Saudi-Arabien Der Teufel wohnt im Handy

Von Michael Heim

2. Teil: Wie das muslimische Land auf das Gewaltvideo reagiert und warum der neue Beruf Handy-Inspektorin erfunden wurde


Die Täter konnten noch aus einem anderen Grund annehmen, ungestraft davonzukommen. Denn das Mädchen wurde nicht entführt: Sie hat sich mit den Männern freiwillig eingelassen. "Ein Mädchen, das mit einer Gruppe junger Männer ausgeht - was denkt ihr denn, was dann geschieht?", schrieb ein gewisser "Abu Usama" in einem der Internetforen. "Sie hat Schande über alles gebracht - über sich selbst, über ihre Ehre, ihre Religion und über ihre Familie. Wenn hier jemand eine Strafe verdient hat, dann sie."

Handy-Teufel: "Eine Million gegen das Laster"

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Kontakte zwischen Männern und Frauen, die nicht eng miteinander verwandt sind, darf es in Saudi-Arabien nicht geben. Natürlich gibt es sie trotzdem. Über die Hälfte der Saudis ist unter 20 Jahren und damit in einem Alter, in dem nicht jedes Verbot kommentarlos abgenickt wird.

In einer informellen Umfrage unter Mädchen und jungen Frauen, die kürzlich in saudischen Foren verbreitet wurde, gaben 70 Prozent der Befragten an, Kontakte zu jungen Männern zu haben. Für viele von ihnen bedeutet das jedoch nicht, "mit den Jungen auszugehen." Das Abenteuer findet oft nur virtuell statt - per Telefon oder per Video-Chat im Internet.

Saudische Eltern sind angesichts der neuen technischen Möglichkeiten alarmiert. "Wisst ihr, was eure Töchter hinter eurem Rücken treiben?", ereifert sich einer, der im Internet Bilder von Mädchen entdeckt hat, die beim Chat in ihre Webcam blinzeln.

Beliebtestes Mittel der Kontaktanbahnung ist das Handy. Junge Männer kleben ihre Handynummer an die Autoscheibe oder lauern auf die Gelegenheit, sie in einer Einkaufs-Mall unbemerkt einem der schwarz verhüllten Wesen zuzustecken. Dann beginnt das Warten auf den Rückruf.

Ein pädagogischer Computer-Trickfilm der Initiative "Islamisches Web" befasst sich mit dem umgekehrten Fall: Ein junges Mädchen sitzt behütet in ihrem Heim, einer stilisierten Muschel, und träumt von einem Prinzen - dann klingelt plötzlich das Handy. Der Anrufer flirtet mit ihr, das Mädchen schmilzt dahin. Und sieht nicht, was sich ihr aus dem Display entgegenreckt: der Teufel in bunten Farben.

Schwert gegen das Böse: Man will ihren Kopf

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Schnitt, dann Nacht, es ist einsam: Die Muschel des Mädchens liegt verloren inmitten düsterer Ruinen. Ein Schatten. Die Klaue des Teufels packt, drückt die zappelnde Muschel, zerquetscht sie, während langsam Blut heraus rinnt. Man hört ein böses Kreischen. Die erzieherische Gegenoffensive setzt auf Schauermärchen.

Jetzt, wo ein solches Schauermärchen raue Wirklichkeit geworden ist, herrscht Panik - vor allem vor dem Handy. Kein Schleier hilft, wenn auch die Telefone Augen haben. Besonders auf Hochzeitsgesellschaften lauert die Gefahr, unbemerkt fotografiert zu werden. "Mittlerweile fürchten wir uns vor den Festsälen", schreibt ein Leser an eine große saudische Tageszeitung, "wer jetzt heiratet, hat Angst, dass keiner kommt".

Zwar feiern die Frauen strikt getrennt von den Männern. Aber sobald sie unter sich sind, fallen die schwarzen Hüllen. Da kann Frau so manches interessante Foto machen, beim "zufälligen" Herumnesteln am Handy, und dem Bruder in den Festsaal der Männer hinüberschicken. Und spätestens wenn der das Bild dann ins Internet stellt, ist es mit der Familienehre der Abgelichteten nicht mehr weit her.

Seit der per Handy-Cam mitgeschnittenen Vergewaltigung führt dergleichen nun schnell zu Zwischenfällen. In der Süd-Provinz Asir kam es auf einer Hochzeitsparty, als eine Frau beim heimlichen Fotografieren erwischt wurde, gleich zu einer Massenschlägerei - erst unter den Frauen, dann auch im Festsaal der Männer.

In Hail, einer Stadt im Norden des Landes, hat man jetzt eiligst den Beruf der Handy-Inspektorin erfunden. Am Eingang einer Festhalle postiert, haben die neuen Aufpasserinnen die alleinige Aufgabe, die Handys der Frauen auf Fotofunktionen zu kontrollieren. Die saudische Zeitung "Al-Watan" berichtet über große Akzeptanz.

Als Reaktion auf den Schock des Video-Skandals wirkt all das vielleicht ein wenig hilflos - aber der Trend zur Gefahrenabwehr ist nun auch Birgas D. und seinen beiden Helfern zum Verhängnis geworden. Die drei hatten auf eine andere Reaktion gesetzt: dass die Schande das entehrte Mädchen und ihre Familie trifft.

Doch geschockt von der Brutalität des Videos, hat sich die Waage der öffentlichen Meinung in Saudi-Arabien zur Verteidigung der Frau geneigt - gegen die Täter und gegen die Technik. Die Initiative "Eine Million gegen das Laster" will eine Million Hörkassetten verteilen, auf denen ein Prediger das Mobiltelefon verdammt. Und die mutmaßlichen Täter befinden sich mittlerweile in Haft.

Gerüchte kursieren, dass Birgas D. sich freiwillig gestellt habe - um der Rache der Familie des Opfers zu entgehen. Die Verwandten der Täter stehen unter Polizeischutz. Die Stimme des Volkes hat sich entschieden, die Foren im Internet sind voll davon. Manche Kommentare sind geschmückt mit Schwertern, und sie drehen sich langsam, wartend, um die eigene Klinge. Man will ihren Kopf. Den der Männer - diesmal.



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