Amoklauf mit Flammenwerfer: "Das Herz der Stadt stand still"

Von Manfred Böcker und

Am 11. Juni 1964 überfiel ein Weltkriegsveteran eine Kölner Volksschule. Mit einem Flammenwerfer und einer Lanze tötete der Attentäter acht Kinder und zwei Lehrerinnen. Die Überlebenden leiden noch heute an den Folgen des Amoklaufs - der wie ein unheilvoller Vorbote der Taten von Erfurt, Dunblane und Littleton erscheint.


(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 11.06.2004)


Jedes Jahr am 11. Juni trinkt die Zahntechnikerin Barbara Peter, 48, ein Gläschen Sekt, "weil ich mich an diesem Tag darüber freue, dass ich noch da bin". Vor 40 Jahren, am 11. Juni 1964 um 9.10 Uhr, wäre ihr junges Leben beinahe vorschnell verloschen.

Barbara Peter besucht an diesem Morgen mit ihren Klassenkameraden den Turnunterricht an der katholischen Volksschule im Kölner Stadtteil Volkhoven. Die Grundschüler sehen, wie ein Mann mit einem Gerät, das die Kinder für eine Gartenspritze halten, das Schulgelände betritt. Doch als er sich der Turngruppe bis auf drei Meter genähert hat, versprüht er aus dem Tank auf seinem Rücken kein Wasser, sondern eine sechs Meter lange Flamme.

Die achtjährige Bärbel - Barbara Peter - erleidet schwere Verbrennungen, als der Amokläufer seine furchtbare Waffe auf sie richtet. Ihre Haut färbt sich tiefrot, das Turnhemd an ihrem Rücken ist weggeschmort, die Haare versengt. Die Schülerin irrt auf dem Schulhof umher, sucht schließlich Zuflucht auf der Toilette. Dort herrscht Chaos: In dem einzigen, langen Waschbecken der Schule liegt ein Mädchen, andere verletzte Kinder lassen Wasser über ihre Brandwunden laufen.

Der "Flammenteufel" von Köln

Volkhoven, Dunblane, Littleton, Erfurt: Der Amoklauf von Köln steht als erster Name in einer Reihe von Verbrechen, die im Jahr 1964 noch weit in der Zukunft liegen. Die Zeitungen drucken Sonderausgaben mit Schlagzeilen über den "Flammenteufel" von Köln, das Fernsehen ändert sein Programm. Nach Volkhoven diskutiert man noch nicht über Ego-Shooter-Videospiele und Waffenbesitz, sondern über den freien Verkauf von Chemikalien und ein mögliches "Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten". Und bleibt doch ratlos angesichts der schwer fassbaren Tat.

An diesem heißen Sommertag 1964 dringt der Weltkriegsveteran Walter Seifert, 42, bewehrt mit einem selbst gefertigten Flammenwerfer und einer Lanze, in die Kölner Grundschule ein. Durch seinen 20 Minuten dauernden Amoklauf sterben sieben Schülerinnen, ein Schüler und zwei Lehrerinnen. 21 Kindern fügt Seifert Brandverletzungen zu, die sie fürs Leben zeichnen - darunter auch Barbara Peter.

Buch: Barbara Peter, Das Herz der Stadt stand still. Das Flammenwerfer-Attentat von Köln-Volkhoven, SH-Verlag Köln, 2004

Buch: Barbara Peter, Das Herz der Stadt stand still. Das Flammenwerfer-Attentat von Köln-Volkhoven, SH-Verlag Köln, 2004

Über Jahre hinweg sammelt sie die Erinnerungen von Überlebenden des Anschlags, von ehemaligen Mitschülern, Angehörigen der Toten, Ärzten, Lehrern, Feuerwehrmännern und Polizisten. Die bedrückenden Dokumente hat sie jetzt in einem Buch veröffentlicht. Titel: "Das Herz der Stadt stand still". In diese Worte fasste der damalige Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen bei der Trauerfeier sein Entsetzen über das Attentat.

