Management trifft Mensch Achtsamkeit und so

Plötzlich sollen Chefs Gefühle haben. Achtsam sollen sie sein - gegenüber ihren Mitarbeitern und sich selbst. Manche Firmen bieten schon Meditationszimmer an. Was soll das?

Yoga-Anhängerinnen
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Eine Kolumne von


Neulich betrat Bernd das Büro seines Chefs und überraschte ihn dabei, wie er hochkonzentriert eine Rosine betrachtete. Bernd räusperte sich zaghaft, um zu verdeutlichen, dass es außer der Rosine noch eine Sache im Raum gebe, welche auf die Aufmerksamkeit seines Vorgesetzten hoffe. Sein Chef drehte sich um. "Sehen Sie mal hier", sagte er, "dieses kleine schrumpelige Gebilde. Wenn Sie es lange genug anfassen, denken Sie, es käme aus einem anderen Universum."

Der Vorgesetzte hielt die Rosine behutsam gegen das Deckenlicht. "Probieren Sie, fühlen Sie, schmecken Sie." Bernd tat wie geheißen. "Na?", fragte sein Gegenüber . "Was schmecken Sie?" "Äh", sagte Bernd, "Rosine?" Sein Chef überschlug sich beinahe vor Begeisterung: "Ha! Ganz genau! Nach ROSINE!! Wahnsinnig faszinierend, oder?"

Später in seinem Büro googelte Bernd seinen Chef, um herauszufinden, unter welch armseligen Verhältnissen dieser aufgewachsen war, dass ihn eine Rosine in derartige Ekstase versetzte. Doch sein Vorgesetzter stammte aus gutbürgerlichem Elternhaus, hatte als Jugendlicher Hockey und Geige gespielt und eine angesehene Privatuniversität besucht. Bernd gab "Rosine + Führungskraft" in die Suchmaske ein - und da war es: Das Betrachten der Rosine, las er staunend, ist eine klassische Übung der Achtsamkeitslehre.

Empathie und so

Und achtsame Führung ist das aktuell heiße Ding. Empathie, Bewusstsein für den gegenwärtigen Moment, Selbsterkenntnis, Selbstregulierung, Stressreduktion. In einer Welt, die von VUCA geprägt ist (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiquity), ist die Besinnung aufs eigene Ich eine wichtige Leitplanke für Führungskräfte.

Längst hat die Achtsamkeitswelle die Eso-Ecke verlassen. SAP hat kürzlich ein globales Achtsamkeitsprogramm ausgerufen, Google widmete den Powernapping-Raum im Hamburger Büro in ein Meditationszimmer um, der Chemiekonzern BASF unterhält in Ludwigshafen ein Gesundheitszentrum, in dem nicht nur sportlich geschwitzt, sondern auch achtsam meditiert werden soll.

Hieß es einst, ein guter Vorgesetzter solle sich nicht zu sehr von seinen Gefühlen lenken lassen, lautet die neue Devise: Gerade Emotionen bestimmen, wer wir sind und wie wir führen. Wer sich das bewusst macht, ist eine bessere Führungskraft. Empathie und so.

"Sie wissen aber schon, dass das ein bisschen viel ist?"

Wonach schmeckt das?
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Wonach schmeckt das?

Für Bernd kommt der Hype einigermaßen überraschend und obendrein zur Unzeit. Als Jugendlicher hatte er gerne sehr weite Hosen sowie gebatikte Hemden getragen und meditiert, bis der Arzt kam. Was das ein oder andere Mal durchaus wörtlich zu verstehen war, da er sich diverser Meditationsfördernder Substanzen bedient hatte.

Doch nachdem ihn ein Zufall dazu getrieben hatte, sich an der Universität für Betriebswirtschaft einzuschreiben, war seine Kehrtwende radikal. Die Batiksachen kamen in den Altkleidercontainer, die Räucherstäbchen in den Müll. Im Hörsaal trug Bernd immer Anzug, höchstens am Freitagnachmittag ein Jackett.

Dem Stress und dem Druck in seinen ersten Führungspositionen begegnete Bernd nicht mit Meditation, sondern mit dem, was damals der Klassiker war: Nach ein, zwei Gläschen Rotwein sah die Sache meist schon ganz anders aus. Damit hörte er aber nach einem denkwürdigen Arztbesuch vor drei Jahren auch auf. Auf die Frage, wie viel Alkohol er denn so trinke, hatte Bernd sein Pensum im Kopf durch drei geteilt und dem Doktor diese Zahl genannt. Darauf dieser: "Oh, Sie wissen aber schon, dass das ein bisschen viel ist?"

