Gedenkfeier in Buchenwald Das Erlebnis des Todes

Vor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager Buchenwald von der US-Armee befreit. Mehr als 500 ehemalige Häftlinge aus ganz Europa kamen heute zur Gedenkfeier auf den Ettersberg bei Weimar, manche wohl zum letzten Mal. Bald werde es keine unmittelbare Erinnerung mehr geben, mahnte der Schriftsteller Jorge Semprun.

Von , Weimar



(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 10.04.2005)


Weimar - Wie lässt sich erinnern, was man nicht erlebt hat? Was einem niemand erzählen kann, der dabei war? Etwas, dass sich vorzustellen, zu begreifen fast unmöglich ist. Vor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar befreit, der Stadt von Goethe und Schiller, wo Kultur und Barbarei so eng beieinander lagen. Und zum wahrscheinlich letzten Mal kamen ehemalige Häftlinge aus ganz Europa, mehr als 500, an den Ort zurück, der ihr Schicksal, ein von Menschenhand geplantes und auferlegtes Schicksal ist. Es war der letzte "runde" Gedenktag, an dem die, das KZ Buchenwald erleben mussten, teilnehmen konnten.

Zeichen des Erinnerns: 60 Jahre Befreiung Buchenwald
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Zeichen des Erinnerns: 60 Jahre Befreiung Buchenwald

In zehn Jahren werden die meisten Zeitzeugen gestorben sein. "Es wird keine unmittelbare Erinnerung mehr geben, kein direktes Zeugnis, kein lebendiges Gedächtnis: Das Erlebnis jenes Todes wird zu Ende gegangen sein", sagte der spanische Schriftsteller Jorge Semprún, ehemaliger Häftling Nummer 44904, bei der Zentralen Gedenkfeier im Deutschen Nationaltheater von Weimar. Niemand werde mehr in seinem sensitiven Gedächtnis den Geruch aus den Verbennungsöfen des Krematoriums haben, den Geruch, "der ohne Zweifel das ganz Spezifische, das Einzigartige der Erinnerung an die Vernichtungslager ausmacht."

Welche Emotionen mit der Erinnerung an die Lager verbunden sind, machten die vereinzelten lauten Proteste anderer ehemaliger Häftlinge deutlich. "Es gibt die Kinder!" riefen sie Semprún zu. Der 81-Jährige hatte die Kinder nicht vergessen. In Buchenwald gab es kaum Kinder. Buchenwald war vor allem das Lager der politischen Widerstandskämpfer. Aber es gab Kinder in den Lagern, die zur Vernichtung der Juden in ganz Europa bestimmt waren, in Auschwitz oder Birkenau.

"Das jüdische Gedächtnis an die Lager wird langlebiger, wird sehr viel dauerhafter sein", stellte Semprún fest. Gerade deswegen falle auf das jüdische Gedächtnis der Zukunft eine große Verantwortung. Es werde zum Bewahrer und Verwalter der Erfahrungen aller, nicht nur der jüdischen. Aber auch Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden rief die Nachfolge-Generationen schon jetzt dazu auf, den "Staffelstab der Erinnerung" zu übernehmen. "Prägen Sie sich den Namen eines einzigen Opfers ein und übernehmen Sie damit eine Art ideeller Patenschaft des Gedenkens."

Als freier Mensch auf dem Ettersberg

Später, auf dem Ettersberg, einige Kilometer außerhalb Weimars, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, wird die Idee dieser Patenschaft umgesetzt. Zahlreiche jugendliche Betreuer begleiteten die ehemaligen Häftlinge, viele von ihnen mit den unterschiedlichen KZ-Winkeln und ihrer Häftlingsnummer am Revers, durch das schmiedeeiserne Tor mit dem zynischen "Jedem das Seine"-Auspruch auf den einstigen Appellplatz. Dorthin, wo die Deportierten seinerzeit jeden Morgen und Abend zum Durchzählen antreten mussten. Einige wagten diesen Schritt zum ersten Mal. "Es ist ein gutes Gefühl, als freier Mensch hier zu stehen", sagte ein 86-Jähriger, nachdem er einem Veteranen der 3. US-Armee, die am 11. April 1945 Buchenwald erreichte und befreite, die Hand geschüttelt hatte.

Mythos der Selbstbefreiung von der DDR gepflegt

"Kameraden, wir haben das Lager in unserer Hand." Die Erlösung schallte damals am frühen Nachmittag durch die Lautsprecher, über die sonst die SS ihre Befehle über den Ettersberg brüllte. Während die ersten Panzer der Amerikaner unter General George Smith Patton auf den Appellplatz rollten, besetzten Häftlinge des Lagerwiderstandes den Hauptturm, von dem aus das ganze Lager zu überblicken war. 21.000 Häftlinge waren frei.

