Suche nach dem Traumberuf 30 Jobs in einem Jahr

Jannike Stöhr lässt ihre sichere Stelle bei Volkswagen ruhen, um endlich ihren Traumberuf zu finden. Dafür testet sie 30 Jobs in einem Jahr. Was das soll? "Ich bin einfach glücklicher."

Von Pauline Schinkels

Peter Glösekötter

Jannike Stöhr ist eine junge Frau mit einem großen Wunsch und einer langen Liste: Gärtnerin, Polizistin, Winzerin, Lehrerin, Biobäuerin, Tischlerin, Architektin, Buchhändlerin, Beraterin, Familienaufstellerin, Fotografin. Mehr sollen folgen. Auf diese Liste kommen Jobs, die sie probieren möchte. In zwölf Monaten möchte Stöhr ihren Traumberuf finden.

Dafür hat sie sich von ihrer bisherigen Arbeit als Personalerin bei Volkswagen freistellen lassen. Bei dem Autokonzern hat sie bereits ihre Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation absolviert. Danach wurde sie übernommen und studierte an der Fernuniversität Wirtschaftswissenschaften. Sie ging nach China, um dort Personalthemen zu bearbeiten, kam wieder und arbeitete weiter für VW. "Ich war immer sehr fokussiert", sagt sie, es lief eigentlich gut.

Nur glücklich war sie nicht.

"Ich hatte das Gefühl, dass das Leben an mir vorbeizieht." Hinwerfen wollte sie deshalb schon ziemlich oft. Endlich einmal etwas ganz anderes machen, daran hat sie häufig gedacht. Und doch hat sie sich immer wieder dagegen entschieden. Es hat lange gedauert, aber heute hat sie ihr Leben komplett umgekrempelt und sagt rückblickend: "Ich weiß nicht, wovor ich Angst hatte."

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Ingenieur auf Jobtour: "Ich bin ein Europäer 2.0"
Aber zunächst einmal machte Stöhr nur eine Berufsberatung - mit dem Ergebnis, dass sie Stiftungsmanagerin werden sollte. Umgesetzt hat sie die Empfehlung nie. Stattdessen hangelte Stöhr sich von Möglichkeit zu Möglichkeit. "Ich hatte einfach jede Woche eine andere Idee", sagt die 28-Jährige. Sie pilgerte auf dem Jakobsweg und legte eine konsumfreie Zeit ein. Bis auf Nahrung kaufte Stöhr nichts.

Schließlich las sie das Buch "Wie man die richtige Arbeit für sich findet: Kleine Philosophie der Lebenskunst" von Roman Krznaric, einem der Mitbegründer der Londoner School of Life. Ein Schlüsselmoment für Stöhr. Die Idee, 30 Jobs in einem Jahr auszuprobieren, entstammt dem Ratgeber.

Besitzlos glücklich

Seitdem tourt sie quer durch Deutschland. Sie war schon als Kindergärtnerin in Lehrte, dann in Hannover und Lübeck, im kommenden Monat arbeitet sie als Personalberaterin in München und als Imkerin im niedersächsischen Badbergen. Um Geld zu sparen, übernachtet sie kostenlos bei fremden Menschen: Stöhr couchsurft, Privatsphäre bleibt da wenig. Ihre alte Wohnung hat sie aufgelöst. Arbeitet sie gerade nicht, wohnt sie im Gästezimmer ihrer Eltern. Geld bekommt Stöhr während ihrer Jobtour nicht, aber sie hat gespart. Vielleicht sagt sie gerade deshalb, dass sie sich heute freier fühlt: "Ich bin einfach glücklicher."

Eine Woche lang testet sie die jeweiligen Berufe. Ob kreativ, sozial oder vor allem im Freien - Stöhr hat nur grobe Richtungen im Kopf, in die es gehen könnte. "Möglich ist alles." Dass sie in einer Woche nicht die Tiefe eines ganzen Berufs begreifen kann, ist Stöhr klar. Auf ihrer Reise möchte sie Menschen begegnen, die ihrem Beruf mit Herzblut nachgehen.

Wenn dich die vitalen Rentner überholen

Ihre Idee hat Stöhr gut abgesichert: Für insgesamt drei Jahre pausiert sie bei VW. Ein Jahr davon sucht sie ihren Traumberuf, in den verbleibenden zwei möchte sie sich dann in dem Bereich ausbilden lassen, für den sie sich entschieden hat, oder studieren. Die Auszeit lässt sich auf bis zu acht Jahre verlängern. Wenn sie möchte, kann sie danach auf eine gleichwertige Stelle zurückkehren. Nebenbei bloggt sie über ihre Erfahrungen.

