Einwanderer als Chance Neues Deutschland

Vom Sortierband ins Management, von der Provinz an die Spitze der Computerspielentwicklung: Hin und wieder boxen sich Migranten in Deutschland nach oben durch. Sie zeigen damit, welches Potential Unternehmen heben können, wenn sie mehr Vielfalt in den Vorständen zulassen.

Dieter Schwer

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Beim Paketesortieren ist das so, erklärt Herr Liu: Ganz vorn, wo mit Wucht ein Erdrutsch aus Paketen aufs Band schlägt, stehen die Neulinge. Je weiter das Band läuft, desto mehr Pakete sind weg, es wird ruhiger. Ganz hinten, wo aus dem Erdrutsch ein behäbiges Rinnsal geworden ist, arbeiten die alten Hasen. Es ist der beste Platz, und nach vielen Monaten als Paketsortierer bei UPS in Köln-Ossendorf war es Lius Platz.

20 Jahre ist das her, in China war der Volksaufstand gescheitert, viele Studenten wollten weg, Liu auch. Mit abgebrochenem Studium und schmalen 300 Mark landete er im frisch vereinigten Deutschland, kellnerte im Restaurant "Lotos" und jobbte bei UPS, um sich sein neues Studium hier zu finanzieren. Pädagogik, Politikwissenschaften, Anglistik, nicht gerade ein Karriereturbo, und Deutsch konnte er auch nicht.

"Ich hatte keinen festen Plan", sagt Liu und zeigt sein verbindliches Lächeln. "Nur die Devise: Mach das, was dir in die Hand fällt, so gut wie irgend möglich. Irgendwann wird dich dieser Weg zum Erfolg führen." Das bewährte sich bei UPS, und es bewährte sich in seiner Blitzkarriere bei Bayer: 14 Jahre später wird Zhengrong Liu (42) Personalleiter der von Bayer abgespaltenen Chemiefirma Lanxess, der einzige Chinese im Topmanagement eines deutschen Konzerns.

"Der ökonomische Aspekt der Migration rückt in den Vordergrund"

Man darf getrost davon ausgehen, dass Thilo Sarrazin nicht Menschen wie Liu vor Augen hatte, als er sein Buch "Deutschland schafft sich ab" schrieb. Trotzdem ist Liu einer von denen, um die zwei scharf geführte Debatten in der Republik toben. Die eine dreht sich um Integration (die in Teilen misslungen ist), die andere um die Frage, wie die boomende Wirtschaft künftig ausreichend Fachkräfte findet.

Schweres Geschütz wurde auf beiden Seiten aufgefahren: Das Land brauche keine Migranten "aus anderen Kulturkreisen" mehr, tönte der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer. Ohne massive Zuwanderung werde Deutschland im internationalen Wettbewerb zurückfallen, halten Experten dagegen. Selbst im Krisenjahr 2009 entgingen der Wirtschaft 15 Milliarden Euro, weil Fachkräfte fehlten. "Anders als in den 90ern, als humanitäre Motive dominierten, rückt der ökonomische Aspekt der Migration immer mehr in den Vordergrund", sagt der Soziologe Steffen Kröhnert, Koautor der Integrationsstudie "Ungenutzte Potenziale".

Rund 16 Millionen Menschen aus anderen Staaten (oder deren Nachkommen) leben derzeit im Land - fast jeder fünfte Einwohner hat einen "Migrationshintergrund", wie das auf Bürokratisch heißt; viele sind schon in der zweiten oder dritten Generation hier. Die Situation ist also nicht wirklich neu, "doch durch die Wirtschaftskrise wurde sie für einige Jahre ausgeblendet", wie Maria Böhmer sagt, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Nun drängt sie mit voller Wucht zurück auf die Agenda.

Was unterscheidet erfolgreiche von erfolglosen Migranten?

Es geht um Kosten: Mit bis zu 15 Milliarden Euro jährlich schlägt misslungene Integration laut Bertelsmann Stiftung zu Buche. Es geht um Nutzen: Hundert Euro müsste jeder Deutsche mehr Steuern zahlen, gäbe es die Migranten im Land nicht.