Bloß nicht blockieren

Seitdem macht Bernd Sport. Und gerade jetzt, wo seine Vorhand im Squash mehr als passabel ist und er zehn Kilometer joggen kann, ohne in Ohnmacht zu fallen - gerade jetzt kommt sein Chef mit Achtsamkeit und Rosinen. "Bernd, Sie müssen bei dem Thema in die Öffnung gehen, nicht blockieren."

Also geht Bernd in die Öffnung. Er kauft eine Großpackung Rosinen, besucht ein Seminar über "Mindful Leadership" und begleitet seine Frau zum Yoga. Das Ergebnis ist verheerend. Weil ihm das Betrachten nach zwanzig Sekunden zu öde wird, isst er die Rosinen alle auf. Während "Mindful Leadership" schläft er ein, und seiner Frau ist sein Auftritt peinlich. Dabei hatte er sich so gefreut, als er doch noch eins seiner alten Batikhemden im Schrank gefunden hatte.

Bernd dreht den Spieß jetzt um. "Ich begreife mich in meinem Team vor allem als Ermöglicher von Achtsamkeit", sagt er seinem Chef. Dann kauft er eine neue Großpackung Rosinen und verteilt sie an seine Mitarbeiter, verbunden mit einigen allgemeinen Anleitungen zum Thema. In zwei Wochen, kündigt er an, wolle er Erfolge sehen.

Die Achtsamkeit anderer zu kontrollieren scheint ihm wesentlich einfacher als sie selbst zu lernen. Das hat er von seinem Chef gelernt.

