immer liegen viele Opfer in den Krankenhäusern, sie leiden unter der mangelhaften Versorgung in dem isolierten Land.



(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 25.04.2004)


Erste Bilder vom Unglücksort: Metertiefe Krater
AP

Erste Bilder vom Unglücksort: Metertiefe Krater

Die ersten Berichte aus der Stadt Ryongchon klingen wie nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg. Laut Uno-Beobachtern wurde die Stadt zu 40 Prozent zerstört. Sämtliche Häuser im Umkreis von 500 Metern der Bahnstation seien nicht mehr bewohnbar. Hunderte Gebäude seien dem Erdboden gleich gemacht oder lägen in Schutt und Asche, tausende Häuser seien schwer beschädigt worden.

Am Explosionsort klaffen zwei Krater, mehrere Dutzend Meter groß, acht bis zehn Meter tief. Planierraupen schütten die Löcher mit Erde zu. Trotz der schweren Schäden ließ die nordkoreanische Regierung erst zwei Tage nach der Katastrophe Hilfe ins Land. Langsam kommen so nun die ersten Schilderungen über das Unglück an die Öffentlichkeit. Augenzeugen berichteten den Helfern, sie hätten einen riesigen Feuerball gesehen und dann sein ein Pilz aus Rauch und Staub in die Höhe gestiegen. Der Ort wurde von einer Druckwelle erschüttert, die selbst in weiterer Entfernung alles zerstörte.

Von der Explosion wurde auch eine dreistöckige Grundschule, die 300 Meter vom Unglücksort entfernt war, großenteils zerstört, berichtete der Koordinator der deutschen Welthungerhilfe in Pjöngjang, Ralph Gust-Frenger. Erste Augenzeugenberichte beschrieben die Heftigkeit der Explosion, welche die Schüler von der Straße fegte, als diese am Donnerstagmittag aus der Schule kamen. Andere seien "im Gebäude unter dem eingestürzten Dach begraben und sofort getötet worden", so die Berichte. Einige Schüler wurden auf der Straße von fliegenden Trümmerteilen "wie von Kugeln" getroffen.

Fotostrecke

6  Bilder
Zugkatastrophe in Nordkorea: Der Krater von Ryongchon

Nach Informationen der Deutschen Welthungerhilfe wurden etwa 10.000 Menschen obdachlos. Sie wurden zum größten Teil von anderen Familien aufgenommen, wie Rot-Kreuz-Sprecher John Sparrow mitteilte. Die rund 1300 Verletzten wurden in die Nachbarstadt Sinuiju gebracht, dort wurden laut Gust-Frenger 360 Schwerverletzte in Krankenhäusern behandelt. Die nordkoreanischen Behörden hätten die Bergung von Toten und Verletzten vor dem Eintreffen ausländischer Helfer bereits abgeschlossen, wie Hilfsorganisationen berichteten

Erste Hilfe ist bereits vor Ort. In Sinuiju traf am Sonntag eine Lieferung mit Nahrungsmitteln, Decken und Zelten aus China im Wert von umgerechnet 100.000 Euro ein. Das Rote Kreuz stellte Zelte und Decken für rund 4000 Familien zur Verfügung. Das Auswärtige Amt in Berlin bewilligte für Sofortmaßnahmen 50.000 Euro, die Europäische Union sagte 200.000 Euro zu. Russland bereitete die Entsendung von Hilfsgütern vor, auch Australien sagte Hilfe zu. Südkorea will nach Angaben aus Seoul Medikamente, Lebensmittel und andere Hilfsgüter im Wert von umgerechnet einer Million Dollar zur Verfügung zu stellen.

Gleichwohl ist die Lage in der Krisenregion ernst. Die Krankenhäuser sind vollkommen überlastet, doch Nordkorea scheut sich noch immer, Verletzte ins nahe China zu bringen. Augenzeugen berichten von schreienden Kindern auf provisorischen Betten, die offenbar nicht behandelt werden könnten, da Medikamente fehlen und die Ärzte nach der jahrelangen Isolation des Landes überfordert sind. Medizinische Geräte stünden herum und machten einen defekten Eindruck, schilderte ein Uno-Vertreter. In den betroffenen Krankennhäusern fehlt es schlicht an allem, so der Uno-Mann.

Im Ort selber gehen die Aufräumarbeiten langsam voran. Menschen stapeln Ziegelsteine, sammeln das Holz, suchen in den Trümmern nach brauchbaren Dingen. Ochsenkarren werden beladen. Zögert Nordkorea weiter bei der Annahme von mehr internationaler Hilfe, wird es aber noch lange dauern, bis die Folgen des Unglücks beseitigt sind.



© SPIEGEL ONLINE
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.