Saudi-Arabien Der Teufel wohnt im Handy

Ein Verbrechen gegen eine Siebzehnjährige hat Saudi-Arabien erschüttert. Fassungslos sehen die Saudis, wie Szenen sexueller Gewalt, aufgezeichnet mit einem Video-Handy, im Internet die Runde machen. Ein Land fragt sich, ob Hightech-Telefone seine Traditionen aushöhlen.

Von Michael Heim



(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 31.08.2004)


Dämon aus dem Telefon: "Wisst ihr, was eure Töchter hinter eurem Rücken treiben?"

Dämon aus dem Telefon: "Wisst ihr, was eure Töchter hinter eurem Rücken treiben?"

Der junge Saudi schrieb nicht unter seinem richtigen Namen, und er tippte die Neuigkeit ziemlich aufgeregt ins Internetforum - Rubrik "heiße News", die Schmuddelecke. Er hatte das Foto einer jungen Frau entdeckt, heimlich gemacht mit einer im Handy eingebauten Kamera. Die anderen Forumsteilnehmer waren beeindruckt: Das Bild zeigte eine junge saudische Krankenschwester mit schönen Augen. Viel mehr sah man nicht. Denn sie war verschleiert.

All das war so harmlos, scheinbar - aber die Zeiten sind jetzt vorbei. Denn auf einmal sehen die Saudis ganz andere Bilder. In dem Land, auf dessen Straßen sich Frauen nur komplett verschleiert zeigen dürfen, ist ein Video aufgetaucht: wieder mit einem Handy aufgenommen, und wieder zeigt es eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Aber diesmal trägt sie keinen Schleier. Sie liegt in einem fast leeren Zimmer auf einem Teppich, in Riad, die Beleuchtung ist grell. Und sie wird vergewaltigt.

Es gehört einiges dazu, um in Saudi-Arabien den Terrorismus und al-Qaida als Topthema zu verdrängen. Doch die Szenen des Videos haben das erzkonservative muslimische Land getroffen wie ein Schlag. Die Saudis schauen mit Entsetzen auf ein Verbrechen, mit dem sich die Täter auf bisher unbekannte Weise brüsteten. Und viele fragen sich, was mit ihrer Gesellschaft passiert ist, und ob Hightech und Verrohung vielleicht zwei Seiten derselben Medaille sind.

Die ersten Anzeichen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, gab es in den saudischen Diskussionsforen im Internet - wie immer. Denn in Saudi-Arabien, wo die offizielle Presse an der kurzen Leine gehalten wird, erscheinen heikle Themen in der sicheren Anonymität des Webs. Hier werden alle Informationen umgeschlagen, auch die unerwünschten, und heftig diskutiert - in oft seitenlangen Beiträgen. Im Internet zeigen sich die Saudis als ein Volk von Vielschreibern.

Frauen in Saudi Arabien: Nur wenn sie unter sich sind, fallen die schwarzen Hüllen
AP

Frauen in Saudi Arabien: Nur wenn sie unter sich sind, fallen die schwarzen Hüllen

Dort war im vergangenen Monat auf einmal die Rede von einem Film. "Als ich heute ins Büro kam", schrieb einer, "saß mein Kollege vor dem Bildschirm und war ziemlich blass. Er sagte mir, wenn ich noch nicht gefrühstückt hätte, dann sollte ich mir das lieber nicht ansehen." Damit begann eine Lawine: der fassungslosen Kommentare, der neu entdeckten Details, der Empörung, der Grundsatzdiskussionen. Und der Neugier. Das Video verbreitete sich rasend - von Handy zu Handy, per E-Mail und über das Internet.

Dem Opfer, eine 17-jährige Schülerin aus angesehener Familie, wurde von dem 22-jährigen Birgas D., der zuvor bei ihr abgeblitzt war, eine kalt berechnete Falle gestellt. Er überredete den Ex-Freund des Mädchens zu einem gemeinsamen Racheakt. Die Männer lockten sie zu einem Treffen; dann ließen die beiden Saudis einen Mann über das Mädchen herfallen, der bei einer der Familien als Fahrer angestellt war.

Die Szene ist an Zynismus und Erniedrigung kaum zu überbieten. Während der Bedienstete das Mädchen vergewaltigt, erläutert ihr Birgas, der im Bild nicht zu sehen ist, mit ruhiger, kalter Stimme, was für ein Dreck sie sei. Die per Handy-Cam festgehaltenen Videosequenzen verschickten die Männer dann - mit dem Ziel, die Bilder möglichst weit zu verbreiten.

Die Täter achteten sehr darauf, dass das Gesicht ihres Opfers auf dem Video gut wiederzuerkennen ist. Dass auch der Name von Birgas D. fällt, hat ihn nicht davon abgehalten, den Film zu verbreiten. Die beiden Saudis in dem Täter-Trio stammen aus einflussreichen Familien. Offenbar rechneten sie damit, dass sie das vor Verfolgung schützen würde.

Lesen Sie im zweiten Teil:



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