Aber es geht auch um dringend benötigte Talente, Erfolgsgeschichten. Menschen mit Migrationshintergrund sind aus allen gesellschaftlichen Bereichen nicht mehr wegzudenken: Özil und Khedira im Fußball, Bushido im Rap; in Politik, Wissenschaft und auch Wirtschaft: Ob Nedim Cen, Chef von Q-Cells; Francesco De Meo, CEO der Helios Kliniken, oder die Griechen Christos Ramnialis (Vice President Vertrieb bei MTU, einer Tognum-Tochter) und Loukas Rizos, Kapitalmarktvorstand bei der BHF-Bank - zahlreiche Migranten besetzen Managementposten.

In einer Umfrage unter türkischstämmigen Akademikern etwa zeigte sich, dass fast 38 Prozent eine Führungsposition innehaben.

So viel es also bei der Integration um komplexe Details wie Sozialtransfers geht, um Blue Cards und Deutschpflicht auf Schulhöfen, ist doch die eigentliche Frage, die beide Debatten verbindet, überraschend schlicht: Was unterscheidet beruflich erfolgreiche Migranten von erfolglosen? Warum wird der eine Topmanager, während der andere in Neukölln Graffiti sprüht?



insgesamt 35 Beiträge
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saako 05.06.2011
1. Alle Menschen seien Brüder!
aber was ich an der diskussion vermisse: D ist dicht besiedelt, bevölkerungrückgang ist doch da nicht grundsätzlich schlecht ... D muß doch nicht das meiste produzieren, es reicht doch, wenn pro kopf mehr produziert wird, das ist es, was denn wohlstand mehrt und nicht, wenn irgend ne privatfirma über massen an billigarbeitern mehr macht im übrigen bin ich der meinung: priorität auf wertschöpfung statt steuergelder zur privaten werterhaltungsgarantie
HenriCross 05.06.2011
2. Die...
... geschilderten Beispiele mögen ja alle richtig sein, aber es sind doch nur Ausnahmebiographien. Was ist denn mit den ganzen Migranten, die z. B. in Ihrem Islamismus gefangen sind, die schon von zuhause aus keine Chance haben, weil Sie die Alternativen nicht kennen. Wie im Artikel richtig bemerkt, hat Sarrazin dabei schon recht, dass es auf die Erziehung ankommt und nicht im Mittelalter gefangen bleibt. Auf diese Art von Migranten, die uns als Gesellschaft nicht weiter bringen, können wir getrost verzichten!
hatem1 05.06.2011
3. Bushido als leuchtendes Integrationsbeispiel
Ein Mann, der gegen Schwule rappt und - wie er selber in seiner Autobiogafie beschreibt - von der schwerkriminellen Großfamilie Abou-C. beschützen lässt, wird hier als Beispiel gelungener Integration vorgestellt? LOL.
bodenheim111, 05.06.2011
4. re: Neues Deutschland
Nun die Sarrazin/Seehofer-Debatte hat gezeigt, dass wir Konservative uns mit Händen und Füßen gegen ein "Neues Deutschland" wehren werden. Sprüche von der "Bunten Republik Deutschland" und ähnliche pubertäre Formulierungen sollte man auch lieber lassen. Man sollte uns Konservative auch nicht unterschätzen. Warum sollte man auch etwas ändern, das schon so gut ist? Da können die Linksliberalen noch so oft vom "Neuen Deutschland" oder vom Einwanderungsland reden. Und wenn schon Einwanderung, dann qualitative; echte Fachkräfte, vielleicht aus Asien? Nicht immer diese Typen, denen Religion, Burka und Machogehabe das Wichtigste im Leben ist.
bodenheim111, 05.06.2011
5. re
Zitat von hatem1Ein Mann, der gegen Schwule rappt und - wie er selber in seiner Autobiogafie beschreibt - von der schwerkriminellen Großfamilie Abou-C. beschützen lässt, wird hier als Beispiel gelungener Integration vorgestellt? LOL.
völlig richtig. Bushido produziert widerliche Texte. Vielleicht sollte sich der Autor einmal seine Musik anhören. Das ist dann also das neue Deutschland. Goethe, Schiller, Bushido LOL
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