Freiberufler-Träume im Herbst Und sie folgen der Sonne

Wie wollen wir leben, wovon wollen wir träumen? Und wozu sollen wir im langen, grauen Herbst mit der Grippe ringen? Wer zum Arbeiten nur ein Notebook braucht, kann auch in Strandnähe kreativ sein. Coworking in sonnigen Büros macht's leichter.

Sunny Office

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Gerade sucht Katja Andes, 28, aus Berlin-Mitte den perfekten Ort für Dezember. In Spanien könne es da ungemütlich werden, sagt sie. Andes schwört auf eine Kombination aus Coworking und Cohousing, "Sunny Office" hat sie ihre Idee getauft. Im April flog sie mit einer Gruppe Freiberufler nach Alicante, im September reist sie nach Barcelona, für November ist ihr Flug nach Lissabon gebucht.

Der beste Ort für Dezember sind vermutlich die Kanaren, glaubt sie. Andes sucht im Internet nach einer Villa mit Swimmingpool, Garten, Meerblick und schneller Internet-Verbindung, sie kümmert sich um den Transfer der Freelancer vom Flughafen. Für zwei Wochen wohnen Programmierer, Existenzgründer und Selbständige an den von ihr gefundenen Traumorten.

Der Arbeitstag beginnt mit dem Blick über das Mittelmeer, einem Kaffee im Liegestuhl, abends gibt es eine Runde, bei der jeder von seinen Plänen für den nächsten Tag berichtet. "Wir sind nichts für komplette Eigenbrötler", sagt Andes. Eine Idee mal in die Runde zu werfen, gehört dazu: "Wer mitkommt, sollte am Feedback interessiert sein." Viele ihrer einander zunächst unbekannten Mitreisenden berichten von dem Gefühl der Kontrolle durch die Gruppe. Schließlich erinnern sich die anderen an das, was man erledigen wollte und fragen nach. Ein Teilnehmer sagt: "Wir haben uns jeden Tag eine richtige Challenge geliefert."

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Für das, was sie tut, findet Katja Andes große Worte: "Wir glauben nicht an Berufswahl. Die Idee ist, sich seinen Lifestyle komplett nach den eigenen Bedürfnissen zu basteln." Manchmal habe sie das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein: "Es gibt immer mehr Selbständige. Ich träume von einem weltweiten Netzwerk an tollen Locations."

Oft sickern Szene-Ideen bald in den Konzernkosmos ein

Die Nachfrage nach ortsunabhängigem Arbeiten ist da. Momentan möchte Andes mit Selbständigen unter der Palme arbeiten, aber vielleicht wollen auch Firmen ihre Teams mal zum gemeinsamen Arbeiten ins "Sunny Office" schicken, überlegt sie.

Das ist alles andere als abwegig: Schon die Coworking Spaces, zunächst ein Treffpunkt für kreative Einzelkämpfer und ein Hafen für heimatlose Hipster, entdeckten Großunternehmen als neue Kundschaft. Firmen wie Otto finden es gut, ihren Mitarbeitern eine Alternative zu muffigen 08/15-Büros zu bieten. Und im Berliner "Supermarkt" zwischen Kulturzentrum, Café und Künstlerbüros mieten sich gern auch mal die Telekom oder das Hasso-Plattner-Institut ein.

So geht's ja oft: Eine Szene-Idee wird langsam geländegängig, sickert dann in den Konzernkosmos ein. Manchmal muss man vorher Lehrgeld zahlen. Katja Andes musste es gleich zu Beginn, auf denkwürdige Art. So toll sah die Villa aus auf den Fotos im Internet, so seriös klang die Vermieterin am Telefon. Nur: Als sie im spanischen Alicante vor der Villa stand, war niemand da, die Frau offenbar eine Betrügerin. Also ab zu McDonald's und mit Burger zum Strand.

Was zählt: Bett, Schreibtisch, schnelles Internet

Auf ihrem Handy googelte Andes hektisch, nach vier Stunden hatte sie eine neue Villa. Ihre Gruppe wusste vier Tage später am Abendbrottisch nicht, ob die unterhaltsame Abenteuergeschichte stimmte oder ein Witz war.

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Für die nächsten Ziele Alicante, Lissabon, Kanaren zahlen die Teilnehmer ab 790 Euro aufwärts für zwei Wochen, Flug nicht inbegriffen. Sie sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Eine Mischung aus Programmierern, Designern, Gründern; ein Teilnehmer will seine Masterarbeit vollenden.

Sunny Office ist nicht allein, ähnliche Projekte verbreiten sich langsam. So werben auf Gran Canaria die Jungs von Surf Office mit "Coworking on the Beach". Selbst im Januar liegt die Temperatur auf der Insel noch im Schnitt bei angenehmen 21 Grad. Während Angestellte daheim durch den Schnee zum Büro stapfen und mit Grippewellen kämpfen, können ihre Gäste über den Sand hüpfen, etwas Kühles trinken und auf ihre Laptops hacken. Die Jungs vom Office bieten ihren Coworkern Bett, Schreibtisch und ein schnelles Internet - die Woche für 300 Euro.