Wenige Tage zuvor wurden im Stammlager noch fast 50.000 festgehalten. Angesichts der nahenden alliierten Truppen begann die SS jedoch, das Lager zu räumen. Die Kommandantur schickte 28.000 Menschen auf den Weg in die Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg oder das Ghetto Theresienstadt, mit dem Zug oder zu Fuß. Niemand weiß, wie viele genau auf den Todesmärschen an Hunger und Erschöpfung starben oder erschossen wurden. Auf jeden Fall mehr als 10.000. Zahlen, eigentlich zu unerträglich, zu unvorstellbar, um sie statistisch festzuhalten. Insgesamt rund eine Viertelmillion Menschen aus ganz Europa waren von Juli 1937 bis zu den Tagen im April 1945 in Buchenwald inhaftiert. Etwa 56.000 überlebten das Lager nicht.

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Fotostrecke: Gedenken in Buchenwald - letztes Treffen der Opfer?

Und nun, 60 Jahre danach, die Erinnerung. Eine Erinnerung, die ein wenig freier geworden zu sein scheint. Vor zehn Jahren, am 50. Jahrestag der Befreiung, da war es noch ein Erinnerungskampf, der da, deutlich sicht- und hörbar, bei der offiziellen Gedenkveranstaltung ausgetragen wurde. Befreiung oder Selbstbefreiung? Über Jahrzehnte hatte die DDR-Führung die Rolle des kommunistischen Widerstands innerhalb des Lagers zum ihrem antifaschistischen Gründungsmythos überhöht, die Legende von der Selbstbefreiung gepflegt.

Es gab die interne Widerstandsbewegung, das illegale Lagerkomitee, das die SS-Befehlsstrukturen zunehmend unterwanderte. Es gab die 300 "roten Kapos", die kommunistische Häftlingsprominenz, die in der Lagerselbstverwaltung ihre Rolle spielte, die zwar das Lagerleben berechenbarer machte, aber auch von ihrer Position profitierte, zum Nachteil andrer Internierter. Einen Aufstand gab es nicht. Als die amerikanischen Panzer schon zu hören waren, an jenem 11. April 1945, suchte die SS das Weite. Die Wachsoldaten und die Posten auf den Türmen waren in die Wälder geflohen, da konnten die mittlerweile bewaffneten Mitglieder des Lagerwiderstandes die Kontrolle übernehmen.

Im August 1945 wurde das Lager an die sowjetische Militäradministration übergeben, aus dem Konzentrationslager Buchenwald wurde das "Speziallager 2", ein Internierungslager für Nazi- und Kriegsverbrecher. Bis zu seiner Auflösung wurden dort fast 30.000 Menschen interniert, mehr als 7.000 Menschen kamen ums Leben.

Das Geschichtsbild hat seine nötigen Korrekturen erfahren. Auch wenn sie nicht von jedermann akzeptiert werden: Man gedenkt der Befreiung des Lagers in zwei Lagern, mittlerweile allerdings ohne sich gegenseitig der historischen Fehlinterpretation zu bezichtigen, zumindest nicht lautstark. Auf der Gedenkstätte wehten auch heute die roten Fahnen der Kommunisten, während am Gedenkstein für alle Häftlinge des Konzentrationslagers Kränze und Blumen niedergelegt wurden. Jene, die im 11. April 1945, immer noch nur den Tag der Selbstbefreiung sehen, versammelten sich später an der Mitte der fünfziger Jahre errichteten "Nationalen Mahn- und Gedenkstätte" an der Südseite des Ettersbergs, dort, wo der "scheußliche Glockenturm" steht, wie ihn Jorge Semprún in seinem Roman "Was für ein schöner Sonntag" nannte, wo Fritz Cremers überdimensionierte Figurenplastik den kommunistischen Heldenmut monumentalisiert - und kommunistische Dissidenten denunziert.

Einige Stunden zuvor hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Feierstunde im Nationaltheater den Spagat gewagt und eine "Befreiung von außen" und, das dürfe nicht vergessen werden, eine "zugleich eine Befreiung von innen" gewürdigt. Jorge Semprún hatte schon vor zehn Jahren, beim Gedenken am 50. Jahrestag der Befreiung, konstatiert, dass man sich nicht mit der Rolle als Opfer oder Held zufrieden geben dürfe. "Man weiß ja", hatte der ehemalige spanische Kulturminister gesagt, "dass beide den kritischen Blick vermeiden, die selbstkritische Gewissensprüfung ablehnen."

Ziel müsse immer sein, das historische Gedächtnis an die junge Generation zu übermitteln. Auf dem Appellplatz übergab jetzt das Internationale Buchenwald-Komitee symbolisch das Vermächtnis der Überlebenden von Buchenwald an die Nachgeborenen. Steffen Trostorff, Enkel des einstigen Häftlings Klaus Trostorff, bekräftigte den Schwur, stets für die Freiheit der Menschen einzutreten, jenen Schwur, den die Buchenwald-Deportierten wenige Tage nach ihrer Befreiung ablegten.



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