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Air Berlin

Dürfen Arbeitnehmer sich kollektiv krankmelden?

Wenn sich plötzlich viele Arbeitnehmer krankmelden, steckt dahinter offensichtlich ein abgesprochener Ausstand - doch ein Unternehmen kann nicht viel dagegen tun. Es sei denn, jemand hat zum wilden Streik aufgerufen.

DPA

Ärztliches Attest

Dienstag, 12.09.2017   16:08 Uhr

Ganz plötzlich wurden 200 der 1500 Air-Berlin-Piloten am Montagabend und Dienstagmorgen krank. Das jedenfalls teilten sie ihrem Arbeitgeber mit - und erschienen nicht zur Arbeit. Die Folge: 100 Flüge fielen aus.

Natürlich sind die 200 Piloten nicht alle spontan bettlägerig. Sie wollen mit dieser Aktion offenbar ihre Sorge um ihre Arbeitsplätze ausdrücken und gegen die Unsicherheit protestieren. Air Berlin hatte Mitte August Insolvenz angemeldet. Am Freitag endet die Bieterfrist.

Indes: Ein legales Arbeitskampfmittel sind kollektive Krankmeldungen nicht, wie der Bonner Arbeitsrechtsprofessor Gregor Thüsing sagt. Wer sich krankmeldet, ohne es zu sein, begeht Vertragsbruch. Ihm kann außerordentlich gekündigt werden.

Das Problem ist jedoch, dass ein Unternehmen eine "Go Sick"-Aktion in der Praxis nicht nachweisen kann. Er muss für jeden Arbeitnehmer prüfen, dass eine Krankmeldung nur fingiert war, wie Thüsing sagt. Zudem würden, wie Arbeitsrechtler Robert von Steinau-Steinrück betont, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, die ein Arbeitnehmer meist nach drei Kalendertagen vorlegen muss, eine "fast unerschütterliche Beweiskraft" zugesprochen - auch hier habe der Arbeitgeber kaum eine Chance, diese zu widerlegen.

Eine Gewerkschaft haftbar zu machen, ist "ebenfalls schwer", sagt von Steinau-Steinrück. Wäre eine kurzfristige kollektive Krankmeldung gesteuert, dann wäre sie ein wilder Streik, wer dazu aufruft, hat Schadensersatzpflicht. Deshalb erklärte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit wohl am Dienstagmorgen umgehend, sie habe bei Air Berlin "zu keinem Zeitpunkt dazu aufgerufen, sich krankzumelden".

Wer zum wilden Streik aufruft, kann haftbar gemacht werden

Eine Haftung käme wohl auch ziemlich teuer: Laut von Steinau-Steinrück kann sich eine Fluggesellschaft bei der Krankmeldung zahlreicher Piloten nicht auf außergewöhnliche Umstände berufen - muss also im Ernstfall Entschädigungen für die Passagiere und ihre eventuelle Ersatzbeförderung zahlen.

Der Berliner Arbeitsrechtler nennt die kollektive Krankmeldung zusammenfassend ein "extrem schlaues Mittel". Zuletzt zu beobachten war es im vergangenen Herbst, als Piloten und Kabinenpersonal des Ferienfliegers Tuifly mehrere Tage lang für Verspätungen und Ausfälle sorgten. Im November 2015 kämpfte die Lufthansa kurz vor einem regulären Streik der Flugbegleiter mit dem Problem - wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß.

Bei Air Berlin arbeiten rund 8000 Beschäftigte, die bei einem Verkauf einzelner Teile oder des Unternehmens als Ganzes nichts mitentscheiden können. "Angst und Wut der Air Berliner eskalieren, weil es hier um Existenzen ganzer Familien geht", teilte die Gewerkschaft Verdi mit. Streiken dürfen sie aber nur, wenn es darum geht, einen Tarifvertrag durchzusetzen, und dies auch nur außerhalb der Friedenspflicht.

Ein Teil der Belegschaft betreibe ein "Spiel mit dem Feuer", erklärte Konzernchef Thomas Winkelmann angesichts der spontanen Personalausfälle. Noch während des Crewbriefings vor dem Flug und auf dem Weg zum Flugzeug habe es "zahlreiche Krankmeldungen" gegeben, erklärte Air Berlin. Dafür habe die Airline "überhaupt kein Verständnis".

Die Krankmeldungen seien "existenzbedrohend" für die Airline. Der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus erklärte, die Ereignisse vom Dienstag "gefährden das gesamte Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung massiv". Sollte sich die Lage nicht kurzfristig ändern, müssten Betrieb und Sanierungsbemühungen eingestellt werden.

Auslöser für den Ausstand war offenbar ein geplatztes Gespräch am Montag. Insidern zufolge drängen Vertreter der Piloten seit Langem das Management, bei der Übergabe der Air-Berlin-Betriebsteile auf die neuen Betreiber (voraussichtlich größtenteils die Lufthansa-Gruppe) eine Sozialauswahl stattfinden zu lassen. Dies würde bedeuten, dass viele ältere und hochbezahlte Piloten ihre Jobs beim künftigen Arbeitgeber behalten könnten.

lgr/AFP

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