Mythos um antarktische Nazi-Zuflucht Die Mär von Hitlers Festung im ewigen Eis

Von Stefan Schmitt

2. Teil: Nazis, Ufos, Atombomben: Militärische Geheimhaltung und Übersetzungsfehler begünstigten, dass die Legende von der Eisfestung wild wucherte. Ihren Anfang nahm sie im Walfang


  • Tatsächlich tauchten im Juli und August 1945 zwei deutsche U-Boote, U-530 und U-977, im argentinischen Hafen Mar de la Plata auf. Die beiden Besatzungen wollten in Südamerika der Kriegsgefangenschaft entgehen, vergeblich. Nicht nur wegen ihrer knappen Treibstoffvorräte hätten die Boote wohl kaum vor ihrer Kapitulation Ladung oder Passagiere im Königin-Maud-Land absetzen können, wie die Verschwörungstheoretiker behaupten. "Diese Leute vergessen auch einfach, dass es im Sommer im tiefen Süden eisig und völlig finster ist", sagt Summerhayes. Schon meterdickes Meereis hätte die U-Boote daran gehindert, an der vermeintlichen Basis aufzutauchen.
  • Auch eine angebliche britische Kommando-Operation unter dem Decknamen "Tabarin", in der Soldaten des Eliteregiments SAS gegen die Tiefkühl-Nazis gekämpft haben sollen, entpuppt sich als reine Erfindung. Die Quellen dafür sind nebulös. In britischen Archiven haben Summerhayes und Beeching hingegen nicht bloß gelesen, dass die britische Marine das Kommando über die Antarktis-Expedition "Tabarin" bereits im Juli an eine zivile Behörde abgegeben hatte. Auch wurde die SAS selbst im Oktober 1945 aufgelöst und erst 1948 wieder neu zusammengestellt.
  • Doch die angebliche Niederlage der Briten gegen die deutschen Eiskrieger ist ein wichtiges Element der Legende, denn damit wird die nächste Eskalationsstufe erklärt: Die US-amerikanische Operation "Highjump" (Winter 1946/1947) habe tatsächlich dazu gedient, den Restnazis in ihrem Refugium den Garaus zu machen. Dieses Manöver mit rund 4700 Soldaten, 33 Flugzeugen und 13 Schiffen sei die größte Militäroperation gewesen, die je auf dem Südkontinent stattgefunden habe. "Die Amerikaner zeigten aber gar kein Interesse am Königin-Maud-Land", fassen Summerhayes und Beeching zusammen

  • Aus einer Äußerung des "Highjump"-Kommandanten Richard Byrd strickten Verschwörungstheoretiker gar die Mär, in der Antarktis hätten die Nazis in alter Geheimwaffen-Manier fliegende Untertassen gebaut. Das Byrd zugeschriebene Zitat aus der chilenischen Zeitung "El Mercurio" wurde indes schlicht fehlerhaft ins Englische übersetzt. Wie die Autoren der "Polar Record"-Studie nachweisen, sprach Byrd nicht von Nazi-Ufos, sondern von einer möglichen "Invasion feindlicher Flugzeuge aus Richtung der Polarregion" - womit er freilich die Sowjets meinte.
  • Die gröbste, wenngleich spektakulärste Tatsachenverdrehung stellt wohl der angebliche US-Nuklearschlag gegen "Neuberchtesgarden" dar: Die drei Atombomben, welche die Amerikaner tatsächlich 1958 zündeten, explodierten südlich von Kapstadt - in Atmosphärenschichten von 160 bis 750 Kilometern Höhe, zwischen 2200 und 3500 Kilometer nördlich von Königin-Maud-Land. Das geht aus Militärunterlagen hervor, die lange geheim waren.

So halfen wohl auch die Sieger des Zweiten Weltkriegs der Eisfestungs-Legende ein wenig: "Geheimhaltung ist immer die Grundlage für alle Mythenbildung", sagt Meding. Dass aber durch hochrangige NS-Funktionäre, Gold und Dokumente nach Argentinien geschafft worden sein könnten, ist für den Kölner Historiker "nach meiner Forschungslage nahezu auszuschließen" - von einem Konvoi in die Antarktis ganz zu schweigen. Auch die Wissenschaftshistorikerin Cornelia Lüdecke aus München, Expertin für die Geschichte der deutschen Polarforschung, schließt sich dem Urteil Summerhayes und Beechings an. "Das ist plausibel begründet", sagte sie zu SPIEGEL ONLINE.

Walfang, nicht Weltherrschaft

Immerhin, Legenden-Liebhaber könnten fragen, ob es nicht wenigstens Pläne für eine Eisfestung gegeben haben könnte. Schließlich waren die Machthaber des Dritten Reichs um aberwitzige Ideen selten verlegen. Und tatsächlich gab es eine deutsche Expedition zum Südkontinent. Einem frühen Flugzeugträger gleich schipperte das Schiff "Schwabenland" im Winter 1938/1939 mit den Dornier-Flugbooten "Boreas" und "Passat" an Bord am Rand des Eisschelfs vorbei. Den Aufnäher der Expeditionsteilnehmer ziert eine Hakenkreuzflagge und der Schriftzug "Neuschwabenland" - just an jener Küste, wo Königin-Maud-Land liegt.

Polarhistorikerin Lüdecke hat schon vor drei Jahren unter dem Titel "In geheimer Mission" eine Forschungsarbeit über die Fahrt der "Schwabenland" veröffentlich. In der Zeitschrift "Schifffahrtsarchiv" des Deutschen Schifffahrtsmuseum (2004, S. 75) berichtete sie, dass sich das Deutsche Reich Ende der dreißiger Jahre tatsächlich territorial am Südkontinent festsetzen wollte - allerdings bloß zur Sicherung des Walfangs.

Denn die Briten hatten dieses Geschäft in den dreißiger Jahren im Großteil des Atlantiks fest im Griff. Das Deutsche Reich sorgte sich um den Nachschub an Walfett und Tran. Daraus wurde eine unverzichtbare Zutat für den Sprengstoff Nitroglycerin gewonnen. Der wahre Kern der Legende von der Eisfestung hat also durchaus eine militär-ökonomische Motivation, wenngleich eine denkbar triviale.

Mit den bizarren Vorstellungen von "Neuberchtesgaden" kann das natürlich nicht mithalten. "Ob unser Artikel diese Legenden aufhalten wird? Eher nicht", glaubt Polarfoscher Summerhayes. "Einen wahrhaft Überzeugten schreckt so schnell nichts ab."



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