Strafjustiz "Du warst das!"

Im Saarbrücker Fall Pascal gerät die Anklage zunehmend in Not. Sind die Geständnisse der zum Teil geistig behinderten Angeklagten falsch? Schlüsselfigur ist ein neunjähriger Junge.



(Aus dem SPIEGEL-Archiv: Artikel vom 15.11.2004)


Das alles soll eine Lüge sein? Nur erfunden? Sarah, 17, ist Zeugin im Mordfall Pascal, der gegenwärtig vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Saarbrücken verhandelt wird. Auf die Frage nach ihrem Beruf gibt sie "Hauswirtschaft" an. Hausfrau? Sie wagt kaum den Mund aufzumachen.

Verschwundener Pascal: Keine Leiche, keine Spuren
DDP

Verschwundener Pascal: Keine Leiche, keine Spuren

Als der fünfjährige Pascal am Spätnachmittag des 30. September 2001 in Saarbrücken verschwand, war Sarah mit den Stiefschwestern des Jungen auf einer Kirmes im Stadtteil Burbach. Einige Leute meinten sich später zu erinnern, dass sich dort auch Pascal aufgehalten habe.

Im Zuge der Ermittlungen, wer den Fünfjährigen zuletzt gesehen hat - er war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und hätte gegen 18.30 Uhr zu Hause sein sollen -, wurden im Oktober 2001 unter anderen auch die Stiefschwestern und die damals 14-jährige Sarah vernommen. Sie habe Pascal auf der Kirmes nicht bemerkt, sagt Sarah zu den Vernehmungsbeamten, sie kenne ihn ja gar nicht. Man glaubt ihr nicht.

Die Beamten schlagen eine andere Tonart an. Ob Sarah Angst habe. Man sehe ihr es doch an. Sie wird unsicher. Man redet ihr ins Gewissen. Man bohrt weiter. Sie bricht in Tränen aus. Wieso Tränen? Sie brauche bloß die Wahrheit zu sagen.

Sarahs Vater wird geholt, sie darf mit ihm unter vier Augen sprechen. Der Mann versichert der Polizei danach, seine Tochter habe Pascal wirklich nicht gesehen. Man glaubt es nicht. Der Druck wird stärker. Sarah wird gefragt, ob die Stiefschwestern etwas mit dem Jungen gemacht hätten. Sarah beteuert: Nein! Es geht trotzdem weiter: Ob die Schwestern ihr erzählt hätten, was sie mit Pascal gemacht haben? Ob sie, Sarah, Angst vor der Polizei habe? Ob sie ein schlechtes Gewissen plage? Die Beamten holen zum Beweis einen Klassenkameraden herbei, der Pascal gesehen haben will. Also los, was ist jetzt!

Irgendwann beschreibt sie stockend, wo der Junge auf der Kirmes stand. Der Druck wird jetzt noch massiver. Warum sie dies verschwiegen habe? Ob sie etwas mit dem Verschwinden des Kindes zu tun habe? Ob sie erpresst werde? Warum sie erpresst werde? Was man ihr angedroht habe?

Sarah windet sich. Und dann kommt es: Die Schwestern hätten ihr erzählt, dass sie dem Kleinen eine Eisenstange auf den Kopf gehauen hätten. Die Beamten wollen mehr wissen. Sarah gibt schließlich zu, dabei gewesen zu sein, als Pascal im Wald an der Saar mit der Eisenstange erschlagen wurde. Dass es zwei Schläge auf den Hinterkopf waren. Dass der Junge zwei Minuten lang schrie. Dass es schon dunkel war. Dass sie alles beobachtet habe.

Als Zeugin vor der Saarbrücker Schwurgerichtskammer wird Sarah wieder gefragt, ob Pascal mit seinen Schwestern auf der Kirmes war. "Nein." Ob sie ihn dort gesehen habe? "Nein." Sie druckst herum. Der Vorsitzende Ulrich Chudoba bringt aus ihr schließlich mit Mühe den Satz heraus: "Es war alles gelogen, was ich gesagt hab."

