Actionpainting mit Kollegen "Vergesst die blöde Kunstlehrerin"

Das Betriebsklima in Ihrer Firma ist nicht das beste? Es könnte helfen, die Kollegen einfach mal mit Farbe zu beklecksen. Die Künstlerin Etelka Kovacs-Koller bietet dafür Seminare an. Die machen Spaß - aber bringt das was fürs Unternehmen?

Matthias Kaufmann

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Als erstes lassen die Kollegen die Hosen runter. "Ich habe für jeden einen Overall und Überziehstrümpfe hier. Packt alles sicher ein, wegen der Farbe. Und zieht so wenig wie möglich unter den Blaumann, schwitzen werdet ihr sowieso", sagt Etelka Kovacs-Koller. Schüchterne Blicke. "Wer möchte, kann sich da hinten in der Toilette umziehen", setzt sie hinzu.

Doch da haben sich die meisten Seminarteilnehmer längst durchgerungen: eine Gruppe von Mitarbeitern des Modehauses Wöhrl, elf Leute aller Altersgruppen, aus Verkauf, IT und Verwaltung. Auch Michael Wolf, Cheforganisator des Mittelständlers, seit über 40 Jahren in der Firma und per Du mit der Gründerfamilie Wöhrl, zieht sich den Blaumann über die Karo-Shorts.

Ein ungewohnter Anblick: Der silberhaarige Geschäftsführer in Malocherkluft, daneben die Kollegen, alle in den gleichen ausgewaschenen Overalls und alten Socken - die von Berufs wegen modebewusste Truppe hat sich blau uniformiert. "Na, jetzt bin ich gespannt", sagt Wolf.

Für gewöhnlich bildet die hauseigene Akademie hier, auf Schloss Reichenschwand in der Nähe von Nürnberg, unter anderem in Rechnungswesen und Einkauf weiter. Heute ist das Programm bunter, Actionpainting steht auf dem Plan. Alle sollen zusammen ein Bild gestalten, möglichst actiongeladen - was immer das heißen mag.

Welchen tieferen Sinn dieser Freizeitspaß für die Firma hat, erschließt sich nicht automatisch. In der Managementsprache firmieren solche Kurse unter "Teambuilding", sollen also irgendwie gut fürs Betriebsklima sein.

Die Künstlerin Etelka Kovacs-Koller, 60, braun gebrannt und das Haar zurückgebunden, stimmt die blaue Gruppe ein: Hier Pinsel, da Schwämme und Paletten, dort Acrylfarbe, nur die Grundtöne, sonst wird's zu technisch. "Ich werde Musik abspielen, sehr laut. Die gefällt vielleicht nicht jedem. Ich mache das, damit ihr nicht zuviel nachdenkt beim Malen."

Bässe wummern im Techno-Tempo. Michael Pfeffer und Tobias Rau trauen sich als erste nach vorn, zwei Filialleiter mit zurückgegelten Haaren. Sie sehen im Overall sehr jungenhaft aus. Zunächst ein paar Pinselstriche, doch die verlieren sich auf der Malfläche aus Pappbögen, 1,50 Meter hoch und acht Meter breit. Wolf gesellt sich dazu.

"Viele BWLer sind unglaublich kreativ, aber produzieren selten etwas"

Etelka Kovacs-Koller bietet seit 1991 Action Painting-Workshops für Firmen an. Dass auch Business-Männer gerne mit Farbe klecksen, lernte sie auf der Einweihungsfeier einer Bank. Man hatte sie für ein Live Action Painting engagiert. Als sie fertig war, fragten mehrere Anzugträger, ob sie auch mal probieren dürften. Wenig später flog die Farbe, einige Tropfen landeten auch auf den Anzügen, aber es war allen egal. "Da habe ich gemerkt, wie viel Kraft man aus der Malerei für den Alltag mitnehmen kann", sagt Kovacs-Koller.

