Berufseinstieg mit Bachelor Schmalspurer oder Blitzstarter?

Mal preisen Unternehmen das Tempo des Bachelor-Modells, mal belächeln sie es als kleine Hafenrundfahrt: Sind das überhaupt richtige Akademiker? Fünf Absolventen erzählen, wie sie mit dem Studium Bolognese in den Beruf starten - oder warum sie doch lieber den Master draufsatteln.

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Bachelor-Absolventen (in Hamburg): Endlich fertig! Und dann?
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Bachelor-Absolventen (in Hamburg): Endlich fertig! Und dann?

"Das Bachelor-Studium ist für die Katz." Birgit W., 25, ist wütend. "In drei Jahren haben wir den gleichen Stoff viermal wiederholt, damit auch der Letzte ihn kapiert." Die Biologin hat 2011 ihren Abschluss gemacht und beschreibt die Lehrveranstaltungen als viel zu verschult, obendrein schlecht strukturiert. Sie ist froh, dass sie gleich nach dem Bachelor eine Festanstellung gefunden hat. Darum möchte sie ihren vollen Namen nicht nennen: Sie fürchtet, dass Kollegen oder Kunden sie sonst belächeln.

Eine selbstbewusste Absolventin ist Birgit W. nicht gerade. Und mit ihrer Kritik nicht allein: Viele Bachelor-Anwärter und Absolventen bemängeln das mäßige Niveau und die Überfrachtung ihres Studiums. Andere schätzen das Sechs-Semester-Studium wegen der kürzeren Dauer und internationalen Vergleichbarkeit. Die Verunsicherung unter Jungakademikern ist groß: Was taugt der Bachelor? Ist er in Unternehmen anerkannt - oder sollte man besser gleich den Master draufsatteln?

Das hatten sich die Initiatoren der Bologna-Reform anders vorgestellt. 1999 unterschrieben Europas Wissenschaftsminister in der italienischen Stadt eine Erklärung, die Europas Hochschullandschaft umkrempeln sollte. Ziel der neuen Studienstruktur: Studenten sollten effizienter und näher am Arbeitsmarkt lernen; die Zahl der Studienabbrecher sollte sinken und die Betreuung verbessert werden.

Die Wirtschaft begrüßte die Reform, lange schon hatte sie junge, praxisnah ausgebildete Absolventen gefordert. Mit "Bachelor Welcome!" gründeten Konzerne wie die Deutsche Telekom, BMW und Bertelsmann 2004 eine Initiative, um das Studium Bolognese zu fördern und Absolventen gute Einstiegschancen zu verschaffen.

Nachhilfe für Personaler

Doch mittlerweile regt sich auch bei Bachelor-Fans Kritik: Sorge bereiteten "Fehlentwicklungen in der konkreten Ausgestaltung der Studiengänge", heißt es in der jüngsten Bachelor-Welcome-Erklärung vom Oktober. Zu stark seien Wahlfreiheit und Eigenverantwortung der Studenten in manchen neuen Studiengängen eingeschränkt worden.

Nicht nur große Konzerne sind skeptisch. Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags ergab 2011, dass nur 63 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Erwartungen an die Absolventen erfüllt sehen, vier Prozent weniger als bei der letzten Erhebung. Sie vermissen vor allem die Verknüpfung von Theorie und Praxis bei den Berufseinsteigern.

"Manche Unternehmen sind aber auch schlicht überfordert von den vielen verschiedenen Spielarten der Bachelor- und Masterstudiengänge", sagt Thomas Beer vom Studentischen Förderverein der Naturwissenschaften der Uni Halle. Über Inhalte und Ablauf der Studiengänge klärt der Verein regelmäßig Personaler mit Vorträgen auf. Beers Eindruck: "Der Nachholbedarf ist riesig, gerade kleinere Unternehmen wissen nicht, was sie vom Bachelor erwarten können."

Fünf Bachelor-Absolventen erzählen, welche Vor- und Nachteile sie in ihrem Studium erkennen, warum sie sich für oder gegen den Master entscheiden - und was sie am Bologna-System zweifeln lässt.

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christian_walter 24.01.2012
1. der klassiche "Ex ud Hopp" Akademiker
Na klar, wir haben es auch im Hochschulbetrieb geschafft und den "wirtschaftlichen Anforderungen" der Unternehmen genuege getan. Das alles um den "Standort Deutschland" zu sichern. Nichts anderes. Bildungshochburg sind wir schon lange nicht mehr. Nun schnell ein paar Pseudoakademiker "Baqchelor" aus der taufe gestampft und diese in die Perspektivlosigkeit der Arbeitswelt entlassen. Ein deutscher Bachelor ist ein Abschluss zweiter Klasse "der zu nichts qualifiziert". der Abschluss hat weniger t Fachhochschulniveau, wobei letztere Absolventen wenigstens noch Praxisnezug mitbringen und in der Regel ueber eine sehr viel qualifiziertere Ausbildung verfuegen. Ich arbeite im Moment in einem Land, wo die durchschnittliche Abschlussqualifikation der Akademiker desolat ist. Titel koennen erworben werden. Soweit ist es in D noch nicht. Doch schon der Dreisatz bereitet manchem echte Akademiker artge Schwierigkeiten. Vom Abstraktionsvermoegen und einer Problembearbeitung auf akademischen Niveau spreche ich schon nicht mehr. Ich will aber davon absehen, das Lied zu singen: Frueher war alles besser..... Auch damals war es nicht einfach nach demStudium eine angemessen bezahlte Stellung zu finden, schon gar nicht in dem Bereich in dem ich studiert habe. Ich habe auch ein wenig Glueck gehabt, das gebe ich zu! Dafuer habe ich laenger studiert, mir wuerde etwas vernuenftiges vermittelt , musste natuerlich reinpowern (das muessen die armen Wuerstchen heute auch). Studieren hat sehr viel mit Kopf und Sichtweise oeffnen zu tun und solide Fachkenntnis. Doch, dass schnallen unsere Politiker nicht mehr. Heute geht es darum Halbqualifizierte zu generieren, die sich als Praktikanten oder 26.000 Brutto zur Mehrwertsteigerung des Unternehmens den Arm aufreissen oder gleich als Packer oder Hartz IV beginnen. Traurig das Ganze und vor allem unnoetig in einem der reichsten Laender der Erde, welches sich einmal durch Denker ausgezeichnet hat.
danielohondo 24.01.2012
2. Nicht ganz !
Herr Wirtschaftsingenieur vergleicht seinen Bachelor mit dem Diplom an seiner FH, als ob es das gleiche wäre. Nun, es mag vielleicht an seiner FH so sein, bei uns ist es anders. Da ich noch auf Diplom studiere und meine Diplomarbeit jetzt schreibe und wir auch im Betrieb noch Bachelorstudenten haben, kann ich sehr gut vergleichen. Auch die Studien- und Prüfungsordnungen musste ich mir genau angucken, so war der Vergleich ganz einfach. Das Bachelor-Studium an der FH wurde um einen Semester gekürzt und es wurden zum Teil einige Fächer rausgeworfen, bzw. gekürzt oder anders aufgebaut. Dafür wurden mehr Übungsstunden eingefügt, wo die Studenten mehr den Stoff einprägen können. Die Praktische Phase wurde dadurch kürzer. Man muss nun die Bachelorarbeit und das Praxissemester innerhalb des 7ten Semester erledigen. An sich sind die Veränderungen klein, da die Praxisphase kürzer ist und einige Fächer etwas beschnitten wurden, aber es ist immer noch ein vollwertiges Studium mit einem akademischen Grad, den man auch verdient bekommt. Trotz allem ist es nicht mit Diplom vergleichbar, da man durch längere Praxisphase, sprich Diplom 6 Monate, Praxissemester 6 Monate deutlich mehr Praxisbezug hatte. Außerdem konnte man die Fächer auch so belegen, wie man es wollte. Man war nicht gezwungen streng nach Plan zu studieren und konnte noch nebenbei Arbeiten. Heute müssen die Bachelorstudenten Auflagen erfüllen mit Creditpoints und möglichst den Plan einhalten, weil sonst Nachteile für Studenten entstehen. An der Uni ist der Bachelorabschluss nichts weiter als erweitertet Vordiplom mit paar Fächern mehr und einer Bachelorarbeit die vom Umfang her eine Projektarbeit nicht überschreiten muss, aber kann. Praxisbezug gleich null, es sei denn der Student macht selbst Praktika in Semesterferien oder ganzes Semester währende des Studiums. Es sind dann 6 Semester insgesamt ohne Praxis. Nun, wenn ich Personaler wäre und entscheiden müsste, ob ich Bachelor(FH) oder Bacherlo(Uni) einstellen soll, dann ist wohl die Entscheidung klar, wer bessere Karten hat. Eindeutig der FHler, da dieser immer noch solide ausgebildet werden mit sehr kleinen Abstrichen, die man aber locker wettmacht gegenüber den älterden Diplom(FH). Also, wenn man an der Uni seinen Bachelor bekommen hat, dann würde ich unbedingt einen Master dranhängen, sonst hat man einfach keinen vollwertigen Abschluss. MFG.
mauimeyer 24.01.2012
3. Das deutsche Bildungssystem...
Zitat von sysopMal preisen Unternehmen das Tempo des Bachelor-Modells, mal belächeln sie es als kleine Hafenrundfahrt:*Sind das überhaupt richtige Akademiker? Fünf Absolventen erzählen, wie sie mit dem Studium Bolognese in den Beruf starten - oder warum sie doch lieber den Master draufsatteln. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,810404,00.html
..hatte diese Europäische Regelung nicht nötig! Jetzt soll sogar die Krankenschwester zum Bachelor ausgebildet werden. Wird sie dadurch besser? Was wir mit Sicherheit haben, ist eine Inflationierung der Bildungsabschlüsse. Die Spreizung der Leistungen innerhalb der gleichen Gruppe ist erheblich und teilweise mit gutem Gewissen kaum vertretbar. Die gehaltsrelevante Beurteilung von Professoren durch Studierende hat zu erheblichen Konzessionen bei der Zensuren-Bildung geführt. Nach dem x-ten Versuch ist dann die "5" das "Aus" fürs Leben. Dann wird eben eine "4" daraus gemacht. Vermeidet auch Ärger. Wenn man die Pseudo-Zertifikate mancher Unis aus dem Club-Mediterranee anschaut, muß man ja hier ein wenig "nachsichtig" handeln. Diese Situation hat sich mit dem Bachelor verstärkt.Auswendiglernen-auskotzen in der Prüfung-vergessen- aber nicht begreifen. Dabei sind die alle nett und höflich! So ist das, wenn man (OECD) >35% eines Altersjahrgangs studieren läßt. Zum Schluß haben wir Viele, die vieles wissen (wenn schon) aber nichts können. Die frühere "Höhere Handelsschule" war auf Grund ihrer Klientel (richtige Abiturienten, wo man Mathe noch nicht abwählen konnte)) meist über dem heutigen Niveau "Bachelor of Business Administration". Ich weiß, ich bin alt! Macht nichts. Mir muß man nicht glauben! Die Wahrheit deckt der Arbeitsmarkt unerbittlich auf! Kauri
jehudi 24.01.2012
4.
Ich kann nur jedem davon abraten bei dem B- Studium stehen zu bleiben. Wir stellen viele Akademiker ein, aber so gut wie nie einen Bachelor. Leute , Zähne zusammenbeißen und nochmals hinsitzen. Es lohnt sich.... Sonst habt Ihr einfach nur 3,5 Jahre vergeudet und hättet einfach besser eine Berufsausbildung gemacht.
--_Der_Kleine_Prinz_-- 24.01.2012
5. Mag sein, dass Sie alt sind, aber ...
Zitat von mauimeyer..hatte diese Europäische Regelung nicht nötig! Jetzt soll sogar die Krankenschwester zum Bachelor ausgebildet werden. Wird sie dadurch besser? Was wir mit Sicherheit haben, ist eine Inflationierung der Bildungsabschlüsse. Die Spreizung der Leistungen innerhalb der gleichen Gruppe ist erheblich und teilweise mit gutem Gewissen kaum vertretbar. Die gehaltsrelevante Beurteilung von Professoren durch Studierende hat zu erheblichen Konzessionen bei der Zensuren-Bildung geführt. Nach dem x-ten Versuch ist dann die "5" das "Aus" fürs Leben. Dann wird eben eine "4" daraus gemacht. Vermeidet auch Ärger. Wenn man die Pseudo-Zertifikate mancher Unis aus dem Club-Mediterranee anschaut, muß man ja hier ein wenig "nachsichtig" handeln. Diese Situation hat sich mit dem Bachelor verstärkt.Auswendiglernen-auskotzen in der Prüfung-vergessen- aber nicht begreifen. Dabei sind die alle nett und höflich! So ist das, wenn man (OECD) >35% eines Altersjahrgangs studieren läßt. Zum Schluß haben wir Viele, die vieles wissen (wenn schon) aber nichts können. Die frühere "Höhere Handelsschule" war auf Grund ihrer Klientel (richtige Abiturienten, wo man Mathe noch nicht abwählen konnte)) meist über dem heutigen Niveau "Bachelor of Business Administration". Ich weiß, ich bin alt! Macht nichts. Mir muß man nicht glauben! Die Wahrheit deckt der Arbeitsmarkt unerbittlich auf! Kauri
... dennoch haben Sie weder immer Unrecht noch immer Recht. Ich bin übrigens auch über 50. Und ich bin Ingenieur, Dipl.-Ing., um genau zu sein. Das Problem des Bachelors ist ein anderes, denke ich: Die Wirtschaft wollte billige Arbeitskräfte, die Ansprüche an die Arbeitnehmer steigen in unserer "durchtechnisierten" Welt, die Politiker als Klientel-Bediener haben den Dipl.-Ing. geopfert. So sieht es für mich aus. Denn der Dipl.-Ing. war ein absolutes Qualtitätsprädikat, auch im tiefsten Afrika wusste man damit etwas anzufangen. (Nicht, dass jeder Dipl.-Ing. wirklich gut war, nene, das nun nicht. Da gab es ebenfalls Schatten.) Außerdem war diese Reform zum Batscheloor ja auch DIE Gelegenheit zur Einführung von Studiengebühren, nicht wahr, werte Politikerkaste? Und nun stellen alle entsetzt fest, dass das Ganze ein Fehlschlag war. Da gibt es Unis, die den Diplomstudiengang wieder einführen (sehr vernünftige Leute!). Und unsere Politiker ... tja, die stehen da und staunen. Es ist sehr traurig, dass hier nur große, ernsthafte Leute am Werk waren. Besonders für die Kinder, die sich zum Bachelor ausbilden ließen - die Industrie hat nämlich inzwischen bemerkt, dass das mit den billigen Arbeitskräften nichts ist. Die machen eben auch nur billige Produkte. Mit ein wenig Nachdenken hätte man da auch vorher drauf kommen können.
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