Einer der Verteidiger, der Saarbrücker Rechtsanwalt Walter Teusch, fragt nach dem Grund. Er will wissen, warum ein junges Mädchen sich eine Lügengeschichte ausdenkt, die seine Freundinnen in so schlimmen Verdacht brachte? Die ältere der Schwestern wurde damals immerhin inhaftiert. "Gab es Streit?", fragt Teusch die junge Frau. "Haben Sie Hass empfunden?" "Nein." "Wieso erfinden Sie dann etwas so Schreckliches? War es die Angst, selbst eingesperrt zu werden?" "Ja."

Sarah hat den Druck nicht ausgehalten und in ihrer Bedrängnis mit einer haarsträubenden, frei erfundenen Geschichte den Verdacht von sich auf andere umgelenkt. Die beiden Schwestern haben sich gegen die Falschbeschuldigung nicht zu wehren gewagt. Ein bizarrer Einzelfall?

Gerichtssaal in Saarbrücken: "Ich geb's auf, die Fragen kann ich mir sparen"
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Dass vor der Polizei und vor Gericht gelogen wird, ist eine Binsenweisheit, sonst müssten Zeugen nicht ausdrücklich auf ihre Wahrheitspflicht hingewiesen werden. Nur Beschuldigten und Angeklagten droht nicht auch noch eine Strafe wegen Falschaussage, wenn sie nicht bei der Wahrheit bleiben. Dass labile Personen rüden Vernehmungsmethoden nicht standhalten und Taten gestehen, die sie gar nicht begangen haben, dass sie nachplappern, was man in sie hineinfragt, in der Hoffnung, nun in Ruhe gelassen zu werden oder nach Hause gehen zu dürfen oder auch, um sich wichtig zu machen - es ist trauriger Alltag des Polizeigeschäfts und kein Grund zur Empörung. Denn auch die Polizei steht in spektakulären Fällen unter Druck.

Sage keiner: Man gesteht doch keinen Mord, wenn man keinen umgebracht hat. Es gab und gibt immer wieder Geständnisse, die jeder Grundlage entbehren. Es büßten und büßen Unschuldige jahrelang im Gefängnis, weil sie Taten gestehen, die sie nicht begangen haben.

Ein Zeuge sagt in Saarbrücken auf Frage des Vorsitzenden: "In einem so langen Verhör sagt man viel! Die haben mich einen 'Kinderficker' genannt! Du warst das, du warst das!, hieß es immer wieder. Die haben mir genau geschildert, was ich getan haben soll! Und dass ich ein ganz Gefährlicher bin! Ich war am Boden zerstört! Das bisschen Selbstbewusstsein, das ich in meinem Leben aufgebaut hatte, haben die systematisch kaputtgemacht. Ich habe nur noch geheult."

In Saarbrücken sind 13 Personen unter anderem angeklagt, den kleinen Pascal ermordet und/oder schwer missbraucht und/ oder Beihilfe dazu geleistet zu haben. Es gibt keine Leiche, keine Spuren, mit denen bewiesen werden könnte, dass der Junge damals in der Burbacher Tosa-Klause nach brutalem Missbrauch durch mehrere Männer zu Tode kam und auf dem Gelände einer Kiesgrube im französischen Forbach vergraben wurde, wie die Anklage behauptet.

Es steht nur fest, dass der Junge verschwunden ist. Ist er tot? Niemand weiß es. Oder lebt er womöglich? Und wenn ja, wo? Es gibt nichts als einen Brei widersprüchlicher und sich im Lauf der Zeit auffällig annähernder Aussagen von drei zum Teil geistig behinderten Angeklagten - die anderen bestreiten konsequent.

Diese Personen nähren die bösesten Vorurteile. Zwei Frauen sind unter den "Geständigen" - jede für sich das personifizierte Elend. Getretene, Geschlagene, Benutzte, die wie Abschaum an den äußersten Rand der Gesellschaft gedrängt wurden.



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