Bären-Drama "Bruno, wir rächen dich"

Deutschland trauert – auf der Kümpflalm wird der heißgeliebte Braunbär erschossen.

Von Peter Stolle


Die Deutschen sind partytechnisch in Hochform. Die Fußball-WM ist ein großes Volksfest, Klinsmanns junge Sprinter haben gerade Schweden besiegt. Aber dann krachen zwei Schüsse in den patriotischen Jubel und treffen die Nation "mitten ins Herz".

Braunbär Bruno bei Reutte in Tirol
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Braunbär Bruno bei Reutte in Tirol

Der 26. Juni wird ein tränenreicher Volkstrauertag - der Braunbär Bruno ist tot, der rastlose Alpenwanderer, der die Nation fünf Wochen lang in Atem hielt. Am 20. Mai hatte der migrantische Petz erstmals von Tirol aus die deutsche Grenze passiert - gesund, wohlgenährt und vom bayerischen Umweltminister Werner Schnappauf persönlich "in Bayern willkommen" geheißen. Nach 170 Jahren bärenfreier Natur war endlich wieder ein wildes Pelztier nach Deutschland eingewandert. Und das ist natürlich ein Fressen auch für die Medien, die trotz seitenfüllender WM-Euphorie immer einer Sommerstory entgegenfiebern. Der braune Vagabund steht nun unter scharfer Beobachtung. Jeder Bruno-Losung wird sorgfältig nachgeschnüffelt, jeder Tatzenabdruck gewissenhaft geprüft.

Die Begrüßungsfreude trübt sich rasch, als sich der behende Ursus arctos menschlichen Ansiedlungen nähert und einen Bärenhunger auf einheimische Nutztiere entwickelt. Bei Garmisch-Partenkirchen reißt er drei Schafe. Er killt Geflügel, knackt Hasen- und Kaninchenställe, saugt Honig aus Bienenstöcken. Bruno ist nun ein "Problembär", und die menschlich tiefenttäuschte bayerische Staatsregierung beschließt, Bruno aus dem Verkehr zu ziehen. Erwogen wird eine Betäubung mit anschließender Sicherheitsverwahrung in einer geschlossenen Anstalt. Da Bruno auch alpinen Wanderern gefährlich werden könnte, kommt auch eine Abschusserlaubnis in Frage.

Erste Erfolge erhoffen sich Tierfreunde von finnischen Bärenjägern, die mit einem Rudel Elchhunde unverzüglich Witterung aufnehmen, dem cleveren Meister Petz aber nicht gewachsen sind. Bei brütender Hitze schleppt sich die Gruppe durch diverse Gebirgszüge und muss nach fast zwei Wochen entkräftet und völlig demoralisiert in die nordpolare Heimat zurückkehren. 50.000 Euro lässt sich Minister Schnappauf den Ausflug kosten. Bruno tigert munter weiter durch die Alpen, reißt hier und da ein Schaf, ein Kaninchen, eine Ziege und kennt weiterhin keinen Respekt vor deutschen Imkerei-Erzeugnissen.

Die Rentnerin Uschi Singhammer, 67, ertappt den Stromer auf ihrer Terrasse bei Lenggries, geht instinktiv auf die Knie und bellt so naturalistisch, dass Bruno verstört davonstiebt. Vor einer Polizeiwache in Kochel am See macht er, unbeachtet von den Beamten, ein kurzes Nickerchen. Mountainbike-Fahrer und Bergsteiger sichten ihn im Gelände und bei einem erfrischenden Bad. Immer öfter nähert er sich bedrohlich menschlichen Wesen, die Nervosität der Behörden steigt, zumal Bruno angeblich nicht mit Betäubungsblasrohren erreicht werden kann. Besorgt stottert Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber in ein ARD-Mikrofon: Der "Problembär" habe "um 1 Uhr nachts praktisch diese Hühner gerissen" und beinahe wären die Hühnerhalter "praktisch jetzt, äh, dem Bär praktisch begegnet, äh, was da hätte passieren können".

Bruno ist nun vollends eine "braune Gefahr" ("taz"), und das kann auch genetisch und genealogisch nachgewiesen werden. Er stammt aus einer chronisch zerrütteten Familie. Schon Mutter Jurka und Vater Joze, ausgewildert und wohnhaft im italienischen Trentino, waren Problembären und hatten die bärentypische Scheu vor Menschen verloren. Bruno, nach den Eltern-Initialen wissenschaftlich "JJ1" genannt, erlebte eine betrüblich verwahrloste Kindheit, machte sich als Honig- und Hühnerdieb unbeliebt und wurde schließlich mit Gummigeschossen so nachhaltig vergrämt, dass er sich seinen Weg durch die Alpen bahnte - einer von rund 30.000 wild lebenden Braunbären, die in Europa siedeln und bisweilen wie in den französischen Pyrenäen mit heftigem Widerstand der einheimischen Bevölkerung zu kämpfen haben.

