Aktienhändler "Ein Geschäft pro Tag reicht für ein fünfstelliges Gehalt"

Der Lack ist ab bei Börsenhändlern, spätestens seit der Finanzkrise ist ihr Ruf ruiniert. Statt auf dem Parkett ins Telefon zu brüllen und Millionen zu verdienen, starren Trader heute auf Monitore. Manche versuchen ihr Glück in Dubai - auf eigene Rechnung.

Leonardo DiCaprio spielt in "The Wolf of Wall Street" Aktienhändler Jordan Belfort
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Leonardo DiCaprio spielt in "The Wolf of Wall Street" Aktienhändler Jordan Belfort


"The year I turned 26, I made 49 million dollars as the head of my own brokerage firm - which really pissed me off because it was three weeks shy of a million a week."

In "The Wolf of Wall Street" kokst sich Jordan Belfort alias Leonardo DiCaprio durch ein Leben zwischen Sex und Gier. 2000 Dollar für einen Telefonanruf, das ist für den Broker der übliche Fünf-Minuten-Lohn. Eine typische Hollywood-Story, möchte man meinen, doch die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Jordan Belfort wurde in den neunziger Jahren mit Wertpapierbetrug reich, 2003 wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt. Heute ist er ein gefragter Motivationstrainer.

Die Aussicht auf das große Geld gepaart mit ständigem Nervenkitzel - das hat für viele Trader auch hierzulande eine nicht unerhebliche Rolle bei der Berufswahl gespielt. Lange ging die Rechnung auf. Doch die Zeiten haben sich geändert. Für immer weniger Händler gibt es Jobs. "Automatisierte Prozesse ersetzen zunehmend die Händler", sagt Frank Herkenhoff, Sprecher der Deutschen Börse. Im deutschen Aktienhandel laufen inzwischen etwa 40 Prozent des Geschäfts komplett computergesteuert.

Dazu kommt, dass die Banken als Lehre aus der Finanzkrise nun deutlich strenger reguliert werden. Die Institute können an der Börse nicht mehr so wild zocken wie noch vor ein paar Jahren, also werden auch weniger Trader gebraucht. Während in den Jahren 2003 bis 2008 die Zahl der an der Deutschen Börse zugelassenen Aktienhändler um mehr als 40 Prozent auf knapp 5000 stieg, waren Anfang 2013 nur noch rund 4000 Händler gemeldet.

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Aktienhändler in London: Im Dauerfeuer der Algorithmen
Auch bei den Gehältern hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. "Der Job ist nach wie vor gut bezahlt, aber die Zeiten eines Gordon Gekko sind vorbei", sagt Vanessa Müller-Raidt, die im Jahr 2000 auf dem Frankfurter Parkett ihr Debüt hatte. Börsianer mit wenig Erfahrung verdienen ein Grundgehalt von rund 50.000 bis 100.000 Euro pro Jahr - abhängig vom Haus, für das sie arbeiten. Entscheidend sind die Boni und Provisionen, sie können das Jahresgehalt um ein Vielfaches übersteigen. Doch eine Festanstellung zu finden, ist gar nicht mehr so leicht.

Ein üblicher Weg zum Beruf des Händlers beginnt mit einer Ausbildung in einer Bank. Für die offizielle Zulassung zum Handel muss der Bewerber einen einwöchigen Lehrgang bei der Deutschen Börse inklusive Prüfung absolvieren. Dafür muss er nachweisen, dass er das deutsche Börsenrecht beherrscht, weiß, wie an der Börse Preise gebildet und Geschäfte abgewickelt werden. Er muss sich am Terminmarkt auskennen und das Handelssystem der Deutschen Börse beherrschen. Für die Finessen des Handwerks ist "Learning by Doing" angesagt. "Wir verfügen über Spezialwissen, das sonst in anderen Branchen nicht gefragt ist", sagt Vanessa Müller-Raidt.

"So einfach ist es nicht, sonst würde es ja jeder machen"

Ganz gern versuchen arbeitslose Händler deshalb ihr Glück an der Börse auf eigene Rechnung. "Es gibt etliche ehemals festangestellte Trader, die jetzt versuchen, das privat weiterzumachen", sagt ein inzwischen in Dubai arbeitender Händler. Mit Blick auf den Geldbeutel ist ein Neustart in Steueroasen beliebt. "Es sind einige hier, aber keiner redet gern darüber. Niemand will sich in die Karten schauen lassen", sagt der Börsianer, der selbst weiter als Angestellter arbeitet. Vor dem Umzug an den persischen Golf war er rund fünf Jahre in Frankfurt am Main bei einer mittelgroßen Privatbank, bei der es für ihn zum Schluss immer langweiliger geworden war.

Das Geschäft auf eigene Rechnung scheint für einige Trader ziemlich gut zu laufen. Ein Börsianer in Frankfurt am Main sagt, dass teilweise ein gutes Geschäft pro Tag genüge, um auch hierzulande auf ein fünfstelliges Monatsgehalt zu kommen. Aber längst nicht für alle läuft es rund. "Auf eigene Faust zu handeln, ist gar nicht so einfach", sagt ein Ex-Händler. Die Schwierigkeiten fingen schon damit an, dass man zuerst ein gewisses Kapital brauche, um überhaupt lukrativ handeln zu können. Und Verluste seien besonders schmerzhaft, wenn sich dadurch der private Geldbeutel leert. "So einfach ist das Geld nicht verdient, sonst würde es ja jeder machen und in seinem Garten arbeiten."

Vanessa Müller-Raidt gehört jetzt ein Kino in Kronberg im Taunus, etwa eine halbe Stunde entfernt von Frankfurt am Main. Sie ist aus eigenem Antrieb ausgestiegen und hat sich einen Traum erfüllt, als im vergangenen Sommer das Kino zum Verkauf stand. Dafür hat sie einen sicheren Job gekündigt und ist ohne dicke Abfindung gegangen. "Beim Abschied hatte ich ein lachendes und ein weinendes Auge", sagt sie.

Froh ist sie darüber, nicht mehr immer längere Handelsstunden vor dem Computer sitzen zu müssen. "Das ganze Geschäft ist so techniklastig geworden, dass man als Händler fast nur noch wie ein Controller agieren kann", erinnert sie sich. "Zum Schluss ging es nur noch um Geschwindigkeit, man hatte kaum noch Entscheidungsspielraum." Der Abschied von den Kollegen fiel ihr allerdings schwer - und auch das einst sichere Gehalt vermisst sie hin und wieder.

Kirsti Knolle/Reuters/vet

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robert@act3d.de 15.02.2014
1. zuviel Geld
Solange die Märkte mit billigen Geld gespült werden sind Gewinne leicht zu machen, nur hat die Konkurrenz halt zugenommen. In Dubai u. Singapur geht das ebenfalls, aber nur wen man hier an die Geldgeber rankommt, immerhin sind das die größten Schwarzgeld-Waschanlagen der Welt. In Dubai waschen die Russen, in Singapur die Chinesen und alle Banken der westlichen Welt mischen da mit.
berggala 15.02.2014
2. aha?
"...Und Verluste seien besonders schmerzhaft, wenn sich dadurch der private Geldbeutel leert..." Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich die Einstellung ändert, wenn es ums eigene Geld geht. Hier könnte man politisch ansetzen, indem die Haftbarkeint für hochriskante Zockereien den eigenen Geldbeutel leichter machen. Für mich der einzig Weg, dieser gierigen Meute Einhalt zu gebieten. Wir brauchen Makler, aber es muss wieder ein normaler, gut bezahlter Beruf mit kühlen Köpfen werden. Diese Superlative müssen enden.
fd53 15.02.2014
3. es wird noch immer wahnsinng viel verdient
Da gibt es an der Londoner Börse als Börsenhändler u.a. einen gebürtigen Kolumbianer. Dem genügen nicht mal die Geldtürme eines Donald Duck. Der ist inzwischen so reich, dass er zur Verwaltung seines als Börsenhändler an der Börse erzockten Vermögens in Belgien eine Firma mit über 180 Mitarbeitern beschäftigt. Diese Vermögensverwaltung seines realen Vermögens tritt öffentlich als Eigentümer von dutzenden (!) Firmen auf und angeblich gehört diese Firma einem komplizierten Geflecht. Ein Besitzteil von vielen ist eine Firma in den Niederlanden, die wiederum als angeblich eigenständiger Besitzer von ca. 8% der real ihm gehörenden Immobilien auftritt. Und dazu gehören u.a. mehrere Wohnanlagen in der BRD mit zusammen mehr als 25 000 Wohnungen. Für einen kleinen Teil dieser Wohnungen (etwa 5000) tritt übrigens eine Berliner Firma als Verwalter auf. Wegen ihrem extrem miesen Ruf gibt sich diese Berliner Wohnungsverwaltung alle 2-3 Jahre einen neuen Namen. In den Forbes-Listen der Milliardäre taucht der Kolumbianer trotz einem realen Vermögen von mehr als 10 Milliarden übrigens nicht auf. Aber wer zahlt schon gern Steuern? Die Infos habe ich von einem seiner Freunde in den VAE. Meine Quelle "arbeitet" bei einer Bank in Abu Dhabi, die den Bruchteil des Vermögens einer saudischen Persönlichkeit verwaltet.
gustavsche 15.02.2014
4. Gegenfrage:
War der Ruf der Börsenhändler jemals gut? Schon der alte Kosto hat sich über die Börsenhändler lustig gemacht. Und auch ich halte nicht viel von den professionellen Akteuren an der Börse, wie z. B. Fonds-Manager. Daher kaufe ich Aktien, anstatt solches Personal durchfüttern zu müssen, so wie es Fonds-Sparer tun.
fridericus1 15.02.2014
5. Um diesen ...
... 30jährigen Soziopathen, die die Welt vor ein paar Jahren an den Rand des Abgrundes getrieben haben, endlich Zügel anzulegen, sind einige Maßnahmen notwendig. Hier ein paar Beispiele: 1. Sofortige echte Verstaatlichung aller Börsen und börsenähnlicher Einrichtungen als Ersatz für die aktuelle Pseudoaufsicht. Danach: Börsenpflicht für alle Geschäfte. 2. Konsequente Trennung von Investmentbanking und klassischem Bankgeschäft. Wenn eine Bank zocken will, dann nur über eine Tochtergesellschaft, die wirtschaftlich und haftungsrechtlich vom übrigen Geschäft vollständig getrennt ist. 3. Eine Börsenumsatzsteuer, die sich am Geschäftsvolumen orientiert und nach oben offen ist, Beispiel: 1 %. Die ganze Tickzockerei um die fünfte Nachkommastelle ist damit obsolet und die ganzen windigen Buden, die damit ihr Geld verdienen, können wieder auf ehrliche Weise ihr Geld verdienen. 4. Drastische Einschränkung aller Termingeschäfte. Grundsatz: nur noch derjenige darf Termingeschäfte machen, der auch effektiv in den betreffenden Waren handelt. Beispiel: Termingeschäfte in Öl dürfen nur Mineralölfirmen tätigen, die über die entsprechenden Bestände verfügen. Wenn dies nur national umsetzbar ist, auch gut. Sollen die Zockerbuden eben ins Ausland abwandern und sich im Zweifelsfall von der Schweiz, Großbritannien, Bermudas oder wem auch immer retten lassen.
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