Wie viele Firmen sie schon mit Siebdruckkartons, Acrylfarben und blauen Overalls besucht hat, kann die Künstlerin nicht mehr genau sagen. Zu ihren Kunden zählen Konzerne wie Abbott, L'Oréal Lancome, Novartis, UBS und Roland Berger, aber auch Universitäten, Landratsämter und Stadtverwaltungen. "Viele Betriebswirtschaftler und Techniker sind unglaublich kreativ, aber produzieren selten etwas", sagt Kovacs-Koller.

Das Malen sei für viele eine ganz neue Erfahrung - "für die sie aber erst mal vergessen müssen, was die blöde Kunstlehrerin ihnen eingeredet hat". Sie geht davon aus, dass jeder malen kann. Bisher habe noch kein Mitarbeiter den Workshop verweigert: "Die Handvoll, die keine Lust darauf hat, wird von der Gruppe mitgerissen."

Dick auftragen!

Inzwischen wird der Leinwandplatz knapp, es entsteht freundliches Gerangel um die freien Quadratzentimeter. "Erst habe ich in meinem abgesteckten Bereich gemalt", sagt Michael Wolf, "jetzt läuft alles zusammen." Derweil verziert eine junge Controllerin seine letzten Farbflächen mit einer Sonne. Eine Damengruppe am anderen Ende des Raums probiert, ob man die elastischen Farbflaschen als Klecksfeuerwaffe verwenden kann. Man kann. Die Farbe läuft in dicken Tränen die Pappbögen hinab. So durfte man früher nicht herumsauen, mit dem Malkasten im Schulunterricht.

Irgendwann reichen die Leinwände nicht mehr. Die vorwitzigsten unter den Kollegen bemalen bald Overalls mit Smileys und Handabdrücken und spritzen sich mit den Pinseln voll. Eine Stimmung wie auf Klassenfahrt, die Wolf amüsiert beobachtet.

Plötzlich stoppt die Musik, Kovacs-Koller schreitet ein: Man könnte jetzt ewig so weitermalen, aber am Ende wäre das Bild grau, weil sich alles mit allem mischt, erklärt sie. Ganz schnell haben sich alle unter Kontrolle. Das ist schließlich Arbeit hier - oder? Die meisten setzen sich vor den Gruppenraum in die Sonne, zur Zigarette danach. Schweigen. Dann stößt Sebastian Gradinger, der Leiter der Wöhrl Akademie, das Gespräch an. Michael Wolf lobt die entspannte Stimmung: "So viele Frechheiten gesteht man sich im Arbeitsalltag normalerweise nicht zu."

Rückverwandlung mit Waschpaste

Schließlich folgt die Rückverwandlung mit Hilfe von Waschpaste. Auf dem Weg zum Mittagessen, knapp zwei Stunden nach Beginn des Workshops, sehen alle wieder aus wie Wöhrl-Mitarbeiter. Die Acrylfarbe aber wird sich noch tagelang an den Rändern der Fingernägel halten. Lars Knobloch, der Partner der Künstlerin, resümiert: "Wir haben heute sieben Liter Farbe verbraucht."

Alle hatten ihre Gaudi. Aber was hat das ganze gebracht? Filialleiterin Katrin Feist, ein Vierteljahr später befragt, sagt: "Es ist eine gemeinsame, positive Erinnerung", sie kommt darüber mit Kollegen leicht ins Gespräch. Michael Wolf hat für sich mitgenommen, wie sehr er bei der Zusammenarbeit mit Kollegen auch von deren Beitrag abhängt. "Wenn der Nachbar mir ins Bild malt, muss ich mir überlegen: Sehe ich das als Grenzüberschreitung, oder kann ich mit ihm gemeinsam etwas anderes schönes daraus machen?" Einen DIN-A4-großen Ausschnitt des Gemäldes haben sich Wolf und Feist ins Büro gehängt.

Das gemeinsame Malen fördere die Kommunikation und das Wir-Gefühl, sagt Etelka Kovacs-Koller - schon weil jeder den gleichen blauen Overall trage. Hierarchien verschwinden, rationale Entscheidungen rücken in den Hintergrund. Die heilsame Lehre: "Viele von uns wollen ihr Leben genau planen und fürchten sich vor dem Zufall. Beim Malen merkt auf einmal, dass man mit Zufällen umgehen kann."

  • Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist Redakteur von KarriereSPIEGEL und manager magazin online.

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insgesamt 12 Beiträge
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kompetenzfabrik 11.08.2012
1. Es bleibt ein positives Erlebnis
"knapp zwei Stunden nach Beginn des Workshops, sehen alle wieder aus wie Wöhrl-Mitarbeiter." Positive Emotionen und gemeinsame Aktionen sind unter anderem wichtige Bestandteile für gute Beziehungsgestaltung. Hier noch zusätzlich der Spaßfaktor, schöner als damals in der Schule. Spaßbremserargument: wir sollten doch auch schaffen, im normalen Arbeitsalltag Aktionen hinzubekommen, die Spaß machen und an die wir uns lange erinnern: Die besonders gute Besprechung, das tolle Projekt, die erfolgreich bewältigte Krise, die erreichten Ziele. Teaming als Weg von der Kooperation zur Kollaboration. Zusammenarbeit kann auch gut gelingen und Freude bereiten.
hcr.bue 11.08.2012
2. action-painting,
das gibts im kunstunterricht seit den 70iger jahren des vorigen jahrhunderts. und der erfinder ist nicht Frau Etelka Kovacs-Koller, sondern Jackson Pollock. (empfehlung*: «*Pollock*» von und mit Ed Harris, 2000, fantastischer film!) ist ja erfreulich, wenn firmen-angehörige in den genuss von action-painting kommen, aber warum muss die dame auf eine "blöde Kunstlehrerin" verbal einschlagen? meint sie eine bestimmte? oder will sie ganz allgemein das fach kunst in der schule verunglimpfen? als steilvorgabe für stundenplan-kürzer? damit unsere kinder und jugendlichen noch weniger kunst in der schule erleben? vielleicht liegt es ja auch am journalisten, der dieses zitat zum titel gemacht hat. teacher-bashing geht immer gut, nicht wahr? kennen wir nicht erst seit G. Schröder...
cythere 11.08.2012
3. Erbarmen!
Hmmmhm. Orchideen am Empfang haben wir schon, Repliken balinesischer Tempelwächter erfreuen uns auf den Toiletten, der Fuhrpark ist erneuert - wir brauchen dringend noch eine handvoll Betriebsausgaben - und seien diese noch so schwachsinnig. Ja, ja, kreativ ist immer gut. Kreativ und innovativ. Das machen wir. Super! Erbarmen!
tigermommy 11.08.2012
4. Sie entlarven sich selbst ...
Zitat von kompetenzfabrik"knapp zwei Stunden nach Beginn des Workshops, sehen alle wieder aus wie Wöhrl-Mitarbeiter." Positive Emotionen und gemeinsame Aktionen sind unter anderem wichtige Bestandteile für gute Beziehungsgestaltung. Hier noch zusätzlich der Spaßfaktor, schöner als damals in der Schule. Spaßbremserargument: wir sollten doch auch schaffen, im normalen Arbeitsalltag Aktionen hinzubekommen, die Spaß machen und an die wir uns lange erinnern: Die besonders gute Besprechung, das tolle Projekt, die erfolgreich bewältigte Krise, die erreichten Ziele. Teaming als Weg von der Kooperation zur Kollaboration. Zusammenarbeit kann auch gut gelingen und Freude bereiten.
Danke! Wer keinen Bock auf sinnlosen u.v.a. teuren Ringelpiez mit Anfassen hat ist dann eine Spaßbremse. Die Argumentation schreit zum Himmel und der Grundtenor ist wie immer Intoleranz.
tigermommy 11.08.2012
5. Und wie zu erwarten ...
Zitat von sysopMatthias KaufmannDas Betriebsklima in Ihrer Firma ist nicht das beste? Es könnte helfen, die Kollegen einfach mal mit Farbe zu beklecksen. Die Künstlerin Etelka Kovacs-Koller bietet dafür Seminare an. Die machen Spaß - aber bringt das was fürs Unternehmen? http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,848898,00.html
die neueste Marotte aus der Klamottenkiste Teambuilding. Ach und wer nicht mitmacht ist ne Spaßbremse ... ätschibäääätsch!
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