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Seite 1
mbruehl 04.10.2016
1.
Danke, danke, danke, danke für diesen Artikel. Genau so habe ich "Achtsamkeit" im Managemnet erlebt.
leo19 04.10.2016
2. Da bin ich aber schon froh, dass ich inzwischen pensioniert bin!
wenn ich mir meine ehemaligen Chefs im Achtsamkeitsmodus vorstelle ... Wieder eine neue Sau, die durchs Management-Dorf getrieben wird. Immerhin besteht die Chance, dass der eine oder andere merkt, dass er am besten in Frühpension gehen sollte. Die Firmen sollten das grosszügig unterstützen, denn der Schaden der so abgewendet werden könnte wäre das Geld mehr als wert. Immerhin ist der Artikel gut geschrieben! Irgendwie witzig und doch informativ, wie vor 30 Jahren im "Spiegel".
andreasbender 04.10.2016
3. Jeder hat seinen eigenen Zugang zum Thema
Der Artikel ist recht unterhaltsam geschrieben (und zeichnet wohl die Entwicklung vieler 'Durchschnittsangestellten' nach, inklusive der Verwirrung was nun 'richtig' ist, und was man so tun soll). Zum Inhaltlichen: Vor ungefaehr zwei Jahren habe ich mit dem Meditieren angefangen, und mir persoenlich hat das unheimlich viel gegeben. Die Frage des 'right effort' ist da unheimlich wichtig - weder verkrampft, noch faul, der gesunde Mittelweg eben (und den natuerlich auch nicht zu extrem). Das laesst sich dann recht gut auf das restliche Arbeitsleben (und den durchgaengigen Zustand des 'Minds' allgemein) uebertragen, und dadurch fiel recht viel Anspannung von mir ab. Interessanterweise hilft mir Meditieren auch dabei Langstrecke zu laufen - der Moment, der naechste Schritt, wie gehe ich mit Wuenschen um (zB dem Wunsch aufzugeben), das ergaenzt sich viel besser als ich vorher dachte. Auch im stressigen Situationen im Job gibt es jetzt mehr Beobachten und die Moeglichkeit zur (inneren) Pause, dadurch weniger Reaktivitaet, und insgesamt eben weniger Anspannung. Ja, insgesamt hat mir Meditation wirklich 'viel gebracht' - wobei es natuerlich eher ein Weg war, und eben immer noch ist. Als Einstieg sind die mittlerweile recht verbreiteten MBSR-Kurse zu empfehlen - allerdings ist das etwas mehr der 'quick fix' als wirkliche Meditation. Jedoch, was hilft hilft - und auf die Dauer ist Sport, Meditation (oder Naehen, Spazieren Gehen, etc., je nach persoenlichen Vorlieben) ein selbsterhaltender Weg sich zu Entspannen (im Gegensatz zum oben genannten Rotwein im Uebermass... aber natuerlich auch nicht im Untermass, eben alles im gesunden Gleichgewicht, das jeder selber fuer sich finden muss und auch mit etwas Gefuehl fuer sich selbst finden kann.)
KlausKram 04.10.2016
4.
Zitat von andreasbenderDer Artikel ist recht unterhaltsam geschrieben (und zeichnet wohl die Entwicklung vieler 'Durchschnittsangestellten' nach, inklusive der Verwirrung was nun 'richtig' ist, und was man so tun soll). Zum Inhaltlichen: Vor ungefaehr zwei Jahren habe ich mit dem Meditieren angefangen, und mir persoenlich hat das unheimlich viel gegeben. Die Frage des 'right effort' ist da unheimlich wichtig - weder verkrampft, noch faul, der gesunde Mittelweg eben (und den natuerlich auch nicht zu extrem). Das laesst sich dann recht gut auf das restliche Arbeitsleben (und den durchgaengigen Zustand des 'Minds' allgemein) uebertragen, und dadurch fiel recht viel Anspannung von mir ab. Interessanterweise hilft mir Meditieren auch dabei Langstrecke zu laufen - der Moment, der naechste Schritt, wie gehe ich mit Wuenschen um (zB dem Wunsch aufzugeben), das ergaenzt sich viel besser als ich vorher dachte. Auch im stressigen Situationen im Job gibt es jetzt mehr Beobachten und die Moeglichkeit zur (inneren) Pause, dadurch weniger Reaktivitaet, und insgesamt eben weniger Anspannung. Ja, insgesamt hat mir Meditation wirklich 'viel gebracht' - wobei es natuerlich eher ein Weg war, und eben immer noch ist. Als Einstieg sind die mittlerweile recht verbreiteten MBSR-Kurse zu empfehlen - allerdings ist das etwas mehr der 'quick fix' als wirkliche Meditation. Jedoch, was hilft hilft - und auf die Dauer ist Sport, Meditation (oder Naehen, Spazieren Gehen, etc., je nach persoenlichen Vorlieben) ein selbsterhaltender Weg sich zu Entspannen (im Gegensatz zum oben genannten Rotwein im Uebermass... aber natuerlich auch nicht im Untermass, eben alles im gesunden Gleichgewicht, das jeder selber fuer sich finden muss und auch mit etwas Gefuehl fuer sich selbst finden kann.)
Nach dem Sie etwas abwertend über den 'Durchschnittsangestellten' schrieben - musste ich spätestens bei 'right effort' lachen. Sie sind genau die Person, dieser Durchschnittsangestellte/maximum mittleres Management die im Text beschrieben wird: Irgendjemand setzt ihn jetzt "DAS" Rezept vor, und Sie versuchen es nicht nur - nein nein - SIE sind DER Experte, der nur müde über den 'quick fix' der anderen lachen kann. Wahrscheinlich erklären Sie Ihrem Chef verzweifelt wie das mit dem meditieren wirklich funktioniert, während der sich schon lange mit anderen Dingen beschäftigt. Nächstes Jahr wird Ihnen erzählt, Sie müssen mit den Pflanzen in Ihrem Büro reden um Ihre Einfühlsamkeit auch den Mitarbeitern gegenüber zu beweisen und Sie werden es tun. Nein, Sie werden es nicht nur tun, SIE werden den Dialekt von Yucca-Palme und ollem Basilikum erkennen, deuten, interpretieren und an die colleagues die nur einen quick fix searchen mal eben translaten, weil Sie wissen wo der right effort liegt.
curiosus_ 04.10.2016
5. Wieder mal...
...eine neue unter den vielen Managementmoden. Jeder der hinter so etwas herrennt ist fürs Management eher ungeeignet. Autonomie und Authentizität - das sollte ein guter Manager mitbringen. Und dann hat er das mit der "Achtsamkeit" schon lange selbst erkannt und umgesetzt, lange bevor das nun (meist völlig übertrieben, Stichwort "Rosine") zum nächsten Managerhype wird. Der dann vom Übernächsten Hype (dessen Inhalt der gute Manager auch schon lange für sich umgesetzt hat) durchs Dorf getrieben wird. Und jeder Manager der sein Leben lang hinter diesen Hypes herrennt ist ein armes Würstchen. Wie soll der führen wenn er etwas nicht selbst erkennt und umsetzt sondern in seinem Führungsverhalten fremdbestimmt wird? So jemand führt maximal durch seine Macht, aber nicht weil seine Untergebenen ihn als Autorität anerkennen, unabhängig von seiner hierarchischen Stellung. Aber von diesen "Respektspersonen" gibt es leider viel zu viele. Und die anderen, die "natürlichen" Führungspersonen - die kann man zählen.
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