Günter Grass "Im Ärmel ein schwarzes Ass"

Das späte Bekenntnis des Moralisten Günter Grass zu seinem Einsatz als Waffen-SS-Mann.

Von Jochen Bölsche


Nächtelang hatte der Nobelpreisträger dem Journalisten Details aus seinem Leben erzählt - bis hin zu seiner schrulligen Vorliebe für alte Reiseschreibmaschinen vom Typ Olivetti Lettera, seiner "mechanischen Muse", der er seit Jahrzehnten die Treue halte.

Autobiograf Günter Grass
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Autobiograf Günter Grass

Dass er einst als 17-Jähriger der Waffen-SS angehört hat - das indes verschwieg Günter Grass auch seinem Biografen Michael Jürgs. Als im August durch ein Interview der "Frankfurter Allgemeinen" anlässlich des neuen Grass-Buchs "Beim Häuten der Zwiebel" die Spitzennachricht des deutschen Literaturjahres publik wird, ist Jürgs natürlich "enttäuscht": In seiner Biografie "Bürger Grass" tritt der junge Waffen-SS-Mann aus Danzig lediglich als Flakhelfer und Soldat auf - so, wie sich der 79-Jährige selbst jahrzehntelang der Öffentlichkeit präsentiert hatte.

In dieser Situation kommt Grass-Kenner Jürgs, von einem Interviewer zu seinem Protagonisten befragt, auf die Olivetti des Großschriftstellers zu sprechen. Müsse sich Grass nicht jedes Mal an die Waffen-SS-Zeit erinnert haben, wenn er "ein Doppel-S, ein SS" in die Tasten gehämmert habe, wird Jürgs gefragt. Vielleicht habe es schon ausgereicht, antwortet der Biograf, "wenn er das Wort Waffen geschrieben" hat oder wenn er, wie in der "Blechtrommel", schildert, dass SS-Männer in Danzig "die Post niederbrennen und die Leute ermorden".

Fassungslos reagieren Autoren und Kommentatoren in aller Welt auf das verspätete Bekenntnis des linken Moralapostels Grass, über Jahrzehnte verschwiegen zu haben, dass er nach der Ablehnung einer freiwilligen Meldung zur Marine in den letzten Kriegsmonaten in die Waffen-SS eingezogen worden ist - die für den fanatisierten Knaben damals, so Grass, "zunächst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit" gewesen sei. Der britische Schriftsteller John le Carré bezichtigt den deutschen Kollegen, der unerbittlich die NS-Vergangenheit von Politikern wie Kurt Georg Kiesinger (CDU) bis hin zu Karl Schiller (SPD) angeprangert hat, der "Heuchelei".

Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagt, Grass habe sich durch seine Unaufrichtigkeit den Nobelpreis "erschlichen". Und Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden, wirft dem steten Mahner vor einer Wiederkehr des Bösen vor, mit seinem Verhalten alle "seine früheren Reden ad absurdum" geführt zu haben.

Während in Polen über die Aberkennung der Danziger Ehrenbürgerrechte für Grass diskutiert wird und sich in Internet-Foren Spott über den Dichter ergießt ("Gestatten, Günter Grass, Grass mit SS"), überwiegt bei manch einem schon bald das Mitgefühl mit dem Gescholtenen die Schadenfreude. Ex-Generalbundesanwalt Alexander von Stahl fällt zum Fall Grass zunächst der "alte Achtundsechziger-Spruch" ein: "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche." Doch auch wenn ihn früher die "bigotte und überhebliche Linkslastigkeit" des Schriftstellers "oft genervt" habe, dürften die "Vernünftigen im Lande" nicht zulassen, dass Ultraorthodoxe ihn nun ächten und ausgrenzen wollen, fordert der Rechtsliberale.

Natürlich springen dem langjährigen SPD-Wahlhelfer Grass viele prominente Sozialdemokraten bei. Der Fehler, so lange geschwiegen zu haben, sei doch "korrigiert" worden, wenn auch "sehr spät", gibt Ex-Minister Otto Schily zu bedenken. Und: "Auch ein großer Mann macht Fehler. Lassen wir es dabei bewenden." Im Ausland werden nach der ersten Welle der Empörung zunehmend andere Stimmen laut. "Grass bleibt für mich ein Held, sowohl als Schriftsteller als auch als moralischer Kompass", meldet sich US-Kollege John Irving zu Wort.

Der polnische Autor Stefan Chwin zeigt zwar Verständnis für die Reaktion seiner entsetzten Landsleute auf die Selbstenthüllung, pocht aber auf das Recht von Künstlern, ihre Biografie frei zu formen. "Wahre Literatur spielt mit der Wahrheit und der Moral, wie man mit dem Feuer spielt", schreibt Chwin. "Ein echter Schriftsteller trägt ein Leben lang in seinem Ärmel ein schwarzes Ass, das er niemals auf den Tisch werfen wird. Die Kunst speist sich aus dem Geheimnis." Dieses Recht hat Grass, der selbst "lebenslang Geschichten mit unterschiedlichem Wahrheitsgehalt" zu erzählen wusste, offenbar jahrzehntelang für sich auch dann noch in Anspruch genommen, wenn er über seine Jugend im Hitler-Reich schrieb - wie üblich "immer noch eine Fassung und noch eine, die erste per Hand, die nächsten dann auf meiner Olivetti".

Gerade dieser "spielerische Umgang mit der Wahrheit" zeichne den Dichter aus, urteilte schon 2002 bei der Eröffnung des Günter-Grass-Hauses in Lübeck der Leiter der dortigen Kulturstiftung, Hans Wißkirchen. Dass der "Kontakt zur Wirklichkeit" auf diese Weise "einen ganz eigenen Charakter" gewinne, belegte der Festredner mit einem Grass-Gedicht: Meine alte Olivetti ist Zeuge, wie ich fleißig lüge und von Fassung zu Fassung der Wahrheit um einen Tippfehler näher bin.

Als Grass sein Buch Anfang September öffentlich vorstellt, hat er sein Publikum weitgehend wieder für sich gewonnen. Bei der Buchpremiere in Berlin hält nur ein kleines Grüppchen ein Transparent mit brauner Zwiebel und SS-Helm empor. Daran, dass der Moralist Grass, der anderen immer wieder deren Schweigen über die NS-Zeit angelastet hat, selbst zu den "Wahrheitströpflern" zählt, wie der Historiker Michael Wolffsohn schreibt, und an der "eitel zelebrierten Geschwätzigkeit" ("Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung") des Literaturstars scheinen sich nur noch ein paar Feuilletonisten zu stören.

Denen wirft er beleidigt vor, seinen Fall "unter ihrem Niveau" behandelt zu haben. Auf die Lesung der Waffen-SS-Passage, die so viel Furore gemacht hat, verzichtet der Dichter. Stattdessen erfreut "unser schönster Moraletti" (stern.de) das geneigte Publikum am Ende mit einer Liebeserklärung an seine Olivetti: "Bis heutzutage bin ich ihr hörig. Stets wusste sie mehr von mir, als ich von mir wissen wollte." Und: "Nicht enden will unser Zwiegespräch. Ihr zu beichten bin ich katholisch genug."



© Jahres-Chronik 1/2006
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