Bisher war sie Kindergärtnerin, Fernsehproduzentin, Verkäuferin und hat in Münster Stadtführungen für Reisegruppen auf dem Fahrrad angeboten. Anstrengende Jobs - um fitter zu werden, geht sie seit Neuestem dreimal die Woche laufen. "In Münster haben mich die 60-Jährigen mit dem Rad überholt. Da wusste ich, dass ich mehr tun muss." Von ihrer Aktion war die Fahrradreisegruppe begeistert. Am Ende hatte Stöhr mehrere Visitenkarten in der Hand: Sie könne sich doch einmal bei Bekannten von einem Bekannten melden.

Wenn ihre Auszeit vorbei ist, wird sie über 30 sein. Ein Alter, in dem andere ihr Studium beendet haben und im Job Verantwortung übernehmen. Stöhr bleibt ruhig. "Das Leben ist kein Wettlauf, ich muss nicht vor anderen irgendwo ankommen."

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Traum vom Neuanfang: Bleibt alles anders

  • Pauline Schinkels (Jahrgang 1990) studiert in Köln Sozialwissenschaften und absolviert parallel an der Kölner Journalistenschule eine Ausbildung zur Journalistin für Wirtschaft und Politik.



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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher 03.09.2014
1.
Was muss man sich unter einer »Personalerin« vorstellen, die noch keine 28 ist? Entscheidet die über Lebensläufe von Schichtarbeitern? Über Abmahnungen, Einstellungen, Rausschmisse? Oder war sie einfach Sekretärin in der Personalabteilung? Gehört eigentlich Schichtarbeit am Band auch zu ihren 30 Jobs?
s.k.o 03.09.2014
2. mein Arbeitgeber würde sich bedanken
Schön, das es Unternehmen gibt, dir kein Problem damit haben sich für drei Jahre eine Lücke im Betrieb zu erlauben oder die Arbeit auf den Rest des Teams zu verteilen. Für kleine und mittlere unternehmen ist das finanziell und personell schwer zu stemmen. Es können teilweise jetzt schon kaum Ausfälle von kurzen Krankheitszeiten aufgegangen werden.
Brillenschlumpf 03.09.2014
3. Danke VW
Ich kenne Leute, die alles dafür gegeben hätten, bei VW in WOB zu arbeiten. Leute, die motiviert sind, ihre Lebensplanung im Griff haben, und fachlich sehr gut drauf sind. Leider hat VW einige dieser Menschen nicht benötigt. Jetzt weiß ich auch warum: es handelt sich bei VW um einen Konzern, dem die individuelle Förderung seiner Mitarbeiter eben am Herzen liegt. Da hält VW lieber eine Stelle für eine Mitarbeiter frei, die "keinen Plan" hat, als eine engagierte Kraft einzustellen. Liebe VW-Verantwortlichen, vielen Dank für diesen #VW_PR_GAU
lupidus 03.09.2014
4. nicht schon wieder !
ist das eine propaganda-welle bei spon ? jede woche wird irgendein aussteiger vorgestellt, der ja sowas von glücklich ist und bei dem die sonne plötzlich da scheint wo sie vorher nie schien. einfach weil man sich aus dem "sicheren/gutbezahlten" job ins unbekannte stürzt, quasi auf alle annehmlichkeiten der zivilisation verzichtet dafür mit einem verwegenen "plan" - und der sicherheit der solidargemeinschaft im hinterkopf. immerhin gut zu wissen, dass bei vw leute in der hr arbeiten, die vom leben absolut keine ahnung haben und dann womöglich noch in der personalpolitik mitmischen. warum schreibt ihr nichtmal was über die armen schweine, die ihren job hassen, ausgebeutet werden von der firma, vom chef gemobbt werden aber trotzdem weitermachen, weil sie sowas wie verantwortung für ihre familie empfinden (nein, ich meine damit nicht mich selbst, dafür gehts mir dann doch zu gut) ? ah so, zu langweilig/spießig/mainstream...
peter_1974 03.09.2014
5.
Zitat von BrillenschlumpfIch kenne Leute, die alles dafür gegeben hätten, bei VW in WOB zu arbeiten. Leute, die motiviert sind, ihre Lebensplanung im Griff haben, und fachlich sehr gut drauf sind. Leider hat VW einige dieser Menschen nicht benötigt. Jetzt weiß ich auch warum: es handelt sich bei VW um einen Konzern, dem die individuelle Förderung seiner Mitarbeiter eben am Herzen liegt. Da hält VW lieber eine Stelle für eine Mitarbeiter frei, die "keinen Plan" hat, als eine engagierte Kraft einzustellen. Liebe VW-Verantwortlichen, vielen Dank für diesen #VW_PR_GAU
So wie es ausschaut, ist die Dame clever, neugierig und sehr einfallsreich, mit Mut und offen für neue Ideen. Ich kann schon verstehen, warum ihr Arbeitgeber ihr die Option offen lässt, zurück zu kommen.
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