Giftmord an Kreml-Kritiker Wer tötete Alexander Litwinenko?

Der Fall Litwinenko fesselt die Welt: Ein russischer Ex-Agent wird mitten in London mit dem Strahlengift Polonium-210 vergiftet. Im Dezember laufen die Ermittlungen in London, Moskau und auch Hamburg auf Hochtouren - und alle blicken auf Russland: Wie gefährdet sind Kreml-Kritiker inzwischen?


Es ist eine rätselhafte Krankheit, wegen der Alexander Litwinenko im November in eine Klinik kommt. Tagelang versuchen die Ärzte in London, seinem Exil, herauszufinden, woran der Kreml-Kritiker und frühere KGB-Agent leidet. Er selbst hat keinen Zweifel: Er wurde vergiftet. "Die Bastarde haben mich gekriegt", sagt er in einem letzten Interview. Der Kreml habe ihn zum Schweigen gebracht. "Ich will überleben, nur um es ihnen zu zeigen."

Er überlebt nicht. Kurz nachdem die Ärzte herausfinden, dass er radioaktiv vergiftet wurde, stirbt Litwinenko.

Litwinenko auf dem Sterbebett in London: Mit strahlendem Gift verseucht
REUTERS

Litwinenko auf dem Sterbebett in London: Mit strahlendem Gift verseucht

Noch in seinen Abschiedsworten hatte Litwinenko den russischen Präsidenten Putin angeklagt: "Der weltweite Aufschrei des Protests wird Ihr ganzes restliches Leben in Ihren Ohren widerhallen!" Der Kreml als Killer seiner Kritiker? Die russische Regierung weist jeden Vorwurf von sich - tatsächlich gibt es binnen Tagen viele weitere Verschwörungstheorien. Waren es Agenten des KGB-Nachfolgers FSB, die Rache nehmen wollten? Waren es tschetschenische Dunkelmänner? Oder mächtige russische Oligarchen, die Litwinenko womöglich erpressen wollte?

Der Fall entwickelt sich im Dezember zum regelrechten Kriminal-Thriller, überall in der westlichen Welt werden die Ermittlungen gespannt verfolgt - schließlich war erst wenige Wochen zuvor die Kreml-Kritikerin Anna Politkowskaja erschossen worden. Zuletzt soll Litwinenko in ihrem Fall recherchiert haben.

Die britischen Ermittler finden das strahlende Gift Polonium-210, mit dem Litwinenkos Körper verseucht wurde, in der Sushi-Bar Itsu in London, im Hotel Millennium, an vielen Orten - auch bei Litwinenkos Gesprächspartnern in den letzten Tagen vor seiner Erkrankung.

Da ist der Italiener Mario Scaramella, bei dem man Spuren von Polonium-210 findet, jedoch nicht in tödlicher Dosis. Er traf Litwinenko am Tag seiner Erkrankung im Itsu. Scaramella vermutet Geheimdienstler hinter der Tat und sagt, er habe Litwinenko von einem russischen Mordkomplott gewarnt - dieser habe aber nur gelacht.

Da ist der russische Geschäftsmann Andrej Lugowoi, ebenfalls ein ehemaliger KGB-Agent. Er kommt Scotland Yard besonders verdächtig vor. Ermittler reisen nach Moskau, wo kurze Zeit darauf auch die lokale Polizei wegen Mordes ermittelt. Auch Lugowoi ist mit Polonium-210 verstrahlt - genauso sein Geschäftspartner Dmitrij Kowtun. Beide hatten Litwinenko am Tag seiner Erkrankung im Hotel Millenium getroffen. Beide werden in Russland wegen der radioaktiven Vergiftung behandelt.

Kowtun hatte eine Wohnung in Hamburg-Ottensen. Damit wird der Fall plötzlich auch ein Thema für die deutschen Behörden. Die Polizei findet in der Wohnung von Kowtuns Ex-Frau, die im gleichen Haus wohnt, Spuren von Polonium-210 - und im Haus von deren Mutter im Hamburger Umland.

Die Ermittler gehen inzwischen von einem langwierigen Verfahren aus, bis Litwinenkos Mörder gefunden ist. Sofern das überhaupt gelingt. Fest steht: Auftragsmorde sind in Russland inzwischen wieder so häufig wie Anfang der neunziger Jahre, nachdem die Sowjetunion zusammengebrochen war. Und immer wieder gibt es mysteriöse Fälle. Einen Tag nach dem Tod Litwinenkos erkrankte der russische Ex-Premierminister Jegor Gaidar. Auf einer Konferenz in Dublin kollabierte er. Ein plötzlicher Schwächeanfall, Lähmungen, Blut aus Mund und Nase - die Ärzte rätseln bis heute, an was er litt. Er selbst hatte keinen Zweifel: Er wurde vergiftet. Aus politischen Gründen. Gaidar überlebte.

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