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Stammzellforschung: Absturz von den Sternen

Von Marco Evers

Der Südkoreaner Hwang Woo Suk war der Liebling seiner Nation, verehrt wie ein Popstar. Doch dann entpuppte er sich als dreister Fälscher – was ihm seine glühenden Fans gern verziehen.

Muss man es einem Menschen verübeln, wenn er lügt, fälscht und betrügt, Karrieren und Ansehen zerstört, Geld und Hoffnungen veruntreut?

Fälscher Hwang
REUTERS

Fälscher Hwang

In weiten Teilen der Welt fiele das Urteil eindeutig aus, anders jedoch in Südkorea, der mitunter seltsamen Heimat des Großbetrügers der Wissenschaft, Hwang Woo Suk, 53. Früher war er der berühmteste Professor des Landes, der Superstar der Stammzellforscher, König der Kloner, Held der Nation und Vorbild aller Kinder. Jetzt ist er von allen Ehren und Weihen enthoben, obendrein Angeklagter und womöglich bald sogar Häftling. Der Forschungsfälscher ist von den Sternen gestürzt – aber er hat den Absturz ziemlich gut überstanden: Für viele ist Hwang trotz allem der Heilsbringer geblieben, ein wenig lädiert vielleicht, aber nicht diskreditiert.

Monatelang sind Tausende für ihn auf die Straße gegangen – die "Gesellschaft der Eizellspenderinnen", die Internet-Gemeinde "I love Hwang Woo Suk", die Querschnittgelähmten und viele Kranke, die sich von seiner Stammzellforschung Heilung versprachen. Jeden Samstag schrien sie sich den Hals wund, dass alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe falsch seien und er weiterarbeiten müsse; einer hat sich sogar mit Farbverdünner überschüttet und angezündet. Als Forscher mag Hwang Woo Suk in aller Welt geächtet sein – aber daheim hat er immer noch Millionen Fans und sogar seinen eigenen Märtyrer.

Für seine Anhänger ist der Fall klar: Hwang ist das Opfer einer Verschwörung, angezettelt von Neidern oder den USA, um ihn und das Volk seiner Biotech-Patente zu bestehlen. Der Mann gehöre nicht auf die Anklagebank, sondern ins Labor, denn dort könne er – und nur er – Großtaten vollbringen, die Südkorea zu Ehre, Ruhm, Reichtum und Macht führen.

Ihr Wunsch ist auf wundersame Weise in Erfüllung gegangen. Hwang forscht wieder. Er hat ein Institut gegründet mit Hilfe von Sympathisanten; und wenn er jetzt nicht gerade bei Gericht wunderliche Geschichten erzählt, dann werkelt er in einem nagelneuen, 500 Quadratmeter großen Labor im Süden von Seoul.

Von menschlichen Eizellen, die ihm die Frauen eine Weile lang geradezu aufdrängten, muss Hwang nun die Finger lassen, denn die Regierung hat ihm die Lizenz dazu entzogen. Sein nächstes Geschenk an die Menschheit sollen vielmehr die Nieren, Lebern und Herzen von Schweinen sein. Hwang will ihr Genmaterial so manipulieren, dass ihre Organe, in Menschen eingepflanzt, keine Abstoßungsreaktionen mehr auslösen.

"Hwang würde auch in einem Zelt forschen", freut sich eine begeisterte Anhängerin. Für sie ist die neue Forschungsstätte die Keimzelle seiner Wiederauferstehung. Realistisch ist das natürlich nicht: Übeltäter wie er sind nach den Gebräuchen der Wissenschaft zu lebenslänglicher akademischer Einzelhaft verdammt. Kein Forscher von Format, der bei Verstand ist, würde seinen Namen noch neben den des (halbwegs) geständigen Fälschers auf ein Stück Papier setzen.

Alle, die je unter Hwang gearbeitet haben, stehen nun unter Generalverdacht. Einer nach dem anderen werden sie durchleuchtet von einem "Komitee für Integrität in der Forschung", das die Seoul National University zur Bewältigung des Hwang-Skandals eingesetzt hat. Das Gremium hat schon in vier Doktorarbeiten Makel gefunden. Die Jungforscher haben fremde Fotos als eigene ausgegeben oder sie sogar gefälscht. Ein Nachwuchskloner war so unverfroren, das Ultraschallbild eines Embryos als das eines Schweins auszugeben. In Wahrheit handelte es sich um einen kleinen Tiger.

Hwang selbst ging kaum anders zu Werk. Er gab sogar bei Untergebenen Fälschungen in Auftrag, mal laut und deutlich, mal eher nonverbal: Einmal sah er mit einem jungen Mitarbeiter zu, wie ausnahmslos alle seine geklonten embryonalen Stammzellen zugrunde gingen. Niedergeschlagen verließ er das Labor.

