Ärzte aus dem Ausland Herr Doktor, können Sie mal herkommen?

Ob als Landarzt oder im Krankenhaus - Tausende von Arztstellen bleiben offen, Deutschland braucht gute Mediziner aus aller Welt. Fachwissen allein reicht aber nicht. Oft wird die Sprache zum Problem, und auch sonst erleben versierte ausländische Mediziner kleine Schocks.

DPA

Myroslava Lukasevych, 46, war zehn Jahre Chefärztin in einer Klinik in der Ukraine. Jetzt lebt sie in Bremerhaven, macht eine zweijährige Facharztausbildung zur Gynäkologin und lobt das deutsche Medizinsystem: "das beste der Welt". Daran wollte die Ukrainerin teilhaben. Und landete in der Praxis des Gynäkologen Hubert Georg Neuwirth.

Der Anfang war ein Schock für die erfahrene Ärztin. Sie kam schnell an ihre sprachlichen Grenzen, all das Unbekannte überforderte sie: die Technik, das System, die neue Stadt - und ihr Mann und ihr erwachsener Sohn waren weit weg. "Alles zusammen war das eine große Belastung", so Lukasevych.

Gynäkologe Neuwirth stand ihr zur Seite. Er ist immer auf der Suche nach Ärzten, als Geschäftsführer der Bremerhavener Praxiswelten für Gesundheit, eines Zusammenschlusses von Medizinzentren in der Region. Er möchte expandieren - und findet keine Mediziner. Allein in Bremerhaven hört nach Neuwirths Angaben in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Hälfte der Frauenärzte aus Altersgründen auf. Laut Bundesärztekammer können in den Krankenhäusern bundesweit mehr als 6000 Arztstellen nicht besetzt werden.

Gut 30.000 ausländische Ärzte arbeiten in Deutschland

"Wir bekommen ständig neue Praxen angeboten, weil kein Nachfolger gefunden wurde", sagt Neuwirth. Also entschloss er sich, Hilfe aus dem Ausland zu holen. Und ließ sich auf ein Experiment ein: Er bildet zwei Jahre lang Myroslava Lukasevych in seiner Frauenarztpraxis weiter.

Fotostrecke

15  Bilder
Vorurteile unter Ärzten: Ich, Halbgott
Mehr als 28.000 ausländische Ärzte arbeiteten 2012 in Deutschland, die meisten in Krankenhäusern; zehn Jahre zuvor waren es laut Bundesärztekammer halb so viele. "Wir profitieren von der Erfahrung der ausländischen Ärzte", sagte Kammersprecher Samir Rabbata. Entscheidend sei aber, dass sie die Sprache beherrschten: "Es gibt inzwischen Krankenhäuser, in denen kaum noch ein Arzt richtig Deutsch spricht." Ein einheitlicher Sprachtest soll bald in ganz Deutschland gelten.

Lukasevych und Neuwirth zusammengebracht hat Helmut Verbeek aus Hagen im Kreis Cuxhaven. Er betreibt eine Zeitarbeitsfirma für den Lebensmittelbereich. Ein Personalchef eines Krankenhauses brachte ihn auf die Idee, auch ausländische Ärzte zu vermitteln. Seit Mitte 2012 hat er fünf Ärzte nach Deutschland geholt und hat unter anderem Kontakte nach Afghanistan, Iran und Irak, Libyen und Syrien.

Die meisten ausländischen Ärzte kommen aus Rumänien. Doch Potential sieht Verbeek woanders. So gebe es im Iran eine ähnliche Hausarztausbildung wie in Deutschland. "Iranische Ärzte wären prädestiniert dafür, verwaiste Landarztpraxen zu übernehmen", findet Verbeek. Von seiner Idee ist nicht jeder begeistert: "Ein Arzt sagte mir, er habe Bedenken, ob ein iranischer Arzt bei ihm auf dem Land mit offenen Armen empfangen würde."

Vorbehalte gegenüber der Ukrainerin Myroslava Lukasevych habe es in seiner Praxis nicht gegeben, sagt Neuwirth; sie habe "enormes Fachwissen". Aber praktizieren darf sie erst mit der Facharztanerkennung. "In erster Linie bedarf es des weiteren Ausbaus ihres technischen Know-how", so der Frauenarzt. Ultraschallgeräte etwa kann sie nicht bedienen, "dafür gab es extra Ärzte an ihrer Klinik".