Dort war, im April, die Auswilderung der slowenischen Bärin "Palouma" von empörten Bauern und Touristenmanagern sabotiert worden. Von wild lebenden Bären, so sahen es die Protestler, drohe Gefahr für Mensch und Vieh. Hinweise auf störungsarme Bärenreviere auf dem Balkan fruchten wenig. Dort nämlich kohabitieren die Petze mit toleranten Zweibeinern und tapsen auf der Suche nach vegetarischen Leckereien friedlich durch die Wälder. Menschen sind dort sehr selten ernsthaft zu Schaden gekommen. Auch der Viehbestand hat sich nicht dramatisch verringert.

In Bayern aber siegen nun die ängstlichen Ordnungskräfte - wie schon 1835, als der königliche Forstamtsaktuar Ferdl Klein im Ruhpoldinger Tal den letzten freilaufenden deutschen Bären erschoss. Ein Trupp staatlich anerkannter "Jagdberechtigter" wird auf die Hatz geschickt, als ein Hinweis den Aufenthaltsort des illegalen Pelztieres verrät: Der Koch der Berghütte Rotwandhaus hat Bruno vor seinem Küchenfenster gesichtet. Als er für ein Foto hinausstürzt, rennt Bruno davon - "er hatte mehr Angst vor mir als ich vor ihm". Dann tapert der Bär auf eine Weide, reißt ein Schaf und trollt sich, als eine Horde couragierter Kühe zum Angriff anrückt. Damit aber schließt sich Brunos Sündenregister - am 26. Juni legen die alarmierten Wildschützen auf den Zuwanderer an, um 4.50 Uhr haucht Bruno auf der Kümpflalm, hoch über dem bayerischen Spitzingsee, sein Leben aus. Mit Verletzungen im rechten Lungenflügel und Leberlappen verabschiedet sich das mythische Tier in die ewigen Jagdgründe. "Bruder Bär, geh in Frieden", klagen die Tierfreunde. Auf die Bärentöter, diese "verdammten schießwütigen Alpentrottel" und ihre Hintermänner in den bayerischen Amtsstuben freilich kommen schwere Zeiten zu.

In ganz Europa wird der Abschuss heftig kritisiert. Kaum einer glaubt den Beteuerungen der Behörden, es sei unmöglich gewesen, Bruno mit einen Betäubungsschuss einzufangen und in ein Gehege zu transportieren. Tierschützer schwören in einer Traueranzeige: "Bruno - an der Wahlurne rächen wir dich". Die bayerische SPD fordert den Rücktritt des "Bärentöters" Schnappauf, der grüne Umweltexperte Christian Magerl moniert in bestechendem Beamtendeutsch "die völlige Missachtung der notwendigen jagd- und waffenrechtlichen Vorschriften". In Niedersachsen werden Hochsitze unbescholtener Waidmänner abgesägt. Militante Tierschützer drohen den anonymen Bruno-Killern mit Mord und Totschlag.

"Ich war es nicht", beteuert erschrocken der Förster vom Spitzingsee. Im Landkreis Miesbach geht der alpine Tourismus vor die Hunde. Hunderte stornieren ihre Buchungen. "Ich hab das Gefühl, die Leute sind völlig durchgedreht", ächzt Landrat Norbert Kerkel. Italiens Umweltminister protestiert offiziell und verlangt die Rückgabe des Bärenfells. Auch der Leichen-Plastinator Gunther von Hagens streckt seine bleiche Hand nach Bruno aus. Der grausame Blattschuss hätte vielleicht vermieden werden können, wenn die bayerische Landesregierung auf den Einsatz schlappschwänziger finnischer Köter verzichtet und eine in Bärenkreisen gefürchtete Katze auf die Kümpflalm gerufen hätte: In West Milford, US-Bundesstaat New Jersey, so berichtet die Weltpresse, haust ein sieben Kilogramm schwerer Kater namens Jack, der vorwitzige Schwarzbären so vehement attackiert, dass sie auf einen rettenden Baum flüchten.

So aber bleibt oberbayerischen Freunden des Ursus arctos nur eine trostreiche Botschaft: "Bruno wird nicht der Letzte seiner Art gewesen sein, der seine Schnauze über die deutsche Grenze gesteckt hat."



© Jahres-Chronik 1/2006
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