Am nächsten Morgen kehrte er zurück, und siehe da: In den Petrischalen wimmelte es von gesunden Stammzellen. Hwang ließ sich feiern, dabei hat er genau wissen müssen, dass die Zellen nicht sein Werk sein konnten. Tatsächlich hatte der junge Mitarbeiter herkömmlich hergestellte Stammzellen aus einer Fruchtbarkeitsklinik besorgt.

Hwang war gut darin, sein Umfeld mit Geld und Gaben geschmeidig zu halten. Er versorgte Kollegen mit Aufträgen, spendete an Abgeordnete und ließ Gönner teilhaben an seinem Glanz. Eine Wissenschaftsberaterin des Präsidenten, eigentlich eine Botanikerin, machte er zur Ko-Autorin einer seiner glorreichen Publikationen, obwohl sie daran keinen Anteil hatte. Hwang hat demnach das Kunststück fertiggebracht, nicht nur den Inhalt seiner Arbeiten zu fälschen, sondern auch die Autorenliste.

Doch Forschungsfälschungen sind nicht verboten. Deswegen steht Hwang auch nicht vor Gericht. Schwerer wiegt der Verdacht, dass er sich mit gefälschten Erfolgsmeldungen Forschungsgelder in Millionenhöhe erschlichen hat. Außerdem soll Hwang Geld veruntreut haben, das ihm Privatpersonen gespendet hatten. Das alles könnte reichen für eine mehrjährige Gefängnisstrafe – zum Ärger seiner Unterstützer.

Den Staatsanwalt beschimpfen sie als "Verräter". Auch der Satz "Du verdienst nicht zu essen" ist schon gefallen. Sie haben eine Professorin der Untersuchungskommission verprügelt, die Hwang des Forschungsbetrugs für schuldig befand. Den Journalisten, dessen Recherchen zu Hwangs Niedergang führten, haben sie mitsamt seiner Familie mit dem Tode bedroht. Ganz offenbar leben viele Hwang-Fans lieber mit der Lüge als mit der Wahrheit – und sie sind bereit, die Lüge mit ihrem Blut zu verteidigen.

Nicht einmal Hwangs abstruseste Geschichte bringt diese Fans vom Glauben ab. Die Ermittler haben Konten gefunden, die Hwang unter falschen Namen geführt hat. Damit, so berichtete Hwang vor Gericht, sei aber alles in Ordnung. Er habe nämlich nach Rind, Schwein, Hund und Mensch auch ein Mammut klonen wollen. Um an Zellen eines gefrorenen Mammuts aus dem sibirischen Permafrost heranzukommen, habe er sich auf die russische Mafia einlassen müssen. Das sei nicht billig gewesen, und Quittungen gab’s da auch keine; aus Sicherheitsgründen war er zu konspirativen Finanztechniken geradezu gezwungen. Leider, so erzählte er vor Gericht, habe sich das Eismammut dann im Labor seiner Klonkunst widersetzt.

Was finden so viele Südkoreaner nur an dem Kerl?

Südkorea hat so vieles geschafft. Samsung ist jetzt größer als Sony. Südkorea baut Chips, Handys, LCD-Fernseher und Satelliten, es zählt zu den größten Autoproduzenten der Welt und ist Marktführer beim Schiffbau. Seine Volkswirtschaft ist die elftgrößte auf Erden – nicht schlecht für ein Land, das nach japanischer Besatzung und Korea-Krieg zu großen Teilen zerstört war. Noch vor 50 Jahren waren viele Südkoreaner Analphabeten.

Hwang Woo Suk berührt die Seele vieler Landsleute, denn er personifiziert den nationalen Aufstiegsmythos. Auch Hwang kommt von ganz unten. Sein Vater starb, als er Kind war. Mit fünf Jahren begann er sein Arbeitsleben als Stalljunge. Mit Fleiß und Intelligenz entkam er Armut und Hoffnungslosigkeit, er schaffte es zum Studenten, dann zum Professor, dann zum "Science"-Autor, schließlich verlieh die Regierung ihm – als Erstem – den Ehrentitel "Oberster Wissenschaftler".

Hwang war die Vergangenheit und die Zukunft. Er war die südkoreanische Ein-Mann-Version der "Apollo"-Mission. Mit ihm an der Spitze, so der offizielle Strategieplan der Regierung, sollte das Land bis 2010 hinaufschießen an die Weltspitze der Biotech-Nationen.

Jetzt ist alles aus. 2006 wurde für Südkorea zum Jahr des langsamen Erwachens – unter Schmerzen.

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© Jahres-Chronik 1/2006
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