Sinn gesucht, nicht gefunden, gekündigt

Wer nach Bali oder Thailand will, ist bei Project-Getaway richtig, hier geht es um Fernreisen und kollaboratives Arbeiten. Und mit OpenFinca befindet sich ein Coworking-Projekt auf Mallorca in der Finanzierungsphase per Crowdfunding. So was gibt es natürlich auch als Naherholung, etwa als "workation week" in Berlin, inklusive "eintägiger Havel-Fahrt in inspirierender Umgebung".

Außer um Haus, Reiseorganisation und W-Lan kümmern sich die Anbieter meist auch um Workshops für die digitalen Weltenbummler, um Inspiration und Austausch. Auch die Reiseteams werden so gewürfelt, dass möglichst Synergien entstehen.

"Ich habe mich viel zu lange nach meinem Job gerichtet", sagt Katja Andes. Vor Sunny Office arbeitete sie fünf Jahre bei Siemens, angestellt, als Beraterin. Gekündigt hat sie "wegen der Sinnfrage". Auch während sie andere Projekte anschob und im Entrepreneurship-Studium in Mannheim Unternehmergeist schnupperte, bot der Job immer noch Sicherheit. "Aber irgendwann musste das ehrlicher gelebt werden."

Neben Sunny Office hat Andes heute freie Projekte, die Geld einfahren, berät Gründer und prüft deren Ideen. Manchmal lugt sie in die Bibeln der Szene - zum Beispiel "Die Vier-Stunden-Woche" von Tim Ferriss oder "Kopf schlägt Kapital" für intelligentes Gründen. Sie fragt sich, wie viel sie braucht für ihren optimalen Lebensstil: "Ich will für meine Träume nicht auf Tag X warten."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Stefanie Maeck (Jahrgang 1975) ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
ratxi 30.09.2013
1. Wunderbar.
Zitat von sysopSunny OfficeWie wollen wir leben, wovon wollen wir träumen? Und wozu sollen wir im langen, grauen Herbst mit der Grippe ringen? Wer zum Arbeiten nur ein Notebook braucht, kann auch in Strandnähe kreativ sein. Coworking in sonnigen Büros macht's leichter. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/ab-in-den-sueden-wie-freiberufler-nach-sonnen-bueros-suchen-a-923636.html
Ich kenne eine Dame, die als Übersetzerin tätig ist und ausser ihrem Laptop nichts zum arbeiten braucht. Letztens war sie wieder für 3 Monate in Vietnam, nach diversen anderen längeren Auslandsaufenthalten. Urlaub macht sie dann aber ab und an auch; natürlich zu Hause... :)
dirk van appeldorn 30.09.2013
2. Oh je...
cohousing, coworking, sunny office, richtige Challenge,, Project Getaway, OpenFinca, crowdfunding,... aber auf der anderen Seite (the other side) W-LAN (boys, das heisst Wifi) und Handy (girls, das heisst mobile or cell). Die deutsche Sprache ist dead. Eingetauscht gegen Begriffe, über die man in englischsprachigen Ländern nur noch mit dem Kopf schüttelt. Wenn diese Leute die Future sind, dann seh ich total black.
helgolander 30.09.2013
3. Am Strand manchmal zu heiss und zu crowded
Habe meinen festen Job in Bremen vor drei Jahren an den Nagel gehängt und mach mich seitdem immer dann wenn es in Deutschland dunkel wird auf nach Bali. Allerdings ist es mir in mehrfacher Hinsicht zu heiss dort am Strand, Ubud für mich die bessere Alternative. Hier in der Ladybamboo treffen sich regelmässig dem hellen, aber nicht zu heissen Zugeneigte und dem ökologischen Verhaftete - wobei von einigen All-in-Pakete (Schlafen, Essen, Internet, Yoga) als auch Arbeit gegen Unterkunft und Verpflegung Arrangements nachgefragt werden. Neben mir sind noch ein Videomacher und ein Fotograf hier, gesucht wird wohl noch ein Webdesigner und Vermarkter, bevorzugt Fahrradenthusiasten…wieso also noch auf das Leiden und die grauen Tage warten: Wie dieser tolle Artikel zeigt gibt es Alternativen!
misscecily 30.09.2013
4. Hnnnn...
Ja - Der Süden ist wärmer als Der Norden und Co-working gibt es. Ansonsten? Ein inhaltsfreier repetitiver Artikel. Oh Spiegel, du warst mal so gut...
zippex 30.09.2013
5. Jaja,
...die können auf ihren spiegelnden Displays in der Sonne doch eh nichts lesen ;-)
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