Inzwischen hat Lukasevych die ersten Wochen in der deutschen Praxis hinter sich und ist positiv gestimmt: "In einem guten Team ist alles möglich." Und ihr Mann soll nach Bremerhaven nachkommen, wenn sie ihre Facharztausbildung beendet hat.

dpa/end

insgesamt 125 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Spiegelleserin57 07.09.2013
1. wenn ausländische Ärzte die Sprache etwas beherrschen
können sie gut in Krankenhäusern arbeiten. In Unikliniken ist das gar kein Problem da diese sowieso international aufgestellt sind und die wissenschaftliche Sprache ist englisch. Auf dem Land herrschen noch sehr viele Vorurteile gegenüber Ausländern allgemein aber auch dort werden die Menschen sich umstellen müssen wenn sie sonst keinen Arzt bekommen. Es ist immer auch für Deutsche sehr schwer in einem anderen Bundesland auf dem Land Fuß zu fassen, da selbst diesen Menschen oft mit voruteieln und Abweisungen begegnet wird. Man bleibt da unter sich, spreche da aus eigenener Erfahrung und das unweit einer Großstadt.
Susi Sorglos 07.09.2013
2. Selbstschutz-Eigentor Numerus Clauses
Solange ambitionierte Menschen, die sehr gute Ärzte abgäben, draussen bleiben und nur wenige, gepamperte Streber als Arzt auf die Menschen losgelassen werden, solang werden wir Heilkunst importieren müssen. Denn die wahren Heilkünstler drängen wir selber durch den NC weg.
suedbaden6 07.09.2013
3. Alles schon mal dagewesen
Wenn in Deutschland die Gewinnmaschine klemmt, müssen die Löhne runter. Wenn die gierigen Arbeitnehmer nicht spuren, greift man auf Billigangebote zurück. In den 70ern waren das die Türken und von diesen Billigimporten in unser Sozialsystem profitieren die Verursacher noch heute. Die sozialen Nebenkosten, die der Import der "ausländischen Mitbürger" verursachte, dienen heute noch als Propagandamunition für den Sozialabbau wg."Demografieproblem" und die Forderung nach weiterer Billig-Immigration wg. "Fachkräftemangel". Zur gleichen Zeit begann damals der Import der Ärzte aus dem Morgenland. Auch damals konnten kleinere Landkrankenhäuser nur mittels Ärzten aus Entwicklungsländern (Iran, Türkei, Syrien waren damals besonders beliebt) überleben. Krankenschwestern holte man gern aus Indien und Korea. Bis die Bürger Druck machten und unsere Politiker, die sich heute gern selbstironisch als "Elite" verspotten, begriffen, was sich da an der Wahlurne zusammenbraute. Plötzlich ging es, das Geld war da, und das Medizinwesen wurde auf einen (fast) konkurrenzlosen Stand gehoben. Simultan ebenfalls in den deutschsprachigen Ländern Schweiz und Österreich. Gehalten hat das damalige Niveau nur die Schweiz. Kein Wunder, dass unsere Politkaste nur eines mehr fürchtet als den Kommunismus: Das Selbstbestimmungsrecht in einer (der einzigen) wirklichen Demokratie. Kein Wunder, dass sie die Nachkriegs-Demokratien mit der gloriosen Erfindung der verbrüsselten Glühlampendemokratie elegant entsorgt hat. Die SPD hat es unter Schröder begonnen, FDP und CDU vollenden es unter Aufsicht des Grünen Wächterrates. Vielleicht gibt es bis zur übernächsten Wahl ja eine wirkliche Alternative zu diesen Retroliberalen Blockparteien.
dx111ge 07.09.2013
4. einfach mal in Deutschland ausbilden !
aber wozu planen, die sind ja auch viel billiger aus dem Ausland ...
marthaimschnee 07.09.2013
5.
Mal abgesehen von all den übrigen Punkten zum angeblichen und wenn dann bewußt herbeigeführten Fachkräftemangel: Gibt es in den Ländern, wo die Ärzte herkommen, denn ein Überangebot? Wenn ja, wieso ist das möglich, wenn hier in einem der reichsten Ländern der Welt das Gegenteil "alternativlos" ist. Wenn nein, dann verursacht das noch mehr Probleme, als diese Länder eh schon haben!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.