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Giorgio Basile: Die Lebensbeichte eines Mafiakillers

Von Andreas Ulrich

Sie nannten ihn "das Engelsgesicht": Der Mafia-Killer Giorgio Basile, Gastarbeitersohn aus dem Ruhrgebiet, soll rund 30 Menschen getötet haben. Seit deutsche Fahnder ihn fassten, packt er aus - und hat damit schon viele Mafiosi vor Gericht gebracht.


(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 12.09.2005)


Es regnete Bindfäden an diesem kalten Novemberabend in Holland. Drei Männer gingen an der Landstraße bei Arcen entlang. Sie redeten kaum. Eine Straßenlaterne schickte trübes Licht in die feuchte Dunkelheit. Nur selten erhellten Lichtkegel vorbeifahrender Autos die Nacht.

"Mimmo, da sind Schafe. Siehst du einen Hirten?", fragte der kleinste der drei Männer den anderen, der vor ihm ging.

"Da ist kein Hirte", antwortete der.

Mafia-Killer Basile: "Du kannst endlich das Leben führen, für das du geboren bist"
DER SPIEGEL

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"Gut!", sagte der Kleinere. Dann zog er eine Pistole und schoss dem Vordermann aus kurzer Entfernung in den Hinterkopf. Der fiel um, war aber noch nicht tot und rief: "Nein, tu es nicht!" Der Schütze setzte den Lauf der Waffe an die Stirn seines Opfers und drückte noch einmal ab.

"Hilf mir", befahl er dem dritten Mann. Sie rollten den Toten einen Abhang hinunter zu einem Entwässerungsgraben, dort schoss der Mörder seinem Opfer noch zwei Kugeln in den Kopf, zur Sicherheit.

Der Täter heißt Giorgio Basile, geboren 1960 in der Kleinstadt Corigliano Calabro, Italien, aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr. Er war ein Profi-Killer der 'Ndrangheta, der kalabrischen Variante der Mafia. Ein halbes Jahr nach diesem Mord wurde er auf dem Bahnhof von Kempten im Allgäu festgenommen.

Basiles Verhaftung 1998 war einer der spektakulärsten Schläge gegen die italienische Mafia. Denn einem zähen bayerischen Polizisten gelang es mit Drohungen und Angeboten, den Mafia-Killer weich zu kochen, bis er die Omertà brach, das Schweigegelübde der ehrenwerten Gesellschaft. Basile fing an zu reden, und bis heute munitioniert er die Ankläger immer wieder. Er ist einer der wichtigsten Kronzeugen gegen die Mafia. Dafür versteckt und schützt ihn die italienische Polizei, damit er noch möglichst lange am Leben bleibt.

Dem SPIEGEL erzählte der Mann, der in seiner Organisation den Spitznamen "das Engelsgesicht" trug, seine Lebensgeschichte: Basile, Sohn italienischer Gastarbeiter, wurde nach seiner Jugend im Ruhrgebiet Mitglied des Carelli-Clans aus Kalabrien, der in Deutschland zahlreiche Stützpunkte hat - in Berlin, Frankfurt am Main, Offenbach, Mülheim, Essen, Gelsenkirchen, Wuppertal, Heidenheim, Schwalbach, Nürnberg, Kempten, Garmisch-Partenkirchen und München. Das Geschäft der Mafiosi: Drogen- und Waffenhandel, Autoschieberei, Geldwäsche. "90 Prozent aller italienischen Gastwirte und Geschäftsleute zahlen Schutzgeld", sagt Basile den Ermittlern.

Das Bundeskriminalamt mag sich wegen noch immer laufender Ermittlungen nicht zu dem Fall äußern. In Mafia-Clans einzudringen ist ein langwieriges Geschäft, die Omertà steht wie eine Mauer, wer redet, muss sterben. Giorgio Basile steht ganz oben auf der Todesliste der 'Ndrangheta.

Fahnder nördlich und südlich der Alpen glauben, dass Basile im Lauf seiner Karriere an der Ermordung von rund 30 Männern beteiligt war. Die italienische Justiz hat ihn für vier Morde angeklagt und in das Kronzeugenprogramm aufgenommen. Über die anderen Taten wurde der Mantel des Schweigens gelegt.

Wie wird aus einem Mülheimer Gastarbeiterkind ein für seine kalte Sachlichkeit berüchtigter Killer? Was muss geschehen, damit alle Skrupel fallen, einen Menschen zu töten? Und was bewegt einen Mörder schließlich, mit seinen Komplizen zu brechen und mit der Polizei zusammenzuarbeiten? Die Lebensgeschichte des Giorgio Basile gibt bislang unbekannte Einblicke in das Innere der archaischen Verbrecherorganisation.

Giorgio Basile kommt im Alter von einem Jahr nach Deutschland. Sein Vater hat im Ruhrgebiet Arbeit gefunden, und so zieht die Familie aus dem malerischen, aber armen Corigliano Calabro im Süden Italiens in das Land der rauchenden Schlote, in eine Barackensiedlung an der Friedhofstraße in Mülheim.

Doch das Leben ist nicht gut dort, die Eltern streiten sich ständig, die Kinder werden selten satt. 1966 beginnt die Mutter ein Verhältnis mit einem Mann in der Heimat: Antonio De Cicco. Als der Vater dahinterkommt, trennen sich die Eltern. De Cicco kümmert sich um die Frau und die Kinder.

Er ist das Gegenteil des Vaters, ein kräftiger Mann mit einem mächtigen, schwarzen Schnurrbart. Er trägt elegante Anzüge, ein stets offenes Hemd und eine schwere Goldkette auf der behaarten Brust. Ganz Corigliano fürchtet diesen Mann, den örtlichen Boss der 'Ndrangheta.

Dem kleinen Giorgio vermittelt De Cicco alles: Liebe, Wohlstand, Respekt. Es gibt jetzt regelmäßig etwas zu essen, Giorgio trägt feine Hosen und sogar Strümpfe. Als seine Mutter aber 1968 von De Cicco schwanger wird, zwingen ihre Verwandten sie, nach Deutschland zurückzugehen. Sie wollen die Schande im Städtchen mit den strengen katholischen Werten nicht ertragen, und dagegen kann selbst De Cicco nichts machen. Gerade Mafiosi müssen sich an die Regeln halten, und die Familienehre gilt als höchstes Gut.

Giorgio besucht nun die Schule an der Mülheimer Bruchstraße. Die Lehrerin mag den kleinen Italiener mit den schwarzen Locken, aber seine Leistungen lassen zu wünschen übrig. Mit Mühe beendet er die sechste Klasse und findet eine Lehrstelle als Schlosser in der Drahtseilerei Kocks.

Völlig unerwartet taucht im Spätsommer 1979 De Cicco in Mülheim auf. "Komm zurück nach Italien. Du kannst für mich arbeiten", sagt der Mafioso dem Teenager. Er spricht vom Meer und vom guten Essen, von schönen Mädchen und schnellen Autos: "Du kannst endlich das Leben führen, für das du geboren bist." Das klingt viel verlockender als die Tristesse in Mülheim. Giorgio sagt zu und reist nach Corigliano, erst mal nur für ein paar Wochen.

De Cicco setzt ihn als Fahrer ein. Die beiden kutschieren tagsüber nun immer ganz entspannt durch die Gegend. De Cicco redet nicht viel, aber Giorgio Basile bekommt mit, dass er Firmen und Geschäfte besucht - und stets mit Briefumschlägen voller Geld wieder herauskommt. Und überall stellt De Cicco Giorgio als seinen Neffen vor: "Behandelt ihn gut!", sagt er dann. Nie muss der 19-Jährige bezahlen, wenn er in einem Restaurant isst oder in einem Geschäft ein Kleid für eine Freundin vom Haken nimmt. Wildfremde Männer spendieren ihm Drinks oder was immer er haben will. Auf der Straße nicken sie ihm unterwürfig zu. Giorgio genießt das.

Eines Tages fragt er De Cicco: "Ist es wahr, was man so sagt? Gehörst du zur ehrenwerten Gesellschaft?" Die ehrenwerte Gesellschaft - das ist die 'Ndrangheta. "Das ist wahr, ich bin ein respektierter Mann", antwortet De Cicco. Giorgio ist beeindruckt.

Mit einer gewaltigen Detonation fliegt die Stahltür des Gefängnisses aus den Angeln.

Dennoch fährt er bald danach zurück nach Mülheim. Er hat nicht den Mut, seinem Vater zu erklären, dass er für die Mafia arbeiten will - und auch noch für jenen Mann, der dem Vater die Frau ausspannte.

Anfang 1980 meldet sich ein Mafioso namens Finuzzu bei Giorgio. "Wir brauchen deine Hilfe", sagt er. Ein Clan-Mitglied, Arcangelo Maglio, sitzt in Wuppertal wegen Schutzgelderpressung in Untersuchungshaft. Ein Kommando aus Italien soll ihn befreien, und der ortskundige Giorgio müsse den Fluchtwagen dirigieren. Giorgio ist stolz, den Männern helfen zu können.

An einem Sonntagmorgen im April singen die Gefangenen in der Kapelle der Haftanstalt Bendahl gerade "Er weckt mich alle Morgen", als mit einer gewaltigen Detonation eine Stahltür an der Westseite aus den Angeln fliegt. Die Italiener haben Dynamit benutzt.

Häftlinge und Wärter werfen sich vor Schreck auf den Boden, Arcangelo Maglio sprintet durch Staub und Pulverqualm zu dem blauen Alfa Romeo, der mit laufendem Motor bereitsteht. Giorgio wartet in seinem Auto davor und gibt Gas. Die bis dahin spektakulärste Gefangenenbefreiung aus einem deutschen Gefängnis gelingt. Giorgio hat seine Bewährungsprobe bestanden.

In Italien stellt De Cicco ihn wenig später dem damaligen Boss vor. "Wir brauchen gute Jungs in unseren Reihen", sagt der und küsst Giorgio auf die Wangen. Giorgio platzt beinahe vor Stolz. Als Kind haben sie immer über ihn gelacht im Ort. Und nun spricht er mit den höchsten Ehrenmännern seiner Heimat.

Finuzzu, ein runder Mann mit wachen Augen und Schiebermütze, bringt Giorgio in Italien jetzt das Schießen bei - das Handwerkszeug des Mafioso. Auf einem abgelegenen Grundstück am Meer trainiert er ihn mit Pistolen, Revolvern, Gewehren. Giorgio lernt, wie man tötet. "Du musst die Waffe von unten nach oben führen, so kannst du besser visieren und abdrücken", sagt Finuzzu - der später von einem Killer genauso erschossen werden soll, wie er es Giorgio Basile nun beibringt.

Schnell sehen De Ciccos Männer, dass Giorgio ein Talent ist. Er schießt gut, und er zeigt offenbar überhaupt keine Nerven. Ihm fehlt jener Draht zur Wirklichkeit, der normale Menschen Angst spüren lässt.

Und nun lernt Giorgio Basile auch, wie einfach das Geschäft der 'Ndrangheta funktioniert: Eines Abends wird ein wichtiges Treffen anberaumt. Die Männer sitzen in einem Restaurant - die wichtigen Mafiosi aus Corigliano und dazu einige Stadträte. Sie reden über Aufträge für eine Baufirma, die dem Clan gehört.

"Meine Waffe drückt mich so beim Sitzen", sagt einer der Clan-Männer, "hat jemand was dagegen, wenn ich sie auf den Tisch lege?" Die Augen der Politiker weiten sich. Dann legen auch die anderen Mafiosi ihre Waffen auf den Tisch. Und natürlich erhält die Firma den Auftrag.

Die Männer nehmen den blutig geschlagenen Körper und werfen ihn in den Trog zu den Schweinen.

Was passieren kann, wenn man sich mit der 'Ndrangheta anlegt, erfährt Giorgio einige Wochen später. Wieder ist ein Treffen anberaumt, diesmal unten am Fluss Coriglianeto, auf De Ciccos Grundstück. Es ist Abend, ein milder Wind weht über das Land und bringt angenehme Kühle. Der Tisch unter Olivenbäumen ist reichlich gedeckt. Es gibt Fleisch, Brot, Oliven und Wein. "Merk dir genau, was du sehen wirst", sagt De Cicco zu Giorgio.

Es beginnt wie immer. Zunächst reden die Männer über das Wetter und die Weinernte - bis sie plötzlich über einen in der Runde herfallen. Als der Mann ohnmächtig ist, fast tot schon, schleppen sie ihn zum Schweinestall. Dort quiekt gierig eine Rotte, die seit Tagen nichts zu fressen bekommen hat. Die Männer nehmen den blutig geschlagenen Körper und werfen ihn in den Trog. Wie wild stürzen sich die Schweine auf den Ohnmächtigen.

Die Männer lachen herzhaft, während die Schweine ihre Kiefer in das Menschenfleisch graben. In kurzer Zeit ist von dem armen Teufel kaum noch etwas übrig.

Allmählich kehren die Mafiosi an den Tisch zurück und essen ungerührt weiter. Giorgio schaut zu. Und lernt. "Das passiert mit Leuten, die einen Fehler machen", sagt De Cicco zu ihm.

Giorgio ist beeindruckt, fasziniert von der archaischen Macht. Seine Vorstellungen von Recht und Ehre beruhen bald allein auf den Gesetzen der Mafia. Nach den Regeln der 'Ndrangheta ist etwa Schutzgeld zu zahlen, und wer nicht zahlt, muss halt büßen. Aber getötet wird nur, wer gegen die Regeln verstößt. Damals glaubt Giorgio so etwas noch. Er will jetzt mehr wissen, mehr tun.

Doch De Cicco will noch nicht, dass Giorgio richtiges Mitglied der Mafia wird. Er ist zu jung. Und er ist der Sohn jener Frau, die De Cicco liebt. Aus den heiklen Geschäften und der Schmutzarbeit hält er ihn also konsequent raus. Enttäuscht reist Giorgio ab, zurück nach Mülheim.

An der Hingbergstraße eröffnet er Ende 1982 eine Pizzeria, im Januar 1984 pachtet er von dem Unternehmer Rudolf Möhlenbeck eine Discothek, er nennt sie "Flair". Giorgio will in Mülheim nun seinen eigenen Clan gründen, die Disco soll sein Hauptquartier werden. Giorgio ist jetzt 22 Jahre alt. Er ist kleiner als die meisten seiner Freunde, trägt die Haare halblang, dazu einen Oberlippenbart. Er spricht besser Deutsch als Italienisch, mit dem eindeutigen Akzent des Ruhrgebiets.

Er macht krumme Geschäfte, Versicherungsbetrug zum Beispiel, und gerät allmählich ins Visier der Mülheimer Kripo. In seiner Disco tummelt sich bald die halbe Mülheimer Unterwelt, darunter ein deutscher Boxmeister, ein ehemaliger Bankräuber, Zuhälter und leichte Mädchen. Als es im "Flair" zu einer Schießerei kommt, sorgt die Polizei dafür, dass Giorgio die Konzession verliert. Möhlenbeck kündigt den Pachtvertrag.

Giorgio sieht sich am Abgrund. All seine Träume stehen vor dem Aus. Und auf keinen Fall will er vor De Cicco das Gesicht verlieren. Sein Plan: Möhlenbeck soll eine Lektion erhalten, auf dass er den Pachtvertrag verlängert.

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