Fall Politkowskaja Mord an Putins Geburtstag

Die Bluttat an der mutigen Moskauer Kaukasus-Reporterin Anna Politkowskaja erschüttert die Welt. Moskau-loyale Tschetschenen hassten ihre engagierte Arbeit.

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Einer der letzten Artikel, die die Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja, 48, Korrespondentin der "Nowaja gaseta", schreibt, ist ein Nachruf auf einen Tschetschenen. Buwadi Dachijew, Vizekommandeur der tschetschenischen Sonderpolizei Omon in russischen Diensten, ist im September bei einer Schießerei zwischen Sicherheitskräften umgekommen.

Die russische Journalistin Anna Politkowskaja
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Die russische Journalistin Anna Politkowskaja

Politkowskaja beschreibt Dachijew als hilfsbereiten Partner von Journalisten. Sie schildert den studierten Historiker Dachijew, wie sie früh ergraut, als "todmüde" vom Krieg in seiner Heimat. "Man sagt, es sterben die, die müde sind", schreibt die Journalistin. Zwei Wochen später ist auch Anna Politkowskaja tot. Am Nachmittag des 7. Oktober erschießt sie ein mit einer Baseballkappe bekleideter Mann im Treppenflur ihres Moskauer Wohnhauses. Wie gelähmt reagiert die liberale russische Intelligenz auf den Mord an der weltweit bekanntesten Journalistin des neuen Russland.

Viele verhalten sich gleichgültig, obwohl die Tat auch ein Anschlag auf die Pressefreiheit ist. Russlands Präsident Wladimir Putin meldet sich am dritten Tag nach dem Mord an der mutigen Frau mit dem kühlen Hinweis zu Wort, der politische Einfluss der Ermordeten sei "sehr gering" gewesen. Politkowskaja wird an Putins 54. Geburtstag ermordet.

Der Präsident äußert öffentlich den gewagten Verdacht, einer der landesflüchtigen Oligarchen, "die sich der russischen Rechtsprechung entzogen haben", habe die Absicht gehabt, "irgendjemanden zu opfern", um den Staat zu diskreditieren. Beweise dafür legt er nicht vor. Putin weiß, dass auch knapp sieben Jahre nach seiner Amtsübernahme, bei der er seinem korruptionsdurchtränkten Land eine "Diktatur des Gesetzes" versprach, Auftragsmörder von Prominenten meist ihrer Strafe entgehen.

Opfer sind immer wieder auch Journalisten. Was Politkowskaja seit Beginn des zweiten Tschetschenien-Kriegs ab Herbst 1999 über den Konflikt zwischen der russischen Zentralmacht und tschetschenischen Separatisten schreibt, bringt ihr international Auszeichnungen ein, darunter den Olof-Palme-Preis und die Hermann-Kesten-Medaille des deutschen PEN-Zentrums. Und ihre Arbeit macht ihr Feinde. In der Moskauer Machtelite gilt sie als Nestbeschmutzerin, Offiziere verachten die Publizistin. Denn wegen Foltervorwürfen in Politkowskaja-Publikationen ermitteln Staatsanwälte gegen Uniformierte.

Abgewogene Analysen sind ihre Sache nicht. Bisweilen obsessiv sucht sie die Schuldigen für die anhaltende Gewalt im Kaukasus bei den russischen Sicherheitskräften und deren tschetschenischen Verbündeten. Ihre Veröffentlichungen sind bei anderen russischen Korrespondenten, die im Kaukasus arbeiten, nicht unumstritten.

So vertritt sie etwa in ihrem auch auf Deutsch erschienenen Buch "Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg" die unbelegte These, der islamistische Flügel der tschetschenischen Separatisten werde von den Russen insgeheim unterstützt - eine Einschätzung, die Experten nicht teilen. Oft wird sie als parteilich wahrgenommen. Ihre Sicht auf die Konflikte im Nordkaukasus stimmt häufig mit der führender tschetschenischer Separatisten überein.

Deren im Londoner Exil residierender "Außenminister" Achmed Sakajew, den Politkowskaja kannte, schickt zu ihrer Beerdigung einen Kranz. Sakajew verspricht im Auftrag des tschetschenischen Untergrund-"Präsidenten" Doku Umarow, eines Warlords, man werde ihr Andenken dereinst in Tschetschenien offiziell ehren.

Ramsan Kadyrow dagegen, Moskau-loyaler tschetschenischer Premierminister in Grosny und Boss eines mehrtausendköpfigen gefürchteten "Sicherheitsdienstes", hasst die Journalistin. Unermüdlich sammelt sie Hinweise, dass die "Kadyrowzy" sich als Folterknechte und Killer betätigen. Immer wieder tritt sie aus ihrer Rolle als Beobachterin heraus, agiert wie eine Anwältin.

In einem Rundfunkinterview gesteht sie, dass sie davon träume, Kadyrow eines Tages auf einer Anklagebank sitzen zu sehen. Die Reporterin berichtet beispielsweise darüber, wie "Kadyrowzy" junge Männer "verschwinden" ließen, die verdächtigt werden, Untergrund-Separatisten zu sein. Der Tschetschenen-Premier soll, so Anna Politkowskaja in einem Beitrag für ein vom PEN-Club herausgegebenes Buch, ihr während einer Regierungssitzung in Grosny mit dem Tode gedroht haben.

Vergebens versucht der Landsknechtsführer hernach, den verbreiteten Verdacht zu entkräften, er habe mit dem Mord zu tun. Der im Kreml gern gesehene Tschetschenen-Premier behauptet öffentlich, er würde "nie eine Frau umbringen".



© Jahres-Chronik 1/2006
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