Der Amokläufer stirbt am Abend der Tat an den Folgen einer Selbstvergiftung: Er schluckt noch während des Massakers das Pflanzenschutzmittel E605. Die Polizei stellt ihn auf der Flucht, ein Beamter schießt ihn in den Oberschenkel. "Ja. Es ist eine böse Sache", gibt Walter Seifert kurz vor seinem Tod zu Protokoll, als er nach seinem Motiv für den Anschlag gefragt wird.

"Eigentümliches fanatisches Gehabe"

Seifert, ehemaliger Schüler der Volkhovener Schule, wurde von über Jahre aufgestautem Hass getrieben: Hass auf Beamte, die seine Tuberkulose-Erkrankung nicht als Kriegsleiden anerkennen, Hass auf die Ärzte, die seine Ehefrau drei Jahre vor der Tat im Kindsbett nicht vor dem Tod retteten. Im Zweiten Weltkrieg hatte der Täter als Soldat der Wehrmacht gedient und eine Waffenschule besucht, sich in der anschließenden Kriegsgefangenschaft wahrscheinlich die Tuberkuloseerkrankung zugezogen.

Nach der Gefangenschaft versucht Seifert, als Polizist im Zivilleben Fuß zu fassen. Das Vorhaben scheitert: Nach nicht ganz einem Jahr entlässt ihn sein Arbeitgeber im Herbst 1946 wegen Dienstuntauglichkeit. Danach bekommt der Kriegsheimkehrer kein Bein mehr auf den Boden. Die Rente fällt schmal aus, weil die Amtsärzte den Zusammenhang zwischen Krankheit und Gefangenschaft nicht bestätigen wollen.

"Paranoide Gedankengänge": Videoaufnahme vom Amoklauf in Littleton
REUTERS

"Paranoide Gedankengänge": Videoaufnahme vom Amoklauf in Littleton

Der Frührentner reagiert mit den Jahren zunehmend paranoid auf seine Kontakte mit den Versorgungsbehörden und reicht Ende 1959 beim Gesundheitsdezernenten der Stadt Köln eine verschwörungstheoretische Abhandlung mit der Überschrift "Sozialpolitik-Sozialärzte-Sozialmord" ein. Bei der anschließenden psychiatrischen Untersuchung attestieren ihm die Amtsärzte ein "verschrobenes Verhalten", "ein ständiges, inadäquates Lächeln", "paranoide Gedankengänge" und ein "eigentümliches fanatisches Gehabe". Seifert wird trotz dieses eindeutigen Befunds nicht in die Psychiatrie eingewiesen, da er sich während der Untersuchung ruhig verhielt.

Doch in dem Mann brodelt es weiter: Als auch ein letztes gerichtliches "Obergutachten" am 25. April 1964 negativ ausfällt, dreht er durch. Acht Wochen vergehen noch bis zum 11. Juni.

Handwerk im Krieg erlernt

Der Amokläufer bereitet seine Tat akribisch vor: Das Handwerkszeug für die Wahnsinnstat, den Bau des Flammenwerfers und die richtige Mixtur der brennbaren Flüssigkeit, hat Seifert im Krieg erlernt, wie der evangelische Pastor Hülser in dem Buch von Barbara Peter betont. Ihm hatte Seifert sechs Wochen vor dem Attentat eine Mappe überreicht, die das Unrecht belegen sollte, das ihm seiner Meinung nach angetan wurde. Der Amokläufer sei "sozusagen staatlich instruiert" gewesen - er gehörte zu einer Generation, die gelernt hatte, mit Mordwerkzeugen umzugehen und die dieses furchtbare Wissen gegen die Zivilbevölkerung in den von Deutschland im Zweiten Weltkrieg eroberten Länder richtete. Anders als anderen Soldaten gelingt es Seifert nicht mehr, ins Zivilleben zurückzufinden.

Seifert fertigt eigens einen Holzkeil an, mit dem er das Schultor von außen blockiert, montiert einen spitzen Dreikantschaber auf seine Lanze, füllt die Unkrautspritze mit "Toluol, Essigsäure-Äthylester, Butylacetat und Naphtalin-Derivaten", wie es im Polizeibericht heißt. Seinen ersten Feuerstoß richtet der Attentäter gegen die 66-jährige Lehrerin Anna Langohr; sie hatte ihm einst Lesen und Schreiben beigebracht.

"Wer bist du?"

Die Scheiben der voll besetzten Klassenräume schlägt Seifert mit einer für diesen Zweck mitgebrachten Schleuder ein und zielt mit dem Flammenwerfer auf einzelne Kinder. "Ich schlug die Hände vor mein Gesicht, weil die Luft, die mir entgegenkam, so heiß war. Ich kriegt keine Luft mehr", erinnert sich die ehemalige Schülerin Hella Rauch. Auf dem Schulhof trifft Dorothea Binner auf die entstellte Hella: "Wer bist du?", fragt sie die ihr gut bekannte Mitschülerin. Zwei Lehrerinnen, die sich dem Rasenden entgegenstellen, sticht Seifert mit seiner selbst gebauten Lanze nieder, beide sterben.

Das Trauma nie überwunden: Gedenken an die Opfer von Erfurt
DPA

Das Trauma nie überwunden: Gedenken an die Opfer von Erfurt

Für die Überlebenden beginnt jetzt das eigentliche Martyrium. Sie haben Verbrennungen vierten Grades, große Teile der Haut und des darunter liegenden Gewebes sind zerstört. In der ersten Woche stirbt fast jeden Tag ein Kind. Monatelang liegen die Verletzten in der Kölner Kinderklinik Amsterdamer Straße. "Die Verbandswechsel, die Bäder, das Abtragen von überschüssigem Gewebe war für die Kinder ein Horror", erinnert sich Oberarzt Welte.

Die Besuchsbedingungen sind hart: Die Eltern dürfen die Kinder nur einmal in der Woche besuchen und nach Möglichkeit nur vom Fenster aus in die Zimmer gucken - wegen der Infektionsgefahr. Psychologische Betreuung von Katastrophenopfern durch geschulte Helfer gibt es in den sechziger Jahren noch nicht. Die meisten haben das Trauma des 11. Juni 1964 nie überwunden.

Das verbrannte Turnhemd als Mahnmal

Warum mussten die anderen sterben? Warum nicht ich? Solche Sätze tauchen in den Erzählungen der Überlebenden immer wieder auf.

"Sehr schlimm war für mich, dass ich nach und nach erfahren habe, dass acht Kinder dabei gestorben sind - auch die beiden Lehrerinnen", sagt die Buchautorin Peter. Sie selbst habe die schrecklichen Erlebnisse relativ gut verarbeitet.

Barbara Peter rahmt sich ihr verbranntes Turnhemd, rot, ärmellos, mit hellen Bordüren an Hals und Ärmeln, und hängt es an die Wand: als "persönliches Mahnmal", wie sie schreibt. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich einmal in dieses kleine Kleidungsstück hineingepasst habe. Noch weniger, was damals passierte, geschweige denn, wie es sich anfühlte."

"Meine Familie hat mich immer normal behandelt", sagt Peter. "Da haben sie viel Wert drauf gelegt, dass ich das lustige Kind geblieben bin, das ich vor dem Attentat war. Ich war zudem nicht allein mit den schlimmen Erlebnissen. Bei uns in der Nachbarschaft gab es viele Überlebende. Schließlich ist es eine Frage der Lebenseinstellung, die ist bei mir grundsätzlich positiv."

Hella Rauch, von den überlebenden Kindern von damals am schwersten verletzt, schreibt, sie hasse den Täter nicht: "Der hat sie nicht mehr alle gehabt, und dann war das so." Auch die Autorin Peter bestätigt diese Distanz gegenüber dem Täter. Allerdings sei es für sie "ganz wichtig" gewesen, dass Seifert kurz nach dem Attentat gestorben sei. Mit ihm sei zugleich das Gefühl der Bedrohung verschwunden. "Ich hätte ein großes Problem, wenn er jetzt noch da wäre und ich mit ihm auf der gleichen Erde leben würde."

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