Justiz: Die verlorene Würde der Terri S.

Von Beate Lakotta

Das hässliche Familiendrama um eine US-amerikanische Wachkomapatientin wird zum Lehrstück über Leben und Sterben in den Zeiten der hochtechnisierten Medizin.

Es war ihr zur Schau gestelltes Ende, das in aller Welt Debatten über Sterberecht und Sterbehilfe auslöste.

Plötzlich redeten Menschen beim Abendbrot darüber, was es für sie selbst bedeutete, lebendig oder tot zu sein. In den USA warf der "Fall Schiavo" Fragen nach der moralischen Verfassung der Nation auf: Wie stark darf eine Regierung in die Justiz der Bundesstaaten und in die Rechte des Einzelnen eingreifen? Welche Rolle soll die Religion in Politik und Rechtssystem spielen?

Komapatientin Schiavo, Mutter (Videoaufnahme)
DPA

Komapatientin Schiavo, Mutter (Videoaufnahme)

Am 31. März 2005 stirbt Theresa Marie Schiavo, genannt Terri - 13 Tage nachdem auf richterliche Anordnung die Magensonde entfernt worden war, die die Wachkomapatientin am Leben erhalten hatte. Auf ihrem Grabstein heißt es, der Tag, an dem sie "diese Welt verließ", sei der 25. Februar 1990 gewesen. An diesem Tag bricht die damals 26-Jährige zusammen, ihr Herz hört für kurze Zeit auf zu schlagen, ihr Gehirn bekommt zu wenig Sauerstoff. "Dauerhaft vegetativer Zustand", lautet die Diagnose; sie wird nie wieder zu Bewusstsein kommen. Ihr Körper lebt weiter: 15 Jahre und 34 Tage lang.

Über sieben Jahre stritten ihr Mann Michael und ihre Eltern deswegen vor Gericht. Bob und Mary Schindler akzeptierten die katastrophale Diagnose nie. Sie wollten ihre Tochter nicht verlieren. Michael Schiavo, gesetzlicher Betreuer seiner Frau, sagte, Terri hätte niemals so dahinvegetieren wollen. Er müsse ihren Wunsch erfüllen und sie in Würde sterben lassen. Über 30 Gerichtsentscheide gaben ihm recht.

In Hunderten ähnlicher Fälle ordnen Richter in den USA jährlich den Behandlungsabbruch an. Wenn ein Mensch - wie Terri Schiavo - keine entsprechende Verfügung hinterlassen hat, muss das Gericht dafür zur Überzeugung kommen, dass es der Wille des Patienten gewesen wäre zu sterben. So besagt es das Gesetz der meisten US-Bundesstaaten (und vieler anderer Länder). Niemals hatte es deswegen Entrüstungsstürme gegeben. Das einzig Besondere am Fall der jungen Frau aus katholischem Elternhaus ist der von Verzweiflung und Anschuldigungen vergiftete Streit zwischen ihren Angehörigen.

Anfangs versteht sich Michael Schiavo noch bestens mit seinen Schwiegereltern. Er lernt Krankenpfleger, um seine Collegeliebe besser versorgen zu können. Keine Therapie bleibt unversucht. Doch nach drei Jahren glaubt der Ehemann, was verschiedene Experten ihm immer wieder bestätigen: Es ist aussichtslos.

Ärzte, hinzugezogen von den Eltern, behaupten jedoch, Terris Zustand könne sich verbessern, durch Therapien, für deren Wirksamkeit es bislang allerdings keinen Nachweis gibt. Die Schindlers beschuldigen Michael, der mittlerweile mit einer anderen Frau zusammenlebt und zwei Kinder hat, er sei nur hinter den 750.000 Dollar her, die Terri in einem Kunstfehlerprozess zugesprochen wurden. Wegen Ehebruchs wollen sie ihm Terris Betreuung entziehen lassen - ohne Erfolg.

Vielleicht wäre die Geschichte hier zu Ende gewesen, hätte es nicht dieses Video gegeben: Ein wenige Sekunden kurzer Ausschnitt aus einem sehr langen Band zeigt, wie Terri scheinbar ihre Mutter anlächelt und mit den Augen der Bewegung eines Luftballons folgt. Mit dem Fall befasste Neurologen sagen, es handle sich um zufällige Reflexe, doch TV-Stationen senden die irreführenden Szenen, zum Teil als Endlosschleife, im Nachmittagsprogramm.

Die Frau, die sich nicht wehren kann, wird von der religiösen Rechten als Märtyrerin vereinnahmt, im Streit gegen eine gottlose Justiz, die die Ermordung Unschuldiger billigt. Spenden werden in ihrem Namen gesammelt. Die Wortführer der radikalen "Recht auf Leben"-Bewegung scharen sich um die weinenden Eltern und erklären den Kampf der Familie Schindler zum Symbol ihres heiligen Krieges gegen "alles, was falsch läuft in diesem Land": Abtreibung, sexuelle Aufklärung, Stammzellforschung und Homo-Ehe. Eine Anti-Abtreibungs-Liga übernimmt 300.000 Dollar Gerichtskosten für Terris Eltern.

Beim Kreuzzug der Moralisten bleibt die Würde der Theresa Marie Schiavo auf der Strecke: Aus dem Krankenzimmer geschmuggelte Fotos geben den Blick frei auf den offen stehenden Mund der Kranken, auf ihr wirres Haar, das hochgerutschte Nachthemd und die Sonde, die in ihren Bauchnabel führt. Die private Tragödie dieser jungen Frau, die einmal über 120 Kilo gewogen und sich auf die Hälfte heruntergehungert hatte, die immer scheu und unsicher wegen ihres Äußeren war, wird von den Medien ausgeschlachtet und von politischen Akteuren missbraucht.

Republikanische Kongressabgeordnete mischen sich in das Familiendrama ein. Jeb Bush, der Gouverneur von Florida, hatte mit "Terri's Law" 2003 die zweite richterliche Anordnung zur Entfernung der Magensonde außer Kraft gesetzt. Nun unterbricht sein Bruder, der US-Präsident, seinen Urlaub, um mitten in der Nacht ein Sondergesetz zu unterzeichnen. Es erzwingt eine Anhörung der Familie Schindler vor einem Bundesgericht. Doch der zuständige Richter weist ihr Anliegen ab. Der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson, eine Ikone der Linken, posiert mit Terris Mutter im Arm vor den Kameras. Der Vatikan verurteilt den Behandlungsabbruch als Mord. Von moderner Kreuzigung und Folter ist die Rede.

Aktivisten beten nun Tag und Nacht vor dem Hospiz in Pinella's Park für Terris Rettung. Bob Schindler berichtet nach einem Besuch am Sterbebett, Terri leide und kämpfe um ihr Leben: "Sie versuchte zu sprechen, die Worte 'Ich will leben' zu formulieren." Angehörige der Familie Schiavo widersprechen: Terri gleite friedlich aus dem Leben.

Nichts mehr zu essen oder zu trinken gehört seit jeher zu den Begleiterscheinungen des natürlichen menschlichen Sterbeprozesses. Der Flüssigkeitsverlust führt zum Versagen von Niere oder Herz. Mediziner beschreiben diesen Tod als "allmähliches Hinüberdämmern". Doch auch seriöse Medien prangern tagelang das "menschenunwürdige, qualvolle Sterben durch Verhungern und Verdursten" an.

Michael Schiavo wird als Mörder beschimpft. Er bekommt Polizeischutz. Schindlers behaupten jetzt, er habe Terri vor ihrem Kollaps gewürgt und geschlagen. Ein Mann wird verhaftet, weil er verbreitet, es seien 250.000 Dollar für Michaels Ermordung ausgesetzt. Es gibt Bombendrohungen für den Fall, dass Terri sterben würde.

Als die Nachricht von ihrem Tod um kurz nach zehn Uhr morgens unter den Demonstranten vor dem Hospiz die Runde macht, stimmen einige "Amazing Grace" an, die Hymne des christlichen Amerika. Einer malt ein Plakat: "Schlacht verloren, Krieg nicht vorbei".

Im Juni liegt der Autopsiebericht vor. Er bestätigt, was Computertomografien seit Jahren zeigten: Terris Schädel war zu großen Teilen von Rückenmarksflüssigkeit ausgefüllt. Ihr Gehirn wog nur 615 Gramm und war etwa halb so groß, wie es von einem menschlichen Gehirn zu erwarten wäre. Sie war die ganze Zeit über völlig blind gewesen. Alle Nervenstrukturen, mit denen sie irgendetwas hätte wahrnehmen können, auch Schmerz oder Hunger, waren abgestorben. Als Todesursache stellte die Gerichtsmedizin Austrocknung fest. Es gab keinerlei Anzeichen für frühere Misshandlungen.

Von Terris Geld sind noch 50.000 Dollar übrig. Es sieht so aus, als sei alles für sie ausgegeben worden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit

© Jahres-